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Rügen Prora auf Rügen: Nahezu auferstanden aus Ruinen
Vorpommern Rügen Prora auf Rügen: Nahezu auferstanden aus Ruinen
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19:09 20.08.2018
Blick auf den denkmalgeschützten ehemaligen KdF-Komplex Prora auf Rügen. Der Ort wurde am 17.08.2018 offiziell zum staatlich anerkannten Erholungsort ernannt. Quelle: Stefan Sauer
Prora

Ulf und Yvonne Dohrmann – Die ersten festen Bewohner

Es war schon ein übles Bild. Auf jeden Fall für ein junges Ehepaar, das mit der Absicht kam, hier sein neues Zuhause zu finden: Ein marodes von Insekten befallenes Dach, verrammelte Fenster und vergammelte Latrinen erwarteten die Betrachter. Einfach kaputt sah es vor zehn Jahren aus, das alte Kino des Kolosses von Prora auf Rügen, als Ulf Dohrmann (heute 44) und seine Frau Yvonn (43) das Ensemble besichtigten.

„Wir sind trotzdem nicht gleich wieder umgekehrt. Weil dieser Ort direkt hinter der Düne mit den schönen alten Bäumen eine besondere Ausstrahlung auf uns hatte“, erinnert sich der Binzer Unternehmer. Er sanierte das Haus, das 100 Meter zurückgesetzt zu den Hauptgebäuden der monströsen Kraft-durch- Freude-Anlage im Ortsinnern steht, aber auch zum Komplex gehört. Dohrmann und seine Familie wurden so im Jahr 2008 die ersten festen Bewohner des geschichtsträchtigen Baus, den die Nazis von 1936 bis 1939 errichteten, um ein „Seebad der 20 000“ zu schaffen, das Mega-Projekt aber nicht fertigstellen konnten.

Karsten Schneider – Der Bürgermeister

Inzwischen hat Dohrmann viele Nachbarn im Koloss von Prora. Denn nach jahrelangem Stillstand hat die Sanierung der Anlage enorm Fahrt aufgenommen, die Arbeit der vergangenen Jahre wird immer deutlicher sichtbar. „Fast zwei Drittel der Wohnungen in den fünf Blöcken sind inzwischen fertig“, sagt Karsten Schneider (54). Er ist der Bürgermeister des größten Rügener Seebades Binz, zu dem Prora gehört. Erst vergangenen Freitag bekam der Ortsteil wegen der guten touristischen Entwicklung von Wirtschaftsminister Harry Glawe (64/CDU) den Status Erholungsort verliehen. „Mit der Eröffnung der Jugendherberge im Komplex vor sieben Jahren hat der Wiederaufbau den letzten wichtigen Schub bekommen. Da haben alle gesehen: Hier ist was möglich. Und jetzt geht es Schlag auf Schlag“, schätzt Schneider ein.

Ulrich Busch – Eigentümer vom Block II

Hunderte Wohnungen in dem insgesamt 4,5 Kilometer langen, fünf Blöcke umfassenden Gebäude, sind verkauft und werden von Dauermietern oder Feriengästen genutzt. Insgesamt sollen es einmal 1500 Appartements sein. Das Hotel Solitaire mit seinen 150 Einheiten in Block II ist schon in seiner dritten Saison. „Im Juli waren wir ausgebucht und im August sind wir es auch“, sagt Eigentümer Ulrich Busch (53). Der Berliner, der abwechselnd nahe Amsterdam und in Prora lebt, hat Ulf Dohrmann damals das alte Kino verkauft und er war es, so meinen viele auf Rügen, der den entscheidenden Impuls gab, das Prora nun aufersteht aus den Ruinen, die die Nazis hinterließen und natürlich auch die Nationale Volksarmee, die den Komplex zu DDR-Zeiten nutzte und in Teilen instand setzte.

„Er hat immer daran geglaubt, dass Prora wieder aufgebaut werden kann“, würdigt Bürgermeister Schneider den Projektentwickler mit der besonderen Biografie. Ausgerechnet er, der Sohn des in der DDR bekannten Arbeitersängers und Vorzeige-Kommunisten Ernst Busch, erweckt die von den Nazis geplante Riesen-Anlage zum Leben – und wird dadurch auch noch Multi-Millionär, zu einem absoluten Profiteur der Marktwirtschaft.

