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Rügen Kriegshafen statt Urlaubsparadies
Vorpommern Rügen Kriegshafen statt Urlaubsparadies
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03:41 04.09.2013
So sahen die Pläne für die Festung Rügen aus. Im Großen Jasmunder Bodden sollten 314 Kriegs- und Hilfsschiffe samt dazu nötiger Häfen und Werften entstehen. OZ-Grafik: Olaf Maaß
Baabe

Das Jahr 1953 war ein tiefschwarzes Jahr in der Geschichte der DDR. Nach der Enteigungsaktion „Rose“ im Februar zur Verstaatlichung von Hotels, Erholungsheimen und Privatbetrieben kam es am 17. Juni aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Schieflage des Arbeiter- und Bauern- Staates zum Volksaufstand, der mit sowjetischen Panzern gewaltsam niedergewalzt wurde. Doch die Regierung musste zurückrudern. Zum Glück für Rügen. Denn damit wurden auch die Bauarbeiten für ein gigantisches Marineprojekt eingestellt, das nicht nur aus heutiger Sicht jegliche Vorstellungskraft sprengt.

Abgestimmt mit der Sowjetunion plante die DDR- und Marineführung Anfang der 50er Jahre den Aufbau einer überdimensionalen Flotte auf Rügen. Das streng geheime Rüstungsprogramm „Dokument Zeuthen“, von dem nur wenige Staatsfunktionäre wussten, sah den Neubau von 314 Kriegs- und Hilfsschiffen samt dazu nötiger Werften und Häfen am Großem Jasmunder Bodden im Zeitraum 1954 bis 1957 vor. Das heutige Urlaubsparadies Rügen hätte es nie gegeben.

„Es ist ein trauriges und ernstes Kapitel“, sagte Dr. Ingo Pfeiffer, ehemaliger Fregattenkapitän und Militärhistoriker aus Berlin, der zu dem Thema seit den 80er Jahren forscht. Seinem Vortrag am Montagabend im Baaber Haus des Gastes lauschten rund 100 Zuhörer. „Von den Hafenplänen wusste man, aber wir kannten den enormen Umfang nicht“, zeigte sich Baabes Bürgermeister Dieter Mathis erschüttert. Er hatte den Referenten in das Ostseebad eingeladen, um das Thema einem breiten Publikum bekannt zu machen.

Die Festung Rügen sollte offensichtlich Vorposten der sowjetischen Flotte werden. Obwohl dieser Rüstungswahnsinn bei weitem die Möglichkeiten der DDR überfordert hätte, wurde im Juli 1952 mit dem Bau begonnen. Im selben Jahr eröffnete in Sassnitz-Dwasieden die U-Boot-Lehranstalt der Volkspolizei See.

Bei Glowe sollte ein Durchstich gebaggert werden. Der 2,5 Kilometer lange Seekanal zwischen Bodden und Ostsee war mit einer Breite von 90 Metern und einem Tiefgang von 12 Metern projektiert. „Die Trasse verlief parallel zur alten“, erklärte Pfeiffer. Denn schon die Nazis träumten vom Kriegshafen auf Rügen mit U-Boot- Bunkern und begannen 1938 mit dem Bau des Kanals. 1940 wurden die Arbeiten eingestellt. Die ersten Pläne für einen Rügener Flottenstützpunkt hatte aber bereits die Preußische Regierung 1853. Doch schließlich wurde Kiel zur Marinehauptbasis.

2,55 Milliarden Mark hätte die DDR allein für den geplanten U-Boot-Stützpunkt samt 100 Meter langem Bunker in den Schwarzen Bergen bei Ralswiek ausgeben müssen. Das war ungefähr die Hälfte der absurden Summe für den gesamten Rügenhafen. Es sollten weiterhin an der Ostseite des Spyker Sees ein Fischerei- und Marinehafen mit drei Hafenbecken, eine Neubauwerft bei Polchow und eine bei Martinshafen, ein Handelshafen nördlich von Lietzow, eine Reparaturwerft nördlich von Ralswiek sowie Wellenbrecher im Großen Jasmunder Bodden entstehen. Außerdem sollten bei Kap Arkona, Lohme und Dornbusch (Hiddensee) große Küstenartilleriestellungen errichtet werden. Ebenso ein S-Bahn-Netz auf Rügen, unterirdische Tanklager bei Glowe, ein Fluglandeplatz bei Schaprode, Lazarette bei Lauterbach, 7,5 Hektar große ober- und unterirdische Lagerflächen in den Wäldern bei Gingst und Dreschvitz und ein zweiter Kanal vom Kleinen Jasmunder Bodden in die Tromper Wiek in Höhe der Feuersteinfelder.

Damit nicht genug: Auf Jasmund wollte man eine Mammutsiedlung für 100 000 Menschen aus dem Boden stampfen mit dem Namen „Friedensstadt“. Eine weitere für 30 000 Beschäftige war westlich von Ralswiek geplant.

Zehntausende Arbeiter wurden von der extra gegründeten Bau-Union Nord mit dicken Löhnen nach Rügen gelockt. Daneben schufteten 3200 politische Strafgefangene in Glowe, wo sie in KZ-ähnlichen Baracken hausten. Die Schaabe wurde zum Sperrgebiet erklärt. Die Bevölkerung sollte zwangsumgesiedelt werden. „Die Vorbereitungen zur Evakuierung von 640 Einwohnern aus Glowe, Buschvitz und Spyker liefen“, weiß Pfeiffer.

Doch es kam anders. Die Kunde vom Volksaufstand erreichte auch Rügen im Juni 1953. Die Bauarbeiter legten die Arbeit nieder und zogen zum Lager, um die Zwangsarbeiter zu befreien. Sie stürmten das Büro der Bauleitung und vernichteten Akten. Die seien deshalb unvollständig, sagt Pfeiffer. Und „Leider gibt es kaum Zeitzeugen.“

Mehrere Lager
3200 Strafgefangene schufteten für den Rügenhafen. Darunter waren Menschen, die im Zuge der Enteignungsaktion „Rose“ verurteilt wurden.

Ihr Lager befand sich im Waldgebiet in Richtung Schaabe. Um das Lager war Stacheldraht und ein Elektrozaun gezogen. Später wurde es Jugendwerkhof „Makarenko“. Die Baracken der anderen drei Lager für Bauleitung und Arbeiter wurden nach 1953 zum Teil als Ferienlager genutzt.

Gerit Herold

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