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Ohne Aufgaben geht es nicht

Sellin Ohne Aufgaben geht es nicht

Die frühere Lehrerin Hedwig Schönsee aus Sellin ist auch mit 85 Jahren noch nicht im Ruhestand

Sellin. Die, die sie gut kennen, sagen, sie sei so etwas wie die gute Seele von Sellin. Sie engagiere sich, kümmere sich, mische sich ein, ist gesellschaftlich aktiv. Und das seit Jahrzehnten. Hedwig Schönsee aber winkt ab. Sie mag nicht so recht im Mittelpunkt stehen. Auch nicht zu ihrem 85. Geburtstag. Aber sie freut sich, wenn ehemalige Schüler anrufen und ihr gratulieren. Ihr ganzes Arbeitsleben war sie Lehrerin und Sonderpädagogin, davon 36 Jahre lang an der Förderschule in Sellin.

„Wer Hilfe braucht, dem muss man welche geben.“ Für Hedwig Schönsee war das schon immer so. Als Älteste von sechs Geschwistern 1931 in Schönwalde/Ostpreußen (heute Polen) geboren, war ihre Kindheit kurz. Früh musste sie den Eltern zur Hand gehen. „Ich musste mit Verantwortung übernehmen. Das schlimmste für mich war, dass ich immer auf meine Geschwister aufpassen musste, ich zog immer einen Rattenschwanz hinterher, egal, ob ich lieber spielen wollte, das war eben so“, erinnert sie sich. Deshalb wollte sie auch nie Lehrerin werden, wie es ihr Vater ihr einmal voraussagte. Und damit beruflich in die Fußstapfen ihres Urgroßvaters treten. „Eigentlich wollte ich Gärtnerin werden oder Tierärztin“, sagt Hedwig Schönsee. Schon als Kind liebte sie Tiere, besonders Pferde. Ihr Vater hatte einen Bauernhof und eine Trakehnerzucht, er setzte sie mit zwei Jahren das erste Mal auf ein Pferd. Doch der Krieg und dessen Folgen änderten alles. Im Oktober 1945 sollte die Familie innerhalb von 24 Stunden den Hof verlassen. Zu Fuß machten sich Oma, Mutter und die sechs Kinder auf den Weg ins Ungewisse – ohne den Vater, der im Frühjahr 1944 noch zum Volkssturm eingezogen worden war.

„Meine Mutter hatte in der Nacht für uns alle aus Handtüchern Rucksäcke genäht, in die wir das Nötigste einpackten. Auch mein kleinster, dreijähriger Bruder hatte seinen Rucksack zu tragen“, sagt Hedwig Schönsee, die damals 14 Jahre alt war, das Gymnasium besuchte und für die der Krieg bisher weit weg war. „Auf der Flucht habe ich schlimme Szenen miterlebt, es war schrecklich.“ Mit dem Zug ging es über mehrere Stationen wie Berlin und Rostock bis ins nahegelegene Häschendorf. Dort fand die Familie in einem Zimmer im Gutshaus ein neues Zuhause. Ihre Schwester lebt immer noch dort, und Hedwig Schönsees Tochter ist dort auch hingezogen.

Neben der Arbeit in der Landwirtschaft half die große Schwester ihren Geschwistern bei den Hausaufgaben. Dass sie das gut konnte, blieb nicht unbemerkt. Und schon fand sie sich selbst auf der Schulbank wieder – bei der Grundausbildung zur Grundschullehrerin. Später folgte ein Fernstudium und die erste Anstellung auf Rügen. Nach Kasnevitz, Vilmnitz und Landow ging sie 1955 nach Sellin in die neueröffnete Sonderschule, machte nebenbei im Fernstudium ihr Sonderpädagogik-Diplom. Es war eine harte Zeit neben der Arbeit und der 1956 geborenen Tochter Christiane, die sie allein großzog.

„Ich wurde immer weggelobt, gefragt hat mich eigentlich keiner“, schmunzelt Hedwig Schönsee. Doch bereut hat sie den Lehrerberuf keinen Moment. „Ich habe Rotz und Wasser geheult, als ich in Rente ging, das hat mich damals schwer getroffen.“ Sie war damals 60 Jahre alt und noch voller Tatendrang. Und es war das Jahr 1991, als sich durch die politische Wende vieles geändert hatte. Auch im Bildungssystem. Den Standort der Förderschule in Sellin gibt es schon lange nicht mehr. An die Umbruchzeit und die vielen Auseinandersetzungen im Ort erinnert sich Hedwig Schönsee noch ganz genau, die acht Jahre hintereinander im Gemeinderat saß. „Wir als Linke hatten es anfangs richtig schwer“, sagt sie.

Ohne Aufgabe zu sein, das stellt sich Hedwig Schönsee „schrecklich“ vor. Sie würde gerne den Flüchtlingen helfen, Deutsch zu lernen, aber sie habe Bedenken wegen der Verantwortung, schließlich sei sie ja nicht mehr die Jüngste. Aber noch immer gut zu Fuß. Zum Fitnessprogramm zählen nicht nur die Treppen zu ihrer Wohnung in der 3. Etage, sondern auch die Vereinsmitgliedschaft bei den Wanderfreunden Sellin-Baabe- Göhren. Zudem öffnet sie jeden Dienstag ihre Wohnungstür für ein paar Frauen. Dann wird genäht, gestrickt, gehäkelt. Diesen Zirkel „Textiles Gestalten“ gibt es seit den 80er Jahren, als er auf Initiative des Klubs der Werktätigen entstand. Hatte man sich damals Jacken genäht oder Patchwork-Bilder im Kreiskulturhaus ausgestellt, so entstehen heute Socken, Brötchenbeutel, Taschen oder Karten, die auf dem Flohmarkt verkauft werden. Eigentlich wollte Hedwig Schönsee zu ihrem Ehrentag keinen großen Bahnhof machen. Doch dann haben sich doch alle angekündigt, die Bekannten, die Weggefährten, der Wanderverein, die Textildamen, der Bürgermeister. Die Jubilarin hat zusammen mit ihrer Tochter Kuchen gebacken, Suppe gekocht, Schnittchen geschmiert. „Das können wir alles noch selbst“, sagt sie lächelnd. Was sie sich noch so wünscht in ihrem Leben? Uroma werden zum Beispiel. Aber ihre beiden Enkelkinder lassen sich noch Zeit. Anna (34) ist Sozialpädagogin und stellvertretende Schulleiterin und Robert (36), Sport- und Fitnesstrainer, findet gerade als Quereinsteiger in den Lehrerberuf. . .

Gerit Herold

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