„So eine Geschichte kann man sich nicht ausdenken, ...“

„... zum Glück ist sie wahr“, sagt Busch schmunzelnd. Das Schicksal führte ihn Mitte der 1990er mit Prora zusammen. Damals baute er einen Wohnpark in Binz: „Ich habe eine Radtour zur KdF-Anlage gemacht und da hat mich der Ort nicht mehr losgelassen. Ich war mir sicher, dass ein Umbau dort Erfolg haben wird“, erinnert sich der Unternehmer. Nach großen Debatten hatten sich damals die Befürworter für den Erhalt der Anlage durchgesetzt, der ganze Komplex wurde unter Denkmalschutz gestellt. Die Anhänger des Planes, Prora abzureißen und neue Häuser hinter dem feinen Strand zu bauen, scheiterten. Aber dann dauerte es lange, bis im Koloss, der erst dem Bundesvermögensamt gehörte, etwas passierte. Es gab Käufer, die aber wieder absprangen. Erst Busch, der im Jahr 2006 mit Geschäftspartner Johann Christian Haas Block I und II für 465 000 Euro erwarb, blieb dran. Dennoch passierte bis Ende 2010 wieder wenig. „Dann stellte die Gemeinde Binz den nötigen Bebauungsplan für unser Vorhaben auf, und wir konnten ein Jahr später starten“, erinnert sich der Bauherr.

Busch erwirkte eine Mischnutzung für Touristen und feste Mieter. In den folgenden Monaten kauften sich weitere Investoren in die Blöcke III und IV ein. Es gab spektakuläre Deals. Haas veräußerte zum Beispiel seinen Block I, den er von Ulrich Busch für 300 000 Euro komplett übernommen hatte, für 2,7 Millionen Euro weiter – was für ein Gewinn! Neue Eigentümerin wurde die Firma „Wohnen in Prora“, die das Gebäude mit 280 Wohnungen in den vergangenen vier Jahren fast komplett sanierte, aber Ende Juli Insolvenz anmeldete (die OZ berichtete).

Attraktiver Ausblick: 90 Prozent der Wohnungen im Koloss haben Seeblick. Vor Block II warten Pools auf Gäste.

Die Entwicklung von Prora werde diese Pleite nicht stoppen, ist sich Ulrich Busch sicher: „Das ist bedauerlich, aber im Gesamtkonstrukt nur ein kleiner Stolperer. Es ist jetzt alles auf dem Weg“, meint er. Auch die Akzeptanz in der Bevölkerung sei gestiegen. Klobig, überdimensioniert, hässlich, habe es erst geheißen. „Als wir anfingen zu bauen, hatten wir zwei Prozent Zustimmung der Leute. Inzwischen sind wir bei 51 Prozent“, glaubt Busch. Einen großen Anteil daran habe die Taktik gehabt, den Koloss für die Sanierung in einzelne Aufgänge zu teilen und Stück für Stück zu sanieren: „Weil wir nicht an allen Enden auf einmal gearbeitet haben, sondern immer ein Bereich nach dem anderen fertig wurde, haben die Menschen gesehen, da geht was in Prora.“

Kritik gibt es zu Genüge

Birte Löhr, Generaldirektorin von Hutter, der mit drei Luxushäusern größten Hotelgruppe in Binz, hat Sorge, dass die Entwicklung der Infrastruktur nicht mit dem Ausbau Proras mithalten kann: „Rügen ist doch jetzt schon überfüllt“, sagt die Managerin. In Prora kämen nun innerhalb kürzester Zeit Tausende Urlauberbetten hinzu. „Dafür braucht der Ort zügig Straßen, Geschäfte, Ärzte, schöne Bereiche zum Verweilen“, fordert Birte Löhr. Binz könne nicht alle Prora-Gäste mit versorgen.

