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Historiker gegen Ausverkauf: Block V muss Erinnerungsort sein

Prora Historiker gegen Ausverkauf: Block V muss Erinnerungsort sein

Wissenschaftler und Museumsbetreiber sprechen sich für ein Bildungszentrum zur doppelten Geschichte von Prora aus / Bildungsausschuss des Landtages berät heute

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Ungewisse Zukunft: KulturKunststatt in Block III. Fotos (2): Gerit Herold

Prora. boomt. Stück für Stück verwandelt sich die 4,5 Kilometer lange Betonmasse in sternefunkelnde Urlaubsquartiere und exklusive Wohnungen. Wird hier in ein paar Jahren noch jemand erahnen können, was Prora war? Oder soll die die NS- und DDR-Zeit nachlässig oder bewusst weggewischt werden? Das befürchten Historiker und Museumsbetreiber, wenn jetzt auch noch der letzte von fünf Blöcken privatisiert werden soll. Sie fordern, den Block V in öffentlicher Hand zu belassen, als authentischen Erinnerungsort zu erhalten und das seit Jahren geplante Bildungszentrum umzusetzen.

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Bilden Sie eine Experten- runde, die von Land und Bund Unterstützung einfordert.“ Historiker Stefan Wolter in einem Brief an Landrat Ralf Drescher

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Der Landkreis Vorpommern-Rügen als Eigentümer schließt weder den Verkauf des unsanierten Blockabschnittes noch den Abschluss eines Erbbaupachtvertrages aus, weil der rund fünf Millionen Euro teure Ausbau eines Bildungszentrums wegen fehlender Förderung gescheitert sei (die OZ berichtete). Der frühere Kreis Rügen hatte den Block V für einen Euro erworben und für 40 Jahre an das Deutsche Jugendherbergswerk verpachtet. Das eröffnete im sanierten Drittel des Blockes 2011 eine Jugendherberge — die Initialzündung für weitere Investitionen in Prora.

„Wenn ein historischer Ort wie Prora zu Eigentumswohnungen degradiert wird, ist das nicht wieder gut zu machen“, sagt Historikerin Susanna Misgajski. Sie leitet das Prora-Zentrum, das Ausstellungen, Rundgänge und Workshops über die NS- und DDR-Geschichte anbietet. Es hatte bisher in dem unsanierten Teil von Bock V neben der Jugendherberge sein Domizil und sollte eigentlich einmal die Bildungsstätte in der benachbarten „Liegehalle“ betreiben. Weil in Block V der Putz bröckelt, musste das Prora-Zentrum in das Gebäude an der Zufahrtsschranke zum Gelände der Jugendherberge ausweichen. Das wurde bisher als Winterquartier genutzt. Jetzt soll es Dauerstandort werden und wird derzeit renoviert.

2010 hatte das Kuratorium der Landeszentrale für politische Bildung MV beschlossen, dass der Verein Prora-Zentrum die Trägerschaft der Bildungsstätte übernehmen soll. Ein Bildungszentrum „in den bis heute erhalten gebliebenen baulichen Strukturen einer Kaserne“, fordert auch Dr. Stefan Wolter. Der Berliner Historiker, der mit mehreren Büchern gegen das „kollektive Verdrängen“ der DDR-Geschichte in Prora anschrieb und den einseitigen Blick auf das KdF-Seebad für eine touristische Vermarktung kritisiert, hat an Landrat Ralf Drescher geschrieben. Block V verkörpere nicht nur die KdF-Planungen, sondern die ganze Bandbreite der DDR-Geschichte — von der heimlichen Aufrüstung bis zur friedlichen Revolution. Er könnte „als einziger späteren Generationen das Gesicht der Großkaserne noch vor Augen führen.“

Nach dem Verkauf von Block III und dem Sterben der Museums- und Kulturmeile vor zehn Jahren gibt es noch das Dokumentationszentrum Prora und die KulturKunstatt Prora vor Ort. Doch mit dem jetzt begonnenen Umbau von Block III zu einem rund 100 Millionen Euro teuren Ferien- und Freizeitzentrum ist die Zukunft ungewiss. Nach Angaben der Eigentümer, der Inselbogen Strandimmobilien GmbH & Co., soll das Doku-Zentrum sein Domizil behalten. Auch das Prora-Zentrum könne ins Ausstellungszentrum im Querriegel einziehen, so die Investoren gegenüber der OZ. Die KulturKunststatt bekam dagegen eine Räumungsklage. Inhaber Kurt Meyer will sich dazu nur so äußern. „Wir haben eine Mietkündigung mit anhängiger Räumungsklage. Das Verfahren ist vor dem Oberlandesgericht abgeschlossen, aber die Dinge als solche gesellschaftsrechtlich noch nicht.“

Meyer war Geschäftsführer und Miteigentümer der Inselbogen GmbH, die 2005 den ersten der Blöcke vom Bund kaufte. In die KulturKunststatt unter anderem mit KdF-, NVA- und Rügen-Museum, sollten jährlich rund 120000 Besucher pilgern. Auf mehreren Etagen stehen 45000 Ausstellungsstücke (Versicherungswert: 980000 Euro).

War Bildungsarbeit in Prora in der Vergangenheit oft mehr ein Gegen- als Miteinander, so will man jetzt gemeinsame Wege gehen. „Es gibt Gespräche mit dem Dokumentationszentrum für eine gemeinsame Ausstellung“, so Susanna Misgajski. Das bestätigt auch dessen Leiterin, Katja Lucke: „Ja, wir sind an einer gemeinsamen Zukunft in Prora interessiert.“ Sie halte es für Unding, dass sich Bund und Land aus der Verantwortung stehlen. „Es kann nicht sein, dass die Erinnerungskultur einem kleinen Landkreis aufgebürdet wird.“

Stefan Wolter fordert von Landrat Drescher die Bildung einer Expertenrunde, die von Land und Bund Unterstützung einfordert. Zudem soll geprüft werden, nur die südlichsten vier Aufgänge zu privatisieren und das Geld in die Sanierung des Mittelteils der Anlage zu stecken. „Dort könnte sich im Kleinen abermals eine Museums- und Künstlermeile entwickeln“, so Wolter, der in Prora einst als Bausoldat stationiert war und erkämpfte, dass die Arrestzellen der einstigen Wache erhalten blieben. Wolter hat auch den Bildungssausschuss des Landtages angeschrieben, der sich heute mit „Maßnahmen zur Gewährleistung von historisch-politischer Bildung in Prora als authentischen Erinnerungsort vor dem Hintergrund des Gemeinderatsbeschlusses über die Erlangung des Prädikats Kurort“

beschäftigt.

Jugendherberge musste abspecken

16,4 Millionen Euro flossen in den Ausbau der Jugendherberge, davon 15,1 Millionen Euro aus öffentlichen Töpfen. Das DJH als Betreiber schoss rund 1,3 Millionen Euro zu. Bauherr der 2011 eröffneten Herberge war der alte Landkreis Rügen. Weil das eingeplante Geld von 13 Millionen Euro nicht reichte, entstanden

400 statt 500 Betten. Vor allem

Auflagen des Denkmalschutzes

hatten die die Kosten hochgetrieben.



Gerit und Chris-Marco Herold

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Binz-Prora
Block auf Block V der Anlage von Prora, in dessen saniertem Teil seit 2011 die Jugendherberge ihr Domizil hat.

Der Block V soll in öffentlicher Hand belassen und das seit Jahren geplante Bildungszentrum endlich umgesetzt werden.

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