Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 6 ° Regenschauer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
„Wir müssen die Urlauberzahl begrenzen“

„Wir müssen die Urlauberzahl begrenzen“

Landtagskandidaten der Grünen lehnen touristische Großprojekte ab / Insel müsse für die Enkel noch lebenswert sein

Voriger Artikel
„Opposition“ fordert Bunges Rücktritt
Nächster Artikel
AfD startet Wahlkampf in Binz

Die Direktkandidaten der Grünen für die Landtagswahl: Sebastian van Schie (l.) tritt im Wahlkreis 34 an und Jochen Kwast im Wahlkreis 33.

Quelle: Maik Trettin

Vorpommern gilt nicht gerade als eine Hochburg der Grünen, die im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns gegenwärtig in der Opposition sind. Und ein bisschen Umweltschutz hat fast jede Partei in ihrem Programm. Braucht man grüne Politik da noch?

Sebastian van Schie: Ganz sicher! Vieles, was sich andere Parteien heute auf die Fahnen schreiben, haben die Grünen schon vor Jahren gefordert. Etwa den Atomausstieg, den nun die CDU betreibt. Das wollten wir schon vor 35 Jahren. Heute sind unsere aktuellen Themen für die Region nachhaltiger Tourismus und Elektromobilität.

Jochen Kwast: Durch die Großen Koalitionen im Kreis, im Land und im Bund werden viele echte Veränderungen blockiert. Ein „grünes Bewusstsein“ ist nach meinem Verständnis auch nicht auf die Fragen der Umweltpolitik beschränkt. Mir geht es um das Gesellschaftsmodell. Transparenz, Bürger- und Menschenrechte – das ist mir wichtig. Und das sollte für die Menschen auch ein Anlass sein, „grün“ zu wählen.

Sie selbst sind letztlich auch wieder in dieser Partei gelandet. Warum hatten sie ihr zwischenzeitlich den Rücken gekehrt und sich den Sozialdemokraten und Linken zugewendet?

Kwast: Mein Austritt war seinerzeit in der Politik der rot-grünen Koalition im Bund begründet. Den Kahlschlag in der sozial orientierten, demokratischen Gemeinschaft durch die Agenda 2010 wollte ich nicht mittragen. Das hat millionenfach für prekäre Beschäftigungsverhältnisse gesorgt. Aber auch die SPD und die Linken haben mich mit ihrer Politik nicht überzeugt. Deshalb bin ich vor vier Jahren wieder zu den Grünen zurück. Das mag für manchen anrüchig klingen. Ich finde es nicht verkehrt, diese politischen Erfahrungen in anderen Parteien gemacht zu haben.

Vor wenigen Tagen machte eine Statistik zur Kaufkraft deutlich, wie wenig Geld die Insulaner zur Verfügung haben. „Grün“ zu leben gilt oft als teuer. Wie soll das zusammenpassen?

Kwast: Wir müssen die finanzielle Basis der Bevölkerung auf der Insel verbessern. Deshalb bin ich gegen die „Monokultur Tourismus“. Der wird uns auf Dauer nicht ernähren können. Rügen kann nicht als ein reines Urlaubsparadies überleben.

Sondern?

Kwast: Ich spreche mich für eine stärkere Wieder-Industrialisierung der Insel aus.

Als Grüner?

Kwast: Warum nicht? Da gibt es verschiedene Branchen, die infrage kämen. Zum Beispiel Recycling.

van Schie: Das bedeutet nicht, dass wir hier Schwerindustrie haben wollen. Für die fehlt ohnehin die Anbindung. Aber die vielen kleinen Betriebe, die Selbstständigen, müssen gestärkt werden, damit die Wertschöpfung auch auf der Insel bleibt. Was die Branchen angeht: Unternehmen können ja auch Ideen produzieren, etwa zur Entwicklung von Speichermedien für regenerative Energie. Das wäre aus meiner Sicht eine wirtschaftliche Basis für Rügen. Das Geld, das in den Ausbau der Straßen fließt, wäre besser zur Förderung solcher Forschung angelegt. Also lieber Datenautobahnen statt breiterer Straßen.

Apropos Straßen: Der Verkehr auf den wichtigsten Verbindungen über die Insel nimmt seit Jahren zu. Wird diese Entwicklung durch den Neubau der B 96 gestoppt?

van Schie: Sichere und effiziente Straßen sind gut. Aber genau das ist aus meiner Sicht die neue B 96 nicht. Es ist die ineffizienteste, die ich kenne. Wir haben viel weniger Verkehr als prognostiziert bei deutlich höheren Kosten.

Kwast: Diese unverantwortliche Politik im Land beschert uns einen Raubbau an unserer Insel. Kein Rüganer hätte die B 96n gebraucht. Sie ist eine reine Urlauber-Landebahn.

Welche Vorschläge haben Sie?

van Schie: Ich bin beruflich täglich viel unterwegs. Vor allem an der Bäderküste, in Sellin und Baabe, stehen die Autos im Stau. Wenn wir die Alleen nicht aufgeben wollen, müssen wir den Verkehr schlichtweg reduzieren und dem öffentlichen Personennahverkehr mehr Raum geben. Das erfolgreiche Kurkartenmodell der Bäderküste sollte auf die ganze Insel und bis nach Stralsund ausgeweitet werden.

