Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Der Mann, der die Montagsdemo filmte

Prora Der Mann, der die Montagsdemo filmte

Aram Radomski gehörte zur DDR-Opposition / Um die dreht es sich in einer Ausstellung im Doku-Zentrum Prora

Voriger Artikel
Ausstellung über Jugendopposition in der DDR
Nächster Artikel
Stadtverwaltung schlägt Umgestaltung von Rathausvorplatz vor

Aram Radomski (l.), der die aufsehenerregenden Bilder von der Leipziger Demonstration drehte, mit dem Hamburger „Stasi-Jäger“ Andreas Lohmeyer. Fotos (2): Uwe Driest

Prora. „Niemand möchte die Biographien von Menschen diskreditieren“, sagt Aram Radomski, „aber die Reglementierung durch den Staat war einfach immer schwerer auszuhalten.“ Radomski möchte über die Tatsachen jenseits von Beschönigung und Dämonisierung aufklären, beschreibt im Zeitzeugengespräch, wie sich seine Haltung zur SED, zu Wahlen, Mauerbau und Militarisierung wandelte.

Anlass ist die Sonderausstellung der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Dokumentationszentrum Prora. Auf 20 Plakaten werden 18 junge Oppositionelle vorgestellt. Vor allem solche, die Jahre vor der späteren Bürgerbewegung aktiv wurden, gingen ein erhebliches Risiko ein, denn immerhin gab es in der DDR seinerzeit die Todesstrafe.

Aram Radomski, 1963 als Sohn des Schriftstellers Gert Neumann in Neubrandenburg geboren, sei 1983 bei der Faschingsveranstaltung in einem Plauener Jugendclub von Stasi-Mitarbeiter zusammengeschlagen worden, um den Vorwand für seine Inhaftierung zu schaffen. Grund soll auch seine Verbindung zur Tochter eines einflussreichen Funktionärs aus der Mongolei gewesen sein. Wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt, verbrachte er sechs Monate in einem Gefängnis der Deutschen Reichsbahn, der der Staatsapparat eine 80-prozentige Auslastung gewährleistet haben soll, um auf billige Arbeitskräfte zurückgreifen zu können. „Da wurden auch schon mal Gründe geschaffen“, sagt Radomski. Zwei Dutzend junge Männer hätten sich dort auf dreistöckige Betten in einem Raum verteilt. „Vor der Haft war ich ein Halbstarker, danach ein Oppositioneller“, beschreibt er, was die Behandlung mit ihm machte. „Ist das schon Kommunismus oder kommt da noch was“, habe er sich fortan gefragt. „Wenn es das war, dann würde ich gern etwas anderes ausprobieren wollen.“

Mit seinem Freund Siegbert Schefke begann er, Umweltfrevel und den Zerfall historischer Innenstädte auch in Greifswald und Stralsund filmisch zu dokumentieren, in denen sich jugendliche Subkulturen entwickelten. Schlimmer als die Zerstörungen durch den Krieg sei das gewesen. „Wir fuhren mit dem Trabbi herum und erkannten in unserer Unkenntnis die Themen vielfach nicht“, erzählt Radomski.

Zunehmend hätten sie aber Hinweise aus den verschiedensten Berufsgruppen erhalten.

Radomski wurde aktiv in der Berliner Umweltbibliothek und schließlich bekannt dadurch, dass er während der „Friedlichen Revolution“ von der entscheidenden Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig gemeinsam mit Siegbert Schefke vom Kirchturm aus heimlich Filmaufnahmen machte, die von bundesdeutschen Medien ausgestrahlt wurden und damit auch die Bevölkerung der DDR erreichten. Kuriere seien akkreditierte Journalisten und Diplomaten gewesen. „Die Stasi wusste, was wir machten, konnte sich aber nicht vorstellen, dass wir das alleine schafften und wollte unser Netzwerk dingfest machen“, nimmt Radomski als Grund dafür an, dass sie nicht verhaftet wurden.

Unter den Zuhörern ist auch Andreas Lohmeyer, der seinerzeit für das Landeskriminalamt Hamburg arbeitete und sich freiwillig zum Dienst als „Stasi-Jäger“ meldete. „Ich habe in den Stasi-Akten viel über die Methoden der Zersetzung gelesen und bewundere Ihren Mut deswegen um so mehr“, sagt der Polizist. „Schließlich haben Ihre Bilder den Lauf der Dinge extrem beeinflusst.“ Wie er es findet, wenn heute Pegida-Anhänger „Wir sind das Volk“ rufen? „Der Unterschied ist, dass wir jetzt wählen dürfen“, meint Radomski.

Fakten und Termine

13. Mai: Ein weiterer Zeitzeuge der DDR-Umweltbewegung steht mit Klaus Schlüter von der Grünen Liga am Freitag, den 13. Mai, um 19 Uhr im Medien- und Informationszentrum Bergen zum Gespräch zur Verfügung.

20 Plakate sind in der Ausstellung zum Thema „Jugendopposition in der DDR“ zu sehen. Darauf werden insgesamt 18 Oppositionelle vorgestellt.

Die Sonderausstellung im Dokumentationszentrum Prora wurde von der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gemeinsam ausgestaltet.

Von Uwe Driest

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Bergen

Der Ministerpräsident von MV, Erwin Sellering, antwortete in Bergen auf Bürgerfragen / Nach Wahlmonolog folgte eine öffentliche Fragerunde, der sich Zwiegespräche anschlossen

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Politik
Verlagshaus Rügen

Markt 25
18528 Bergen auf Rügen

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag:
9.00 bis 12.30 Uhr und von 13.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Jens-Uwe Berndt
Telefon: 0 38 38 / 20 14 53
E-Mail: ruegen@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.