Die nötige Infrastruktur werde auch bald kommen, versichert Bürgermeister Schneider. Und er widerspricht Gerüchten, wonach im KdF-Komplex und Umgebung mittelfristig 15 000 Gästebetten entstehen (Binz allein hat 17 000). Genehmigt seien 3500 Gästebetten, dazu kämen zunächst 2000 feste Anwohner, wenn voraussichtlich 2022 alle Blöcke fertig seien.

Marina, Hotels, Seebrücken – enorme Investitionen geplant

Ulf Dohrmann, der nicht nur erster Resident der KdF-Anlage war, sondern als CDU-Ortschef auch politisch wichtige Räder in Binz dreht, ist sicher, dass jetzt die entscheidende Phase für Proras Zukunft beginnt. „Das Kind ist auf der Welt. Jetzt müssen wir es gut pflegen“, sagt er. Heißt: Die Gemeinde soll beschließen, dass Anlagen wie eine Marina und eine Einkaufsstraße entstehen können. Zwei Seebrücken könnten auch als Anleger für Schiffe dienen und so Verkehr von der Straße fernhalten. Dohrmann selbst hat sein altes Kino zu einem Wohnhaus mit schönem Garten, Pool und sechs Ferienwohnungen entwickelt. Doch das Projekt Prora ist kompliziert, so dass auch für ihn, den erfolgreichen Binzer Modehändler, nicht alles glatt läuft. Sein Restaurant, dass er in Block II betreibt, muss er Ende September erstmal schließen. „Wir werden es umbauen, gemütlicher gestalten, mit mehr Plätzen“, sagt Dohrmann. Bislang habe das Ambiente die Gäste nicht wirklich gelockt.

Ulrich Busch hat derweil fast alle Wohnungen in seinem Block II verkauft. Er veräußerte zu Beginn der Sanierung vier Aufgänge im Rohzustand komplett an Investoren, um genug Kapital für den Ausbau seines Hotels und seiner Wohnungen zu haben. Allein die Einheiten in Aufgang 10 brachten ihm nun saniert 17,5 Millionen Euro ein.„Viele meinen heute, es war klar, dass der Umbau von Prora ein Erfolg wird, aber dann hätte es ja jeder machen können“, sagt Dohrmann.

Raum zum Scheitern oder um eine Menge Geld zu verdienen

Allerdings: Noch ist die Erfolgsgeschichte nicht zu Ende geschrieben. „Obwohl schon viel erreicht ist, ein guter Teil des Weges ist noch zu gehen“, betont auch Karsten Schneider. Der neue Eigentümer des Blockes V, der im Oktober den Zuschlag erhält, wird noch mal 200 neue Wohnungen auf den Markt bringen, auch in Block III steht noch viel zum Verkauf. Genug Raum also noch, um zu scheitern, bevor Prora tatsächlich fertig wird. Aber gleichzeitig viele Chancen für Menschen, die sich den Traum von einer Immobilie am Strand verwirklichen wollen – und natürlich für Investoren, damit eine Menge Geld zu verdienen.

Die Nazis begannen 1936 mit dem Bau von Prora.

Das längste Gebäude der Welt: Errichtet von 1936 bis 1939, saniert ab 2010

4,5 Kilometer lang ist der Komplex in Prora auf Rügen, der im Auftrag der Nazi-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) zwischen 1936 und 1939 gebaut wurde. Die nun im Umbau befindlichen fünf Blöcke bilden das längste zusammenhängende Gebäude der Welt.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Teile der alten KdF-Anlage auch von der Nationalen Volksarmee der DDR in Teilen ausgebaut und als Kasernen genutzt.
Als das Bundesvermögensamt die Blöcke Ende der 1990er und in den 2000ern an private Investoren verkaufte, wurde eine Klausel fixiert, nach der Einheiten im Koloss nicht an Rechtsextremisten gehen dürfen – um zu verhindern, dass sich wegen der Geschichte Neonazis sammeln. In Block III und V gibt es Museen zu Proras Geschichte.
Vier Blöcke haben zehn Aufgänge, Block I hat neun. Insgesamt werden rund 1500 Appartements im Koloss entstehen. Die drei Aufgänge der Jugendherberge in Block V (2011 eröffnet) wurden als erste saniert.

 

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