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Fünf vor zwölf für Sellins Prachtallee

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Gemeindevertretung will Bebauungsplan für die Wilhelmstraße aufstellen, um historischen Charakter zu retten

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Seit über 100 Jahren unverwechselbar: Die Villa „Miramar“ in der Wilhelmstraße. Sie steht samt Zaun unter Denkmalschutz.

Quelle: Gerit Herold

Sellin. Ausverkauf in Sellins Vorzeigemagistrale: Etliche Häuser in der historischen Wilhelmstraße, die zur Seebrücke führt, stehen seit Jahren zur Veräußerung, etliche wechselten bereits den Besitzer: Haus Lottum, Haus Borussia, Haus Kehrwieder, Haus Dornrose, Burg Siegfried, Pension Tatjana, Hotel Xenia, Villa Salve, Villa Lena (alte Apotheke), Villa Theres (alte Schule), Strandhotel, Kurhaus. Und die Liste wird immer länger. Mit dem Eigentumswechsel einher geht oft ein Umbau oder Abriss und auch eine Nutzungsänderung. Und somit der zunehmende Verlust des einzigartigen, historischen Charakters der im Bäderstil um die Jahrhundertwende errichteten Häuser in Sellins Prachtallee.

OZ-Bild

Gemeindevertretung will Bebauungsplan für die Wilhelmstraße aufstellen, um historischen Charakter zu retten

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Dem will die Gemeinde jetzt einen Riegel vorschieben und retten, was noch zu retten ist. Auf ihrer letzten Sitzung haben die Gemeindevertreter beschlossen, einen entsprechenden Bebauungsplan „Wilhelmstraße“ auf den Weg zu bringen. Den Aufstellungsbeschluss soll Stadtplaner Heinrich Vulter bis zur nächsten Sitzung im Oktober vorbereiten, informierte Bürgermeister Reinhard Liedtke. Dann soll geprüft werden, inwieweit mit dem Aufstellungsbeschluss Veränderungssperren auferlegt werden können. „Das bedeutet keinen Baustopp, aber mit diesem Instrument muss sich der Bauherr den Zielsetzungen des B-Planes unterordnen. Wir können so mehr erzwingen als jetzt“, hofft Liedtke. Bisher wurde gebaut nach dem Paragraphen 34 des Baugesetzbuches. Dieser regelt die Genehmigung von Bauvorhaben im „unbeplanten Innenbereich“, auf innerstädtischen Flächen, für die kein Bebauungsplan existiert. Das heißt: Das Bauvorhaben muss sich lediglich in die Umgebung einpassen.

Der Geltungsbereich für den neuen B-Plan soll neben der Wilhelmstraße auch das Hochufer vom Hotel „Bernstein“ auf der einen Seite bis zur Baulücke „Kaiserhof“ auf der anderen Seite umfassen. Ebenso den Bereich Warmbadstraße und den zwischen Wilhelmstraße und August-Bebel-Straße. Langfristig sei auch eine Seite der August-Bebel-Straße (ab Bäckerei) mit im Blick, so Liedtke.

„Hintergrund ist der enorme Investitionsdruck in der Wilhelmstraße“, begründet der Bürgermeister. 50 Häuser stehen dort, 25 auf jeder Seite. „Das ist ein Investitionsvolumen in Höhe von 500 Millionen Euro.“

Das Problem: immer mehr – vor allem familiengeführte – Hotels und Pensionen verschwinden und werden durch „gesichtslose“ Eigentums- und Ferienwohnungen oder Appartementhäuser ersetzt, deren Besitzer nicht mehr vor Ort agieren. Oft habe ein Haus sogar vier oder mehr Eigentümer, weiß Reinhard Liedtke, der selbst eine Hausverwaltungsfirma betreibt. Zukünftig soll bei neuen Bauvorhaben die Nutzung festgeschrieben werden, Familienbetriebe möglichst erhalten bleiben. Jeder Investor habe genügend Zeit, seine Projekte mit dem Stadtplaner abzustimmen. „Wir wollen nichts verhindern, sondern es städtebaulich in Einklang bringen“, so Liedtke. Dazu gehöre neben der Architektur auch die Nutzung.

Neben dem Bebauungsplan soll auch eine Gestaltungssatzung erarbeitet werden. In dieser sollen zum Beispiel eine weiße Fassadenfarbe oder bestimmte Fensterformate festgelegt werden. In diesem Zusammenhang habe man auch das Verkehrskonzept mit im Blick, das weiterentwickelt werden soll. Im ersten Schritt sind das weitere Standorte für die so genannte Logen für Gastronomie auf der Fahrbahn, um den Verkehr zu beruhigen.

Mit Wehmut und besorgt betrachtet Elisabeth Isenberg aus Ratingen, die seit vielen Jahren Sellin besucht und regelmäßig in der Wilhelmstraße logiert, die „deutlich sichtbaren baulichen Veränderungen“

in der Wilhelmstraße. Sie kritisiert, dass immer mehr historische Bausubstanz der Abrissbirne zum Opfer fällt und durch neue, viel größere Bauten ersetzt wird. Ihr Appell an die Selliner Gemeindeväter: „Mit Ihrer Politik zerstören Sie diese weltweit außergewöhnliche Architektur. Diese ist unwiederbringlich!“

Zu DDR-Zeiten hatte die Wilhelmstraße, die seinerzeit Wilhelm-Pieck-Straße hieß, unter Denkmalschutz gestanden. Auf der Denkmalpflegeliste von 1985 ist unter „Sellin“ das gesamte Straßenensemble mit allen Gebäuden und Straßeneinbindungen vermerkt, weiß Dr. Markus Sommer-Scheffler, Denkmalpfleger des Landkreises Vorpommern-Rügen. 1993 ist dann das erste Denkmalschutzgesetz von Mecklenburg-Vorpommern beschlossen worden. Darin war verankert worden, dass die bisherigen Denkmallisten dem neuen Gesetz unterliegen und von den fachlich zuständigen Landesämtern geprüft und anschließend den Unteren Denkmalschutzbehörden übergeben werden. Das geschah im Jahre 1997. Doch in der vom Landesamt übergebenen neuen Denkmalliste für die Insel Rügen sei für Sellin die Wilhelmstraße nicht mehr als Ensemble aufgeführt worden, sagt Sommer-Scheffler. Lediglich 12 Gebäude wurden als Einzeldenkmale benannt. Von denen seien inzwischen zwei gestrichen worden: die Villen „Fernsicht“ und „Seerose“. In der mit Linden gesäumten Allee gibt es heute noch 10 denkmalgeschützte Häuser: „Miramar“ mit Zaun, „Windrose“, „Finja“, „Granitz“, „Vineta“, Haus am Meer“, „Eintracht“, „Ingeborg“, „Sellin“ und „Johanneshorst“.

„Dass der Ensembleschutz aufgehoben wurde, ist schwer zu verstehen“, bedauert Markus Sommer-Scheffler und ergänzt: Die Wilhelmstraße wieder unter Denkmalschutz zu stellen, sei allerdings nicht unmöglich. Dies ginge jetzt aber nur im Einvernehmen mit der Gemeinde. Diese müsste dazu einen Bauhistoriker beauftragen und eine Satzung erarbeiten und schließlich beschließen – unter Federführung der Unteren Denkmalschutzbehörde.

Gerit Herold

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