Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Mit vier Jahren stand Berufswunsch fest

Gager Mit vier Jahren stand Berufswunsch fest

Thomas Koldevitz ist einer der letzten Inselfischer / Nur wenn der Bodden zufriert, bleibt er an Land

Gager. Wenn bei Thomas Koldevitz der Wecker klingelt, dann drehen sich die meisten seiner Nachbarn im Dorf noch einmal um im warmen Bett. Es ist 1.50 Uhr. Für ihn Zeit aufzustehen. Wie jeden Tag. Während die Kaffeemaschine in der Küche blubbert, streift er sich sein Flanellhemd über, zieht die rote Latzhose an und setzt den von Mama Annemarie Koldevitz gestrickten roten Pudel auf seine krausen, dunkelbraunen Locken. Sein Markenzeichen. In der alten Werkstatt nebenan warten das Ölzeug und die gefütterten Gummistiefel auf ihn, auf denen die angetrockneten Fischschuppen von der Arbeit der vergangenen Tage zeugen. Mittlerweile ist auch Sohn Florian zum Frühstück eingetroffen. Ein kurzes. Wie jeden Tag. Denn die Männer müssen runter zum Steg. Auf ihren „Seeadler“. Der Fischkutter soll pünktlich halb vier ablegen. Der große Scheinwerfer am Mast führt die Männer unter dem dumpfen Tuckern des Dieselmotors durch die Dunkelheit aus dem Hafen hinaus. Während Papa Thomas den Kurs hält, verschafft sich Sohn Florian online einen Überblick über das Wetter. „He slöppt dann noch beten in“, erzählt der Chef an Bord, während er mit durchschnittlich 6,5 Knoten 90 Minuten lang den Fangplatz ansteuert. „Hauptsächlich fischen wir in der Ostsee, in einem Bereich von drei Seemeilen vor der Küste zwischen Göhren und der Greifswalder Oie.“ Jeden Tag. Seit dem 4. Februar, als sie in die Heringssaison starteten. Denn die Europäische Union hatte die Quote für das „Silber der Ostsee“ von 74 auf 84 Tonnen erhöht. Und das haben die beiden Koldevitzens bis zur Deadline am vergangen Freitag auch aus den Netzen geholt. „Dafür wurde die Dorschquote dieses Jahr um 18 Prozent gesenkt. Wir dürfen nur sechs Tonnen fangen“, sagt der 46-Jährige mit Sorge aber ohne große Falten im Gesicht. Denn die harte Arbeit an der frischen Luft lässt seine Haut selbst im Winter aussehen wie die eines Sachsens im Sommerurlaub. Schier und glattgebügelt vom Wind. Es sei dennoch ein ständiger Überlebenskampf. „Am Ende des Jahres bleibt nichts übrig. Kredite laufen, neben meinem Sohn beschäftige ich noch Sandro Schulz und auch der Kutter, Baujahr 1984, muss regelmäßig gewartet und überholt werden. Das Geld verdienen wir von Februar bis Oktober. Von November bis Ende Januar gehen wir nicht raus. Der Dorsch ist zu wenig, der Hering noch nicht da. Und wenn Hafenbecken und Bodden zugefroren sind, ist ohnehin Zwangspause.“

Doch bereut hat Thomas Koldevitz seine Entscheidung für die Fischerei nie. Die fiel bereits als der damals noch blond gelockte Junge im Alter von vier Jahren seinem Onkel Werner Besch, nur wenige Gehöfte weiter, beim Netze flicken, Dorsch filetieren und Flundern räuchern über die Schulter schaute und auch schon eigene Aalkörbe hinter dem Schilf stellte. Als Schulkind stürzte er wie ein Wirbelwind aus der POS „Mönchgut“ die zwei Kilometer nach Hause, wo der Ranzen sogleich in die Ecke flog und Thomas direkt an den sogenannten Brink lief. Dort wartete er jeden Tag auf die Reusenbrigade, die acht starken Männer in der orangefarbenen, wasserabweisenden Kluft in ihren aneinander geleinten schwarz geteerten Holzbooten, die sich auf dieser Höhe vom „Knurrhahn“, dem sie in den Bodden schleppenden Motorboot losrissen. Sein erstes eigenes, sechs Meter langes Boot mit der Kennung GAG 19 ließ er 1986 mit Beginn seiner Lehre bei der Brigade V der Fischereigenossenschaft Mönchgut zu Wasser. Sein Vater, der Schlosser Werner Koldevitz baute ihm damals einen leistungsstarken Deutz Motor ein. Thomas war stolz. Und nun ein richtiger Fischer. Durch den ersten Platz im Betriebsberufsschulvergleich Sassnitz-Rostock konnte er seine Lehre 1988 sogar drei Monate früher als Vollmatrose der Hochseefischerei beenden. „Die Fischereigenossenschaft gewährte damals einen zinslosen Kredit. Da habe ich mich ausgestattet. Vom Ölhemd bis zur Netznadel.“ Die NVA aber machte keine Ausnahme und zog den vor Tatkraft strotzenden, leidenschaftlichen jungen Fischer ein. Am 1. Mai 1991 war es dann endlich soweit: Thomas Koldevitz machte sich, wie alle anderen Fischer der alten Genossenschaft, selbstständig. Es folgten 25 Jahre, in denen er viele Fischer die Segel streichen sah, weil neue Rahmenbedingungen das harte Handwerk zusätzlich erschwerten und vor allem Nachwuchs fehlte. Waren es in seinem Jahrgang an der Berufsschule des VEB Fischfang Sassnitz noch 17 Lehrlinge, kommen heute auf Rügen gerade mal drei zusammen. Thomas Koldevitz hatte Glück. Sein ältester Sohn Florian hat das Fischgen geerbt. Er lernte bei seinem Vater, geht täglich mit ihm an Bord und setzt die Stellnetze. „Die Fischerei bedeutet Verzicht. Wenn andere sich discofein machen, gehe ich ins Bett. Dafür sitze ich in der ersten Reihe, wenn über der Ostsee die Sonne aufgeht“, sagt Florian, der nicht nur das Wissen, sondern auch das markante Lachen von seinem Vater übernimmt.

Von Steffi Besch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OZ-Bild
mehr
Mehr aus Rügen
Verlagshaus Rügen

Markt 25
18528 Bergen auf Rügen

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag:
9.00 bis 12.30 Uhr und von 13.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Jens-Uwe Berndt
Telefon: 0 38 38 / 20 14 53
E-Mail: ruegen@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.