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Leprakranke bewohnten einst das Kloster

Rambin Leprakranke bewohnten einst das Kloster

Eigentümer Stralsund sucht für das Rambiner Gebäude einen Investor / Eine Seniorenresidenz ist gewünscht

Rambin. Bilderbuchwetter auf Rügen: Die einen putzen ihre Gärten heraus mit allem was prächtige Blüten verspricht. Andere begeben sich auf Spurensuche nach Gartenfreuden früherer Jahrhunderte. Rund 70 Interessenten führt Angela Pfennig, promovierte Gartenbauhistorikerin aus Stralsund, durch die alte Klosteranlage St. Jürgen vor Rambin. Ihr gelingt es, die historische Gestalt der Obstgärten, Parkflächen und alten Gemäuer lebendig zu machen: „Bis auf geringfügige Veränderungen ist die Anlage heute noch so, wie sie früher einmal war“. Im Laufe der Jahrhunderte jedoch habe Gartenbaukunst und Landschaftsgestaltung an dieser Stelle ihre Bedeutung verloren. Bis auf wenige liebevoll bearbeitete Schollen ist heute alles verwildert. Und der Verfall der Gebäude bleibt den Besuchern auch nicht verborgen.

Alles hängt mit der wechselvollen Geschichte von Gebäuden und Gärten am östlichen Rand des Rambiner Dorfkerns zusammen. Eigentlich war St. Jürgen nie ein richtiges Kloster, sondern zunächst Hospital und Zufluchtsort für Leprakranke, später Wohnanlage mit zugehöriger Kapelle. Und selbst die diente über lange Zeit nicht allein dem frommen Ritual, sondern zur Hälfte auch Wohnzwecken. Letzteres übrigens heute noch.

Solche Nutzungen an Ortsrändern von Dörfern und Städten gab es im 14. und 15. Jahrhundert viele in Vorpommern, sogar unter demselben Namen St. Jürgen. So wurde auch die Kapelle St. Jürgen in Barth mit Hospitalzimmern ausgebaut. „Das Kloster von Rambin allerdings ist das einzige, von dem wir genau wissen, dass es eigens als Hospital für Leprakranke gestiftet worden war“, sagt Angela Pfennig.

Stifter war 1334 der Stralsunder Ratsherr Godeke von Wickede, zu dessen Ehren in Rambin heute eine Straße benannt ist.

Nach Rückgang der Lepraerkrankungen wurden auch die anderen Gebäude auf dem Gelände in Wohnanlagen umgewidmet — damals bereits ein frühes Sozialprogramm für alte und schwache Menschen. Sie konnten sich hier zu überschaubaren Bedingungen in ein lebenslanges Wohnrecht einkaufen. Der Dreißigjährige Krieg hatte an den Anlagen von St. Jürgen erhebliche Schäden hinterlassen. Später konnte sich das Kloster mit Erweiterung des Grundbesitzes recht gut erholen, was mit Pachteinnahmen zur Finanzierung der gesamten Anlagen beitrug.

Im 17. Jahrhundert entstand das heutige „Langhaus“ mit dem auffälligen Relief an seiner südlich gelegenen Giebelfront. Es stellt den Heiligen Georg als Drachentöter dar. Schöpfer war der Stralsunder Bildhauer Christoph Nathanael Frees. Das 1840 entstandene so genannte Jubiläumshaus stellt in Architektur und Bauweise eine auffällige Besonderheit unter den Klostergebäuden dar. Wer aus Richtung Bergen kommend am Ortseingang von Rambin rechter Hand dieses Haus zwischen den Bäumen entdeckt, wird über die hoch gewölbten Fenster in den verzierten Backsteinrahmen staunen. Das Gebäude wurde seiner typischen Form wegen einst dem umtriebigen preußischen Baumeister Karl Friedrich Schinkel zugeschrieben, stammt aber in Wahrheit vom Stralsunder Stadtbaumeister Johann Michael Lübke. 1856 wurde gegenüber vom „Jubiläumshaus“ ein weiteres Backsteingebäude errichtet. Bis in die 60er Jahre diente es als Wohnung für den Klosteraufseher. Auch das „Chausseehaus“ neben der heutigen Landstraße 296 (alte B 96) entstand 1856 im Stil einer städtischen Villa. Heute gibt es keinen Klosteraufseher mehr. Am Gebäudebestand nagt der Zahn der Zeit. Nur wenige Gebäude sind noch bewohnt.

Die Gärten dienten von Anbeginn zur Selbstversorgung der Bewohner, teilweise auch sozialen Zwecken. Die Obstwiesen waren nämlich so ertragreich, dass ein Teil der Früchte über Altefähr nach Stralsund für Kinder des dortigen Waisenhauses verschifft werden konnte. Die Richtlinien für den Obstanbau gaben vor, dass nur drei bis höchstens fünf Sorten der gleichen Art angebaut werden konnten. Man findet hier noch einen kleinen Restbestand der alten Apfelsorte „Landsberger Renette" und des Birnenbaumklassikers „Clapp‘s Liebling“.

Ein großer Teil des Areals diente allein der Ästhetik. So ist heute noch der so genannte Schmuckplatz mit den großen Linden zwischen der Kapelle und dem „Jubiläumshaus“ ein Ruhepunkt fürs Auge. Die „Neuen Anlagen“ in der Nähe des Sportplatzes bekamen ihren heutigen Baumbestand im frühen 19. Jahrhundert mit den mächtigen Eichen und einer, infolge mangelhafter Pflege, inzwischen kranken Linde.

Die gesamte Klosteranlage, einschließlich des historischen Parks mit seinem alten Baumbestand, der Schmuckplatz, die Obstwiesen und Nutzgärten stehen unter Denkmalschutz.

St. Jürgen vor Rambin hat eine wechselvolle Eigentums- und Verwaltungsgeschichte hinter sich. Zeitweilig lag das Areal in Rechtsträgerschaft des damaligen Kreises Rügen, später in der von Rambin.

Heute ist die Hansestadt Stralsund Eigentümerin. Die versucht seit Jahren einen Investor zu finden, der alles in Erbbaupacht auf 50 Jahre für einen jährlichen Pachtzins von 16200 Euro übernehmen soll. Vor drei Jahren noch war in der Hansestadt zu hören, dass man eine hohe Nutzungsqualität anstrebe, gedacht sei unter anderem an eine Einrichtung als „exquisite Seniorenresidenz“. Der Investor müsse besondere Ideen für die Ausgestaltung von St. Jürgen mitbringen. Bislang hat aber noch niemand angebissen. Das Kloster St. Jürgen vor Rambin ist also noch zu haben.

Von Frank Levermann

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