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Rügens Alleen: Eine Pracht siecht dahin

Umwelt Rügens Alleen: Eine Pracht siecht dahin

Die Bäume links und rechts der Inselstraßen leiden unter mangelnder Pflege und fallen dem Verkehr zum Opfer.

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Altersschwach oder krank, nicht mehr verkehrssicher: Am Ende regiert die Säge, wie hier zwischen Bergen und Putbus in Alleen.

Quelle: Burwitz/Archiv

 

OSTSEE-ZEITUNG: Rügens Alleen scheinen auf dem Rückzug zu sein. Immer mehr Bäume verschwinden vom Straßenrand, die einst grünen Tunnel werden lichter — oder täuscht das?

Uwe Hobusch: Nein, das ist so. Was das Straßenbild betrifft, kommen wir mit großen Schritten dorthin, wo die alte Bundesrepublik schon vor Jahrzehnten war.

OZ: Dabei schwärmen doch gerade Urlauber aus dem Westen von den Rügener Alleen . . .

Hobusch: Aber gerade der Tourismus trägt auch einen gehörigen Teil zu dieser negativen Veränderung bei: Die Busse werden immer höher, die Autos immer breiter. Für das Grün bleibt da immer weniger Platz.

OZ: Werden die Straßen wirklich breiter? In Alleen sind sie doch durch Bäume begrenzt?

Hobusch: Beim Ausbau der Straßen wird die Fahrbahn auf DIN-Norm verbreitert. Oder nehmen wir mal das Profil einer alten, ausgefahrenen Straße. Sieht man sich deren Schnitt an, hat sie in der Mitte den höchsten Punkt und fällt zu den Seiten stark ab. Beim Neubau einiger Straßen wurde jetzt nicht der „Buckel“ in der Mitte abgeflacht, sondern die Vertiefungen an den Rändern aufgefüllt und diese meist sogar noch bis dicht an den Stamm heran verbreitert. Damit ist für viele Bäume schon das Ende besiegelt.

OZ: Warum?

Hobusch: Weil vor allem die Wurzeln in Mitleidenschaft gezogen werden. Die enden nämlich nicht am Straßenrand. Pauschal kann man sagen, dass das Wurzelgeflecht um ein Viertel größer ist als der Kronenumfang, bei Buchen zum Teil doppelt so groß. Bei Arbeiten im Wurzelbereich darf in einer Entfernung von zweieinhalb Metern vom Stamm nur per Hand ausgeschachtet werden. So lautet jedenfalls die Vorschrift DIN 18920. Aber fragen Sie mal, wer die kennt und dann, wer sich daran hält.

OZ: Aber auch beim Schachten per Hand wird man doch auf Wurzeln stoßen . . .

Hobusch: Da kann man aber anders reagieren. Ein vitaler Baum heilt einen kleinen, sauberen Schnitt an der Wurzel selbst. Bei einem Wurzelriss, wie er beim maschinellen Einsatz vorkommt, schafft er das nicht. Da ist die verletzte Fläche und dementsprechend das Einfallstor für schädigende Pilze viel größer.

OZ: Sie sprachen vom Profil der Straßen, das sich verändert. Welchen Einfluss hat das auf die Alleen?

Hobusch: Auch das schädigt in erster Linie die Wurzeln, in der Konsequenz dann auch die Kronen. Zu DDR-Zeiten waren die Straßen poröser und ließen mehr Wasser durch. Heute versiegeln die Fahrbahnen den Boden darunter. Der wird immer weiter verdichtet. Die Wurzeln der Alleebäume bekommen außer Wasser auch keinen Sauerstoff mehr. Durch die Verbreiterung an den Rändern erhöht sich auch der Druck auf das Wurzelgeflecht. Dazu kommt, dass die Aufschüttung an den Rändern zur Folge hat, dass dort das Straßenniveau höher als vorher ist. Um das geforderte Lichtraumprofil zu erhalten, also die Durchfahrtshöhe, muss höher ausgeästet werden. Dabei werden teilweise Äste mit einem Durchmesser von bis zu 20 Zentimetern abgeschnitten. Unterhalb der Schnittstelle bildet sich ein so genannter Versorgungsschatten, der die Rinde am Stamm teilweise absterben lässt.

OZ: Aber die großen Straßenbaumaßnahmen an den meisten Alleen sind doch längst abgeschlossen?

