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Ohne sein Rad wäre er aufgeschmissen

Kapelle Ohne sein Rad wäre er aufgeschmissen

Mit seinem Elektro-Bike bleibt der 87-jährige Otto Buchholz, dessen Frau vor zehn Jahren starb, unabhängig

Kapelle. Bei Otto Buchholz liegt nichts herum. Flur, Küche, Stube sind picobello aufgeräumt, das Wachstuch auf dem Küchentisch ist blitzblank. Otto Buchholz sitzt am Tischende und lächelt versonnen. Dass er 87 Jahre auf dem Buckel hat, sieht man ihm nicht an. Schon gar nicht, wenn er an seine Jugend zurück denkt. Damals, so sagt er, war Kapelle von Leben und Kinderlachen erfüllt. Junge Bauernfamilien waren 1935 angesiedelt worden, jede bekam 15 bis 20 Hektar Land. Für die Neu-Kapeller wurden neue Häuser gebaut. In diese „Hitler-Siedlung“ war auch seine Familie gezogen.

 

OZ-Bild

Mit seinem Rad ist Otto Buchholz viel unterwegs, weil es zu Fuß für ihn zu beschwerlich ist.

Quelle: Fotos: Susanna Gilbert

Mit denen aus der Stadt haben wir getauscht – eine Gans für drei Flaschen Schnaps.“Otto Buchholz

Die Eltern Buchholz, die auf dem Gut Kapelle arbeiteten, hatten in dem Haus Otto und seine sechs Geschwister groß gezogen. „Da bekam nicht jedes Kind ein Zimmer.“ Vom Weltkrieg „haben wir nichts mitgekriegt“, sagt Buchholz. Zu essen gab es auf dem Hof genug. Wenn welche aus der Stadt kamen, wurde getauscht: „Eine Gans für drei Flaschen Schnaps – so war das damals.“ Nach der Schulzeit in Gingst lernte Otto beim Vater Landwirtschaft. Sechs Kühe, zwei Pferde, Hühner, Gänse, „alles, was zu einem Bauernhof gehört“, mussten versorgt werden. Das lief so bis 1974, dann „gingen die Tiere weg“, in die LPG, in der Buchholz als Brigadier Arbeit fand.

In der Freizeit war Otto am Strand von Kapelle. „Ganz Gingst hat früher hier gelegen.“ Erst als viele ein Auto hatten, fuhr man lieber nach Prora. Freunde brauchte sich der junge Otto nicht zu suchen, die Familie war groß genug. Bei Festen saßen zwölf Paare am Tisch, von den dazu gehörenden Kindern ganz zu schweigen. Und mit seinen Schwagern spielte er früher leidenschaftlich gern Pfennig- Skat. „Da ging es scharf zu.“

Auch Frau Johanna arbeitete in der LPG. Das Paar kannte sich von klein auf, Johanna war ein Nachbarskind. Man wuchs zusammen auf, kam sich näher. „Nun wird aber geheiratet“, hatten die Eltern schließlich entschieden. „Wir hatten 47 Jahre lang eine glückliche Ehe.“ Nach der Wende sind die Beiden viel mit dem Bus in Deutschland herum gereist. Seine Kinder seien schon viel in der Welt herum gekommen, „aber auf der Zugspitze, da waren sie noch nie“. Drei Sprösslinge – Gudrun, Hannelore und Horst – hat Otto Buchholz, dazu kommen sechs Enkel. Und wie viele Urenkel gibt es? „Da muss ich mal nachrechnen.“ Er überlegt einen Moment: „Sieben Stück.“

Vor zehn Jahren starb seine Frau Johanna. „Jetzt sitze ich allein in der großen Stube“, sagt der alte Mann traurig. Erst vor vier Wochen wurde ein Bruder beerdigt. Es ist einsam geworden. Von den einst jungen Familien sind fast nur noch Alte geblieben. „Wenn wir Nachbarn uns sehen, umarmen wir uns, aber wann sehen wir uns schon“, sagt Buchholz, dem das Laufen immer schwerer fällt. „Hundert Meter sind schon weit.“ Deshalb ist sein E-Bike sein ganzes Glück, damit bleibt er beweglich und kann sich weitgehend versorgen, denn einen Autoführerschein hat er nicht.

Zum Glück wohnt Tochter Gudrun in dem Teil des Hauses, in dem mal Stall und Scheune waren. Sie schaut nach dem Rechten. Einmal in der Woche kommt eine Haushaltshilfe zu Otto und putzt. Überhaupt ist der Tagesablauf des Seniors klar geregelt. Frühmorgens um sieben springt er aus dem Bett aufs Fahrrad und radelt zum Supermarkt nach Gingst, um sich die Zeitung zu holen. Nach dem Frühstück wird die erst einmal gelesen. Mittags macht sich Buchholz ein Fertiggericht warm. Nach dem Mittagsschlaf und einer Tasse Kaffee zum Wachwerden „setze ich mich vor die Tür und gucke auf die Straße“. Bei schönem Wetter und wenn ihn die Trauer um Johanna überfällt, setzt er sich nochmal aufs Fahrrad und fährt zum Friedhof. „Einsam fühle ich mich nicht“, betont er tapfer. Aber vor allem die Sonntagnachmittage „sind nicht mehr so wie früher“, als noch die ganze Familie an der Kaffeetafel saß.

Der Schimmelreiter von Sankt Privat

Unter den vielen Besitzern des Schlosses von Kapelle war Wilhelm von Esbeck-Platen wohl der eigenwilligste: Der Offizier hatte 1870 mit seinem waghalsigen Husarenritt bei der Eroberung eines französischen Städtchens als „Schimmelreiter von St. Privat“ Berühmtheit in der preußischen Armee erlangt. Es folgte eine Karriere bei Hof, von Esbeck-Platen wurde zum Kammerherrn und Zeremonienmeister der Kaiserin ernannt.

1924 , kurz vor seinem Tod, verfügte er, dass er im Park des von einer Tante geerbten Schlosses Kapelle mit seinem Pferd beigesetzt werden will. Sein Leibross „Fregatte“ wurde also hinter seinem Sarg geführt, dann erschossen und mit ihm beigesetzt. Später wurde die Grabanlage von Räubern geschändet, doch der Grabstein der „Fregatte“ steht bis heute im Garten der Gingster Handwerksstuben.

Susanna Gilbert

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