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Rügen Mit 300 km/h ins Mittelalter
Vorpommern Rügen Mit 300 km/h ins Mittelalter
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00:00 15.07.2017
Philipp Richter und sein Esel Paul, den er auf der Bühne ständig hinter sich her zieht. Die beiden haben sich angefreundet. Quelle: Foto: Jens-Uwe Berndt
Ralswiek

Er stand für Roman Polanski vor der Kamera, singt in der Band Mixtape Songs der 80er und 90er Jahre und sorgt für Lacher als eine Hälfte den Comedy-Duos „Die Ruhmkugeln“ – Philipp Richter ist ein Multitalent. Und was er anpackt, gelingt. Nicht ohne Grund ist der gebürtige Chemnitzer bereits nach den ersten Aufführungen des neuen Störtebeker-Stücks „Im Schatten des Todes“ zum Publikumsliebling aufgestiegen. Kein Ding, könnte mancher meinen, denn immerhin hat Richter als kalauernder Bettelmönch die meisten Lacher. Ganz so einfach ist das Ganze aber nicht.

Störtebeker Festspiele: Philipp Richter wurde erst kurz vor der Premiere der kalauernde Sachse

Sein Einstieg bei den Festpielen war das, was man gemeinhin als Kaltstart bezeichnet. „Nachdem Zack, der ursprüngliche Darsteller des Bettelmönchs, sich bei einem Sturz vom Pferd verletzt hatte, rief mich Peter Hick an“, erzählt der 36-Jährige. „Ob ich die Rolle von Zack übernehmen könnte, fragte er mich – an einem Sonnabend.“ Sonntag war es unmöglich jene Leute zu erreichen, für die er gerade anderweitig auf der Bühne stand. Und auch am Montag, als er die Intendanz erreichte, machte er sich wenig Hoffnung, gab es für die Rolle seines zu dem Zeitpunkt aktuellen Engagements keine Doppelbesetzung. Und doch. „Wenig später kam die Information, dass ich das Angebot annehmen konnte. Niemand wollte mir Steine in den Weg legen.“

Hick holte ihn direkt aus Dresden ab. „In dreieinhalb Stunden bin ich bei Dir, hat er mir am Telefon gesagt“, erinnert sich Richter. „Wie das? Von Rügen bis Dresden sind es gut sechs Stunden“, antwortete ich. ,Du kennst mein Auto nicht’, meinte Peter Hick.“ Und wie vorausgesagt, habe der Intendant der Störtebeker Festspiele tatsächlich nach nicht einmal vier Stunden vor seiner Tür gestanden. „Auf dem Rückweg wollte ich eigentlich anfangen, meinen Text zu lesen – bei dem Tempo war daran aber nicht zu denken. Da konzentriert man sich auf andere Dinge“, schmunzelt er. Es ging mit 300 km/h zu Klaus Störtebeker – zurück ins Mittelalter. Zehn Tage Zeit hatte der Sachse bis zur Premiere. Spielen sollte er den „Kleenen“ – bei 1,90 Meter Körpergröße. Zack, mit bürgerlichem Namen Volker Michalowski, ist locker 30 Zentimeter kleiner. Trotzdem fanden alle am Ende, dass der Name beibehalten werden könnte. Ein „kleener“ Riese – das hatte Witz. „Eigentlich habe ich mehr während des Spielens meinen Text gelernt“, sagt Richter. „Und anfangs lastete ein großer Druck auf mir. Ich kannte das Buch nicht, wusste nicht, wer die Leute sind.“ Mit der Figur des Bettelmönchs, die – wie er sie selber schildert – ein bisschen keck, ein wenig trottelig ist, mit ihrer frechen Art gegenüber der Obrigkeit aber gut durchs Leben kommt, kam er schnell zurecht. „Das fällt inmitten so großartiger Kollegen sehr leicht.“