Kwast: Für das Geld, das in den Straßenneubau gesteckt wurde und wird, hätte man über Jahrzehnte einen öffentlichen Personennahverkehr auf Rügen organisieren können. Dazu gehört für mich auch der Ausbau der Bahntrassen. Davon gab es früher viel mehr auf Rügen. Wir brauchen neue Querverbindungen zwischen den bestehenden Hauptstrecken.

Bedeutet eine Reduzierung des Verkehrs nicht Einschränkung für die motorisierten Rüganer und Urlauber?

Kwast: Das Angebot an Verkehrsmitteln muss so gut sein, dass die Leute ihr Auto gern mal stehenlassen. Uns bleibt auch gar nichts anderes übrig, wenn wir Rügen als Tourismusstandort erhalten wollen. Ein „Immer mehr“ ist auf Dauer nicht möglich. Irgendwann hat Urlaub dann nichts mehr mit Erholung zu tun und hört auf, Spaß zu machen. Die Gäste würden Rügen den Rücken kehren. Deshalb müssen wir die Urlauberzahl auf Rügen begrenzen – in deren eigenem Interesse.

van Schie: Wenn wir auf dem Gebiet so weiter machen wie bisher, droht der Insel der touristische Kollaps. Nicht zuletzt aus diesem Grund lehnen wir touristische Großprojekte wie in Lohme oder das geplante Hochhaus in Prora ab. Rügen muss enkeltauglich sein, also auch für unsere Nachfahren lebenswert bleiben.

Wie passen die geplanten Windparks vor den Inselküsten dazu?

van Schie: Die Windräder, wie wir sie jetzt kennen, sind meiner Meinung nach eine Brückentechnologie. Es gibt Systeme, die ähnlich funktionieren, aber visuell weniger stören. Die müssen weiterentwickelt werden, damit die jetzigen Anlagen bald wieder wegkommen. Dazu bedarf es der bereits angesprochenen Forschung.

Kwast: Ein weiterer Weg, die Zahl der Windräder nicht weiter ausufern zu lassen, ist der sparsame Umgang mit den Ressourcen. Je weniger Energie wir verbrauchen, umso weniger Anlagen werden benötigt. Auf jeden Fall müssen wir darauf achten, dass sie nicht zu nahe an den Küsten entstehen.

An Land suchen viele Bauern ihr wirtschaftliches Heil darin, aus ihrem Acker so genannte Windertragsflächen zu machen. Welche Perspektiven sehen Sie für die Landwirtschaft?

van Schie: Die Industrialisierung in diesem Bereich ist der Jobkiller Nummer eins auf dem Land. Das ließe sich schon durch eine Abkehr von der Flächenförderung ändern. Ich würde mir auch einen Dialog zwischen dem Öko- und dem konventionellen Landbau wünschen. Dieses „Entweder-oder“ hängt mir zum Halse raus. Es kann nur ein „und“ geben.

Kwast: Großen Handlungsbedarf haben wir im Bereich der Landwirtschaft auch, was den Tierschutz angeht. Da gibt es viele Baustellen; wir müssen die Problematik stärker ins Bewusstsein der Menschen bringen. Die Achtung vor dem Tier gehört nach meinem Verständnis in die Verfassung.

Sollten Sie dem neuen Landtag angehören und sich bei der Auswahl eines Koalitionspartners nur von ihrem Herzen leiten lassen dürfen – wem würden Sie es am ehesten schenken?

van Schie: Hm, Rot-Grün könnte mir zusagen. Mit den Linken hätte ich ganz privat eher Bauchschmerzen.

Kwast: Das Herz schlägt ja doch links. Sahra Wagenknecht wäre mir weitaus lieber als Harry Glawe. Ich halte die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag in wirtschaftspolitischen Fragen für kompetenter als den Wirtschaftsminister unseres Bundeslandes.

Vom Ruhrpott und aus Berlin nach Rügen

Jochen Kwast wurde 1954 in Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen) geboren und wuchs in Dortmund auf. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft war er jahrelang für Verbände und Organisationen tätig, unter anderem für Krankenhausbedarfsplanung. Berufsbedingt hat es ihn in nahezu alle deutschen Bundesländer verschlagen, bis er vor zehn Jahren nach Vopommern kam. Seit zwei Jahren lebt er mit seinen drei Katzen in Sassnitz.

Sebastian van Schie stammt aus dem Berlin-Prenzlauer Berg. Er lebt seit 25 Jahren auf Rügen in einem Garzer Ortsteil. Vor 20 Jahren machte sich der Landschaftsplaner selbstständig.

Der 53-Jährige ist verheiratet. Zur Familie gehören drei Kinder und fünf Enkel.

Maik Trettin

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Hier auf dem Domvorplatz hat Christian Pegel viele Stunden seines Studentenlebens verbracht. Es ist der Ort, der ihn in Greifswald am meisten geprägt hat.

Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) will das Greifswalder Direktmandat für den Landtag ergattern

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Politik
Verlagshaus Rügen

Markt 25
18528 Bergen auf Rügen
Telefon: 0 38 38 / 20 14 811

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag:
9.00 bis 12.30 Uhr und von 13.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Jens-Uwe Berndt
E-Mail: lokalredaktion.ruegen@ostsee-zeitung.de

Beilagen
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.