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Rügen Schock beim Start: 40 Missbrauchsfälle in 18 Monaten
Vorpommern Rügen Schock beim Start: 40 Missbrauchsfälle in 18 Monaten
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09:15 25.10.2018
Psychologin Ilona Wulff geht in den Ruhestand. Quelle: Christine Zillmer
Bergen

Die ausgebildete Psychologin Ilona Wulff (65) wollte der Insel Rügen und ihrem Job als Familien- und Erziehungsberaterin bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Bergen eigentlich schon nach kurzer Tätigkeit den Rücken kehren. Sie blieb am Ende 26 Jahre.

„Ich bin damals als Beraterin bei der Awo in den ersten eineinhalb Jahren mit 40 Missbrauchsfällen von Kindern und Jugendlichen auf der Insel Rügen konfrontiert worden. Davon sind drei zur Anzeige gekommen. Ich war schockiert“, erinnert sich Ilona Wulff zurück. Sie blieb. Jedes Dienstjahr 100 bis 150 Klienten und 700 bis 800 Menschen, mit denen die diplomierte Psychologin zu tun hatte – das ist die Bilanz einer 26-jährigen Tätigkeit als Mitarbeiterin der ersten Familien- und Erziehungsberatungsstelle der Awo auf Rügen. Am gestrigen Mittwoch war der letzte Tag erreicht und es ist der Beginn einer ganz besonderen Zeit. Ilona Wulff wird in den Ruhestand verabschiedet. Sie blickt auf viele Erfolge zurück.

1992 als Psychologin eingestellt

Ilona Wulff wuchs in der Nähe von Wismar in Feldberg auf. Sie blieb bis zum Abschluss an der Erweiterten Oberschule und wurde Lehrerin in Mathematik und diversen technischen Fächern in Neubrandenburg. Nach fünf Jahren Lehrertätigkeit studierte sie in Leipzig Psychologie und bekam eine Stelle als Schulpsychologin in Waren. Nach zwei Jahren wechselte sie in der Tätigkeit für weitere acht Jahre an eine Schule in Demmin. „In der Wendezeit orientierte ich mich dann neu. Ich hospitierte in Lüneburg und Schleswig und verschaffte mir einen Eindruck der Arbeitsweise im sozialen Bereich in den alten Bundesländern“, sagt sie. In Bergen auf Rügen wurde sie 1992 als Psychologin bei der Awo eingestellt und organisierte die erste Familienberatung der Insel. Die Bandbreite der Arbeit reicht von Problemen mit Geschwistern und Mitschülern, der Überwindung von Hemmungen und Ängsten hin zu Liebeskummer, Traumabewältigung nach Todesfällen und Missbrauch. „Ich fing 1992 an, die Beratungsstelle aufzubauen. Damals wusste niemand so richtig, was das genau bedeutet und so haben wir uns einen Arbeitsbereich geschaffen, der eine wichtige Funktion in der Gesellschaft erfüllt“, sagt Wulff.

Ilona Wulff erinnert sich

In den 26 Dienstjahren konnte das Team präventiv suizidal arbeiten, also vorbeugend gegen Selbstmord. Manche Jugendliche seien so verzweifelt gewesen, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollten. Ilona Wulff erinnert sich: „Ein Mädchen wollte sich in einem Waldstück auf Rügen das Leben nehmen. Damals gab es noch keine Mobiltelefone, sie war bei mir in Beratung und fand meine private Nummer im Telefonbuch. Ich bekam so heraus, was sie vorhatte. Wir suchten sie fast zwei Stunden lang und verhinderten das Schlimmste.“ Das trieb allen die Angst in die Glieder. Manchmal hätten Kinder in der Störtebekerstraße in Bergen gestanden und nach Hilfe gefragt, weil sie gemobbt werden oder Jugendliche sind zu ihr gekommen, die schon als Kinder Erfahrungen mit der Beratungsstelle gemacht haben.

Trennungen der Eltern, Essstörungen oder häusliche Gewalt sind aktuelle Themen in einigen Familien. Diese führen oft zu Verhaltensauffälligkeiten. Es sei völlig okay, sich Beratung zu holen. „Wir betrachten die Kinder niemals losgelöst von ihrem gesellschaftlichen System, in dem sie leben. Ich arbeite kooperativ und versuche an die Wurzel des Problems zu kommen.“ Das sei oft sehr schwer. Noch heute rufen ehemalige Klienten an, denen geholfen werden konnte.

Ilona Wulff geht mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ich engagiere mich weiterhin in der Landesinitiative der Erziehungs- und Familienberatung und möchte auf politischer Ebene mehr Unterstützung einfordern. Am ersten arbeitsfreien Tag wird Ilona Wulff ausschlafen, lesen und Kräfte sammeln beim Schwimmen, Walken oder Wandern und viel Zeit mit ihrer Familie verbringen.

Christine Zillmer

Die OSTSEE-ZEITUNG stellt die Menschen der Insel und deren Gäste vor. Heute: Stefanie Langer

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