Schauspieler wollte Philipp Richter eigentlich schon immer werden – oder Zauberer. „So wie Copperfield“, sagt er. „Oder ein Rap-Star. Fanta 4 und Falco beeindruckten mich. Irgendwann habe ich mitbekommen, dass man das verbinden kann.“ Nach einem Engagement in einem Musicalstudio, wo „Fame“ und die „Rocky Horror Picture Show“ gespielt wurden, gründete er 1999 mit seinem besten Kumpel Christian Kuhn die „Ruhmkugeln“. Erste Auftritte gab es im Cinestar in Chemnitz, es folgten drei Jahre Ochsentour durchs Land. „Für mich war’s das Paradies“, versichert der Schauspieler. „Noch nie hatte ich soviel Geld verdient.“ Und doch liefen nebenher noch Bewerbungen an Schauspielschulen, bis beide schließlich in der Theaterakademie Vorpommern in Zinnowitz angenommen wurden. „Dort kannten alle unser komödiantisches Talent. besetzt wurden wir aber immer konträr – als Bösewichte oder extrem hässliche Typen.“

2006 war der Sachse im Kino als Nepomuk in dem Film „Peer Gynt“ zu sehen. Fast hätte es auch mit einem Leinwandauftritt in einem Hollywood-Streifen geklappt, aber die Schnittschere war unerbittlich.

„Das war in ,Ghostwriter’ von Roman Polanski“, erzählt Philipp Richter ohne Scheu. „Mein Auftritt wurde aber entfernt. Am Schneidetisch wird unerbittlich gearbeitet. Da geht es um Spielzeit und Geld.“ Anfangs sei er enttäuscht gewesen, als er aber von gestandenen Kollegen erfuhr, dass diese schon mit tragenden Sprechrollen vollständig aus Kinofilmen entfernt worden sind, gewann er eine andere Sicht auf das Erlebnis. „Man muss mit so etwas rechnen und darf nicht vergessen, dass bei so großen Hollywood-Produktionen die kleinsten Nebenrollen mit Schauspielern besetzt werden.“

Neben der Schauspielerei ist die Musik seine Leidenschaft. Als Macher genau wie als Fan. Aktuell steht er mit der Band Mixtape auf der Bühne, die Songs der 80er und 90er Jahre interpretiert. Das sei für ihn wie ein musikalisches Tagebuch. Auch mit den Funky Beats sei einiges abgegangen.

Selbst steht er mehr auf härteren Stoff. Guns N’ Roses verehrt er, Queen ebenso. Freddie Mercury ist für ihn der größte Sänger. Und Axel W. Rose werde schwer unterschätzt. Selbst als Interims-AC/DC-Frontman habe Rose aus Richters Sicht eine mehr als nur passable Figur gemacht.

Das Komödiantische liegt dem Riesen besonders im Blut. So ist Philipp Richter auch ein Meister der Parodien. Zum Repertoire gehören Leute wie Udo Lindenberg, Thomas Gottschalk, Homer Simpson, Bruce Willis und Helmut Kohl.

Hinter den Kulissen: Philipp Richter, der Bettelmönch

Thomas Kornack war als „Der Kurze“ in den ersten beiden Geschichten der aktuellen Störtebeker-Saga 2013 und 2014 der kalauernde Sachse. Mit seiner sympatischen Art machte er die komische Figur schnell zu einer der beliebtesten des gesamten Ensembles. Unerwartet verstarb Kornack im November 2014.

Danach wurde von der Intendanz vorerst keine spezielle ulkige Figur ins Stück integriert. Zwar gab es immer wieder humorvolle Szenen und Dialoge, jemand, der den Part der Ulknudel inne hatte, existierte aber nicht.

Mit dem „Kleenen“ kehrt nun der witzige Außenseiter wieder zurück. Anfangs sollte die Rolle Volker Michalowski, genannt Zack, übernehmen. Der verletzte sich aber kurz vor Premierenstart und fiel aus.

Philipp Richter sprang für Zack ein und übernahm die Rolle des witzigen Sachsen. Er hat zwar das schwere und langsame Sächsisch aus Chemnitz drauf, spricht auf Wunsch der Regie aber im Stück den etwas schnelleren und leicht schrillen Dialekt der Dresdner. Reiten darf Richter übrigens nicht. Verletzungsgefahr. Denn bisher hat er es nicht gelernt, ein Pferd zu lenken.

Nach der Saison will er aber unbedingt das Reiten lernen.

Jens-Uwe Berndt

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