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Rügen als Hort des Widerstands?

Prora Rügen als Hort des Widerstands?

Historiker des Stasi-Beauftragten stellte Resultate seiner Forschung zur DDR-Opposition im Prora-Zentrum vor

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Christian Halbrock hat im Auftrag der Bundesregierung über die Geschichte der Opposition im Norden der DDR geforscht.

Quelle: Uwe Driest

Prora. Acht Jahre lang ermittelte eine Sonderkommission auf der Suche nach dem Schreiber anonymer, systemkritischer Briefe. Dann stellte sich heraus, dass die Pamphlete der Feder der über 80-jährigen Bewohnerin eines Güstrower Altenheims entstammten, die sich die Zeit ihres nachmittäglichen Eierlikörs mit dem Schreiben der Briefe vertrieb. Auch auf diese Geschichte stieß Christian Halbrock bei seinen Recherchen. Der Historiker im Dienst des „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“ (kurz BStU), widmete sich fünf Jahre lang den verschiedenen Widerstandsformen im SED-Staat und stellte sein daraus entstandenes Buch „Freiheit heißt, die Angst verlieren. Verweigerung, Widerstand und Opposition in der DDR: Der Ostseebezirk Rostock“ im Prora-Zentrum vor.

Berlin war weit weg und die Bevölkerung hier vielleicht wert- konservativer.“Christian Halbrock

Die Seniorin ist eher eine Ausnahme. Es waren seinerzeit vor allem junge Menschen, die sich gegen die bedrückende Enge der DDR mehr oder weniger gezielt auflehnten, „und zwar gerade in den drei Nordbezirken, wobei Rügen ein Cluster bildete“, so Halbrock. Mögliche Erklärung: „Berlin war weit weg und die Bevölkerung vielleicht wertkonservativer.“ Vor allem im Norden hätten sich Bauern und Fischer geweigert, sich der LPG-Reform anzupassen, weswegen Typ 1 und Typ 3 vielfach nebeneinander existierten. An der Stralsunder Werft, den Verkehrsbetrieben oder dem VEB Bauindustrie wurde noch nach dem 17. Juni 1953 gestreikt, vor allem nach Schüssen an der Mauer habe es regelmäßig Aktionen in den drei Nordbezirken gegeben und Hansa-Fans platzte der Kragen, als die vier besten Spieler zum Berliner „Mielke-Club“ BFC Dynamo wechseln sollten.

„Keine Butter, keine Sahne, auf dem Mond die rote Fahne“, war im Buswartehäuschen von Gager zu lesen und „Freiheit für Israel“ am Bergener Gymnasium. Als die Rote Armee 1968 in Prag einmarschierte, prangte an der F 96 der Schriftzug „Es lebe Dubcek“. Oftmals aber hätten sich auch Hakenkreuz-Schmierereien gefunden, die Halbrock als „provokativen Reflex, den Staat zu ärgern“ wertet.

Zum besseren Verständnis ordnet der Historiker die von der Stasi erfassten Taten in Kategorien ein. Zu einer zählten die Menschen, die aus FDJ oder Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) austraten, Fahnen abrissen oder Bilder der Staatsratsvorsitzenden verzierten.

Trotz der höchsten Spitzeldichte der Warschauer-Pakt-Staaten habe die Stasi lediglich 40 Prozent der Fälle aufklären können, weiß Halbrock. Dafür erstellten die Gesinnungsschnüffler ein umfangreiches Archiv typografischer Schreibmaschinenbilder und entwickelten ein System aus Karteikarten nach dem Vorbild westlicher Rasterfahndung, bevor später Lochkarten und Magnetbänder folgten. Allein aus Bergen hätte seine Behörde 60 Kartons mit Unterlagen erhalten, so Halbrock. Als sich in östlichen Nachbarstaaten Dissidenten formierten, gründete sich in Rostock der „Intelligenzclub“. Auf Rügen bildeten sich in den 80-er Jahren Menschenrechtskreise in Rambin und Altefähr oder Umweltgruppen in Middelhagen. Jetzt waren an Bus-Wartehäusern oder Fernwärmerohren die Namen von Gruppen der Neuen Deutschen Welle (Spliff, Hubert Kah) oder Udo Lindenberg zu lesen.

Manchmal informierten Arbeiter westliche Stellen über die Produktion sowjetischer Kriegsschiffe oder schütteten Sand ins Getriebe des Regimes. So bewirkte eine fünfköpfige Gruppe des Rostocker Fisch-Kombinats Kolbenfresser bei Zügen, andere mischten Glassplitter in die Druckerschwärze der OZ. Aber auch innerhalb des Blattes regte sich Widerstand in Form des Fehlerteufels: Da war schon mal vom „KZ der SED“ die Rede, vom „anti-kommunistischen Widerstand“ oder von der Verteidigung der DDR „mit der Waffel in der Hand“.

Uwe Driest

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