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Rügen Prost: Wacholderschnaps nordisch-rein
Vorpommern Rügen Prost: Wacholderschnaps nordisch-rein
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10:10 13.04.2018
Rainer Hessenius von der Edeldistillerie Lieschow vor seinem Brennkessel. Quelle: Anne Ziebarth
lieschow

In den Regalen des Hofladens der Ersten Edeldestillerie in Lieschow sind seit kurzem nicht mehr nur die berühmten schlanken Flaschen der Edelbrände zu sehen, auch kompaktere, breitere Flaschen mit dunklem Etikett sind dort zu entdecken. „Das sind unsere neuesten Kompositionen“, erklärt Geschäftsführer Rainer Hessenius. „Ein Gin und ein Aquavit.“ Beide Produkte laufen unter dem geschützten Oberbegriff „1ste Nordische Reinheit“. „Wir produzieren hier ganz traditionell, ohne Schnickschnack“, betont der 65-Jährige. „Qualitativ hochwertiges Destillat mit charakteristischen Gewürzen und Kräutern werden sorgfältig mazeriert. Das ist alles.“ Damit spielt Hessenius auch auf die immer zahlreicher werdenden Hobbyproduzenten an, die sich ihre Spirituosen in der heimischen Küche ansetzen. „Oftmals werden dann noch Zucker und andere Zutaten hinzugefügt, um den Geschmack gefälliger zu machen. Das braucht es bei uns nicht.“

Die Edeldestillerie Lieschow auf Rügen erweitert ihr Sortiment und produziert ihren ersten Gin

Unternehmen im Jahr 1995 gegründet

Der Mann spricht aus jahrzehntelanger Erfahrung. Bereits im Jahr 1995 gingen Rainer Hessenius und seine Frau Maren mit der Edeldestillerie in Lieschow an den Start mit sieben Mitarbeitern. „Mein damaliger Geschäftspartner hatte den teils verfallenen Dreiseithof in Lieschow 1991 gekauft und wollte ihn eigentlich als Feriendomizil nutzen“, erinnert er sich. Doch dann kam alles ganz anders. „Bei Fahrten über die Insel fiel mir auf, dass in dieser Zeit viele Obstbäume auf Rügen gefällt wurden, ganze Obstgärten fielen der Säge zum Opfer“, erzählt der aus Westfalen stammende Küchenmeister. „Früher war Obst aus dem Garten ein wichtiger Bestandteil der Versorgung für die Menschen. Damals wurde Saft daraus gepresst oder die Äpfel eingelagert. Aber die Versorgungsmentalität der Gesellschaft hat sich rapide geändert.“

Krummstiel, Hasenkopp oder Pfannkuchen-Apfel

Besonders sind ihm die zum Teil Jahrhunderte alten Obstsorten ans Herz gewachsen. „Es gibt hier auf Rügen so fantastische Sorten, die alle ganz unterschiedliche Eigenschaften haben“, beschreibt Hessenius. „Man denke bei den Äpfeln nur an den ehemals weit verbreiteten Pommerschen Krummstiel, den Hasenkopp oder den Pfannkuchen-Apfel. Dessen Früchte können bis zu 950 Gramm schwer werden. Davon kann man eine ganze Familie beköstigen.“ Rügen ist immer schon ein traditioneller Obstbaustandort gewesen. „Das Klima ist maritim. Hier herrschen also ausgeglichenere Temperaturen als im Landesinneren. Außerdem kommen viele Sonnenstunden und der späte Frost dem Obst zugute“, so Hessenius. „Was Rügen von anderen Küstenstandorten unterscheidet ist der Boden. Wir haben hier gute, nährstoffhaltige Erde und wenig Sandböden.“

Alte Sorten sind robust und aromatisch

Aus dem Interesse für die Obstbäume wuchs bei Rainer Hessenius der Entschluss, nach über 30 Jahren in Gastronomie und Management die Edeldestillerie auf Rügen zu gründen. Klar, dass dabei die alten Sorten auch eine besondere Rolle spielten. „Viele der älteren Sorten sind verhältnismäßig zuckerarm, punkten dafür aber mit vollem Aroma“, weiß Hessenuis. „Das ist für uns entscheidend. Bei der Destillation können wir die verschiedensten Aromen herausarbeiten.“ Gerade beim von Hessenuis seit Anbeginn praktizierten biologischen Anbau sei noch ein anderer Aspekt entscheidend. „Die alten Sorten sind einfach robuster“, so Hessenius. „Das sieht man ja schon daran, dass sie in Zeiten überdauert haben, in denen es noch keine Schädlingsbekämpfungsmittel gab.“ Für das Projekt „Edeldestillerie“ organisierte sich Hessenius Unterstützung des Berliner Pomologen Dr. Lutz Grope.

Obst-Reiser von der ganzen Insel gesammelt

„Wir sind 1991 gemeinsam in bestehende Obstgärten auf Rügen gefahren und haben Reiser von alten Sorten geschnitten.“ Diese wurden dann in der Baumschule Sanitz bei Rostock veredelt, ab 1993 wuchsen die ersten Zöglinge in Lieschow. „Mit 450 Bäumen ging es los“, erzählt Hessenius, der als erster in MV die offizielle Lizenz zum Brennen erhielt und damit Pionierarbeit für eine ganze Branche leistete. „Heute haben wir rund 1000 Exemplare auf dem etwa drei Hektar großen Gelände. Hauptsächlich Viertelstämmer, die sind am leichtesten zu bearbeiten und sind nicht so windempfindlich.“ Insgesamt 90 Sorten zählt Hessenius, darunter nicht nur Äpfel sondern auch Birnen, Pflaumen, Mirabellen und Quitten. „Damit betreiben wir eine der nennenswertesten Obstwiesen mit beispielhaft seltenen Apfelsorten“, bemerkt Hessenius voller Stolz.

8000 Flaschen Edelobstbrand pro Jahr

Bis zu 34 Tonnen Bio-Obst ernten Hessenius und sein Team im Jahr, nach der sorgfältigen Auslese per Hand – keine faule Stelle wird toleriert – werden daraus etwa 8000 Flaschen Edelobstbrand gewonnen. „Fruchtaromen sind ätherische Öle. Um sie zu lösen ist ein gewisser Alkoholgehalt erforderlich“, sagt Hessenius. Mehr Alkohol bedeute aber keinesfalls mehr Aroma. „Ab einem Alkoholgehalt von 45 Prozent überlagert der Alkohol die Frucht. Daher haben unsere Edelbrände einen Alkoholgehalt von 42 Volumenprozent.“ Die gebrannten Kostbarkeiten sind nicht nur bei Privatkunden gefragt, die im Hofladen einkaufen, sondern auch in der Gastronomie, für die Hessenius auch Sonderwünsche erfüllt. Sein Konzept ist übrigens weit über die Grenzen der Insel Rügen bekannt. In diesem Jahr wurde die Edeldestillerie mit dem dritten Platz beim Landeswettbewerb „Bestes Bio aus MV“ ausgezeichnet.

Ziebarth Anne Friederike

Die Pflanzungen beginnen am Montag und dauern bis zum 4.Mai. Mit Behinderungen des Straßenverkehrs ist zu rechnen.

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