Hobusch: Was wir heute sehen, sind zum großen Teil die Folgen der Wurzelschäden, die beim Straßenbau vor zehn und mehr Jahren entstanden sind. Viele Bäume verdursten und vertrocknen schlicht und einfach. Es heißt, zu jedem Ast oben am Baum gehört eine Wurzel im Erdreich. Wenn wir uns die Äste an vielen Alleebäumen ansehen, wissen wir, wie es um deren Wurzeln bestellt ist.

OZ: Ist da noch etwas zu retten?

Hobusch: An manchen Stellen nicht mehr.

OZ: Zum Beispiel?

Hobusch: Die Allee zwischen Bergen und Gingst. Die kann man meiner Ansicht nach nur noch komplett erneuern. Dort junge Bäume zwischen die restlichen alten zu pflanzen, bringt nichts. Aber es ist natürlich nicht damit getan, die jungen Bäume einfach in ein Pflanzloch zu stecken und abzuwarten. Es muss sinnvoll gepflanzt und vor allem gepflegt werden.

OZ: Geschieht das gegenwärtig nicht?

Hobusch: (Winkt ab) Ach, nur in Ausnahmefällen. Nehmen Sie doch mal die Linden, die an der Selliner Hauptstraße gesetzt wurden. Die haben entweder keine oder nur eine ganz winzige Baumscheibe bekommen. Nahezu die gesamte Oberfläche wurde versiegelt. An einer anderen Stelle wurden die Jungbäume seit Jahren nicht beschnitten. Das ist ein Unding. Bis so ein Baum 20 oder 30 Jahre alt ist, muss man mit der Pflege immer am Ball bleiben. Die sonst entstehenden Schäden lassen sich später kaum noch reparieren.

OZ: Welche könnten das sein?

Hobusch: Zur Bildung einer vernünftigen Krone muss der Baum schon frühzeitig beschnitten werden. Es ist besser, am Anfang kleine Zweige abzunehmen, als später dicke Äste absägen zu müssen.

Dieser Schnitt ist nicht nur zur Sicherung der künftigen Durchfahrtshöhe an den Straßen wichtig, sondern auch für die Stabilität des Baumes. Ein gesundes, gepflegtes Exemplar öffnet seine Krone bei starkem Wind förmlich, verringert so den Widerstand und lässt Rasmus hindurchwehen.

OZ: Warum wird das von den zuständigen Kommunen und Ämtern nicht getan?

Hobusch: Ich weiß es nicht. Die Gründe sind vermutlich ganz unterschiedlich. Bei den einen ist es schlichtes Desinteresse für das Grün, bei den anderen fehlende Fachkenntnis oder mangelndes Geld für eine ordnungsgemäße Pflege. Eine vorausschauende Baumpflege gibt es meiner Meinung nach auf Rügen derzeit nicht.

OZ: Gibt es die denn anderswo?

Hobusch: In Stralsund führt man ein kommunales Baumkataster und beschäftigt eine eigene Baumpflegetruppe. Auf Rügen ist Bergen die einzige Kommune, die einen Computertomographen zur Messung der Restwandstärke bei Bäumen besitzt. In Putbus gibt es außer denen im Park noch 4000 weitere Bäume. Ohne ein Kataster hat da niemand einen Überblick, wann die gepflanzt und wie gepflegt wurden.

OZ: So ein Kataster könnte helfen?

Hobusch: Ja, aber das allein reicht nicht. Die Verantwortlichen müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen. In den Kommunen muss es regelmäßige Baumschauen geben. Und wir brauchen mehr Fachverstand. Speziell Jungbaumpflege sollte nur von Fachfirmen ausgeführt werden. Wenn wir uns nicht mehr um die Bäume in den Orten und an den Straßen kümmern, werden irgendwann nur noch halb verhungerte Krüppel dastehen.

Schatten für Napoléons Soldaten
287 Kilometer Straßen und Wege werden auf Rügen von Bäumen gesäumt. Auf der Insel gibt es insgesamt knapp 399 Alleen und Baumreihen.
Zur Verbreitung der Alleen, die einst nur schattige Wege in Gärten waren, trug Napoléon Bonaparte bei, der sie als Sonnenschutz für die auf den Straßen marschierenden Soldaten anlegen ließ.
1989 hatte Uwe Hobusch damit begonnen, sich auf den Schnitt von Bäumen zu spezialisieren. Er absolvierte verschiedene Lehrgänge und lernte bei der Firma Thomsen in Pinneberg die ganzheitliche Baumpflege, bevor er sich auf Rügen selbstständig machte. Hobusch ist mittlerweile Rentner und weiter als Baumsachverständiger tätig.

 



Interview von Maik Trettin

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