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Rügen Passé: Schlange stehen für Bratflunder
Vorpommern Rügen Passé: Schlange stehen für Bratflunder
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00:00 02.06.2016
Historische Aufnahme: Zu DDR-Zeiten ein gewohntes Bild – Schlange stehen vor dem Gastmahl des Meeres in Sassnitz. Quelle: OZ-Archiv
Sassnitz

Die Antwort nach seinem Lieblingsfisch kommt wie aus der Pistole geschossen: „Dorsch“, sagt Thomas Kursikowski. Statt fangfrischen Dorsch aus der Pfanne gab es für den Sassnitzer und seine Mutter Barbara gestern allerdings erst einmal jede Menge Blumen – zum Jubiläum. Kein einfaches, sondern gleich ein dreifaches. Der Grund: Seit vier Jahrzehnten ist die renommierte Adresse für leckeren Fisch, das „Gastmahl des Meeres“ an der Strandpromenade in Sassnitz, eng mit dem Namen Kursikowski verbunden, seit einem Vierteljahrhundert führen sie das Restaurant als Familienbetrieb, der seit zwei Jahrzehnten im Haus auch Hotelgäste empfängt und beherbergt.

Im Gastmahl des Meeres in Sassnitz gab es gestern zum Fisch jede Menge Blumen - zum Dreifachjubiläum.

SASSNITZ

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Redakteur: Udo Burwitz

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Im Restaurant „laufen“ historische Bilder über den Bildschirm. Sie zeigen eine lange Schlange vor dem „Gastmahl des Meeres“. Thomas Kursikowski muss schmunzeln: „Schlange stehen ist längst passé.“

Das sei zu DDR-Zeiten aber Usus gewesen. „Damals hatte das Lokal ja auch nur 35 Plätze. Aus dem Steggreif war ein Besuch kaum möglich, nur mit Reservierung. Jeder, der rein wollte, musste am strengen Oberkellner vorbei“, erinnert sich der 48-Jährige. Die Bilder seien für ihn Kindheitserinnerung. „Schlange stehen war noch gang und gäbe, als mein Vater Jürgen 1976 Leiter vom Gastmahl des Meeres wurde, das damals eine HO-Gaststätte war.“

„Hier hat sich mein Vater seinen Lebenstraum vom eigenen Restaurant erfüllt“, legt Sohn Thomas nach. Denn ursprünglich ist Vater Jürgen zur See gefahren – als Hochseefischer. Nach der Wende packte der Leiter der einstigen HO-Gaststätte die Chance beim Schopfe. Jürgen Kursikowski übernahm das Gastmahl des Meeres von der Treuhand. Zunächst auf Pachtbasis. 1995 erwarb er es. „Eine Woche nach dem Kauf rückte im September der Abrissbagger an“, erinnert Thomas Kursikowski. Der Altbau wich einer Großinvestition. Jürgen und Barbara Kursikowski bauten neu und größer. Im Obergeschoss des Neubaus konnten sie 1996 einen Hotelbetrieb mit 12 Doppelzimmern eröffnen.

„Ich bin in die Fußstapfen meines Vaters getreten“, resümiert Thomas Kursikowski und bedauert, dass der die Früchte seiner Arbeit nicht lange genießen konnte. Vater Jürgen ist bereits im Jahr 2001 verstorben. „Wie bei ihm, markiert auch bei mir das Gastmahl den Einstieg in ein zweites Berufsleben.“ Bei diesen Worten weicht der nachdenkliche Gesichtsausdruck bei Sohn Thomas einem Schmunzeln.

„Eigentlich hätte ich zum Jubiläum heute auch sogar selbst einen Tusch intonieren können“, sagt der studierte Berufsmusiker, der zu DDR-Zeiten bei der NVA und nach der Wiedervereinigung bis 1999 die Posaune in einem Corps der Bundesmarine in Wilhelmshaven gespielt hat.

„Es war gar nicht so leicht, mit 30 Lenzen noch einmal die Schulbank zu drücken, um das Hotelfach zu erlernen“, erinnert er an seinen Start ins zweite Berufsleben. Den habe er vollzogen, um einen „nicht zu Papier gebrachten, aber geschlossenen Generationenvertrag“ erfüllen zu können. Er sollte mit einsteigen in den Familienbetrieb, ihn übernehmen. „Dafür habe ich im eigenen Restaurant von 1999 bis 2001 sogar selbst gekellnert.“ Durch den frühen Tod des Vaters kam die Staffelstabübernahme auch schneller als erwartet. Seitdem leitet Thomas Kursikowski zusammen mit Mutter Barbara (67) den Familienbetrieb mit 25 Mitarbeitern im Gastmahl. Das hat auch keine 35 Plätze mehr, sondern 100 im Restaurant und etwa 130 auf der Außenterrasse.

„Ich bin schon etwas stolz auf das Erreichte“, räumt Barbara Kursikowski denn auch frank und frei zum Jubiläum ein. „Wer die Ausgangsposition kennt, wird bestätigen, dass sich in Sassnitz viel zum Positiven verändert hat“, pflichtet Sohn Thomas, der im Ehrenamt auch als Stadtvertreter aktiv ist, bei. Frei von Sorgen ist er dennoch nicht: „Früher haben wir im Gastmahl bis zu 12 Azubis ausgebildet. Heute bin ich froh, wenn ich mit Ach und Krach drei Lehrstellen besetzt bekomme.“

Sorgen um das Familienunternehmen muss er sich wohl aber nicht machen. Gestern hat sein Sohn Paul im Unternehmen angefangen. Im Familienbetrieb hat der heute 27-Jährige Hotelfachmann gelernt, anschließend Praxiserfahrungen im Ausland und zuletzt in Frankfurt am Main gesammelt. Jetzt ist er in der Heimat zurück. „Vielleicht übernimmt er mal“, wirft Thomas Kursikowski einen Blick voraus.

Und kann sich endlich frischen Dorsch aus der Pfanne schmecken lassen.

Umgebauter Seestern

1971 schlug die Geburtsstunde für das „Gastmahl des Meeres“ in Sassnitz. Die OZ berichtete am 21. Juli des Jahres: Aus der Gaststätte „Seestern“ an der Strandpromenade in Sassnitz ist durch Umbau und gründlicher Renovierung ein „Gastmahl des Meeres“ entstanden mit einer niveauvollen Einrichtung – ganz auf die Schiffahrt zugeschnitten, mit Ruder, Schiffsglocke und Positionslampe.

34 Gastmahle des Meeres gab es in der ehemaligen DDR. Das erste wurde 1967 in Weimar eröffnet. Das gibt es heute schon nicht mehr. Daraus wurde 2013 das „Jagmann’s“.

Udo Burwitz

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