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„Das ist kein Test für Idioten“

Stralsund „Das ist kein Test für Idioten“

Die Stralsunder Suchttherapeutin Cathleen Spröte erklärt, warum die Medizinisch-Psychologische Untersuchung für Verkehrssünder eine riesige Hürde ist.

Stralsund. /Rügen. Die Diplom-Pädagogin Cathleen Spröte (40) ist seit 2003 Suchttherapeutin beim „Chamäleon“-Verein in der Hansestadt. Die gebürtige Stralsunderin und Mutter von zwei Kindern hat im vergangenen Jahr zwölf Menschen auf die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) vorbereitet. Jedes Jahr müssen bundesweit mehr als 90000 Menschen den Test machen.

OZ: Wenn ich einer Ihrer Klienten wäre, was würden Sie als erstes fragen?

Cathleen Spröte: Ich steige immer mit den Fragen ein: Warum sind Sie hier? Wo liegt Ihr Problem? Wenn es um eine MPU geht, sagen die Leute meist, dass sie unter Alkoholeinfluss Auto gefahren sind. Zur Suchtberatung kommen viele, weil zum Beispiel die Mutter das will, oder weil das Gericht es angeordnet hat.

Zwischen MPU-Vorbereitung und Suchtberatung gibt es also erstmal gar keinen Unterschied?

Richtig, es ist vom Inhalt her das Gleiche. In der Suchtberatung geht es unter anderem um Risikosituationen und Bewältigungsmechanismen. Was kann ich tun, um nicht rückfällig zu werden? Das ist auch wichtig für die MPU. Der Gutachter erwartet eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema. Was tue ich jetzt, um keinen Alkohol mehr zu trinken?

Man sollte das also nicht auf die leichte Schulter nehmen. Warum wird die MPU trotzdem im Volksmund Idiotentest genannt?

Das ist eine gute Frage, denn das ist alles andere als ein Test für Idioten. Die Untersuchung ist eine riesen Hürde, übrigens auch eine finanzielle. Die MPU wegen Alkohol kostet um die 400 Euro, wegen Drogen ist es noch teurer. Dazu kommen die Kosten für die Vorbereitung und den Abstinenznachweis.

Was für Menschen kommen zu Ihnen?

Leute, die wegen des Konsums von Betäubungsmitteln im Straßenverkehr auffällig geworden sind oder Trunkenheitsfahrten hinter sich haben. Abiturienten, Studenten, Selbstständige, Arbeitslose.

Alkohol am Steuer ist ein Problem aller Gesellschaftsschichten. Es kommt auch vor, dass Menschen gar nicht im Straßenverkehr auffällig geworden sind und trotzdem eine MPU machen müssen. Ich hatte mal einen Klienten, der wurde observiert und hat sich Stoff bestellt. Ihm wurde daraufhin der Führerschein entzogen mit der Aufforderung, eine MPU zu machen. Das passiert auch. Es reicht, wenn die Vermutung besteht, dass jemand ein Drogenproblem hat.

Was heißt es konkret, wenn jemand so einen Test machen muss?

In der Regel wird erst der Führerschein entzogen. Wenn Sie den zurückbekommen möchten, will die Behörde ein Gutachten sehen, in dem steht, dass Sie in der Lage sind, ein Fahrzeug zu führen – ohne den Einfluss von Betäubungsmitteln.

Wann tritt dieser Fall ein?

Wer mit über 1,6 Promille angehalten wird, muss generell zur MPU. Das gilt übrigens auch für Fahrten mit dem Fahrrad. Wenn jemand mindestens zweimal mit mehr als 0,5 Promille im Verkehr erwischt wird, dann liegt die Vermutung nahe, dass er Autofahren und Alkoholkonsum nicht voneinander trennen kann. Ich hatte auch den Fall, dass die Polizei bei jemandem, der noch gar keinen Führerschein hatte, drei Gramm Cannabis gefunden hat. Als der später die Fahrerlaubnis machen wollte, hat die Führerscheinbehörde erstmal eine MPU angeordnet.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Sie besteht aus vier Teilen. Erst gibt es einen Fragebogen zu biografischen Sachen. Dann wird Wissen abgefragt, etwa zu Folgeschäden von Alkohol. Dann gibt es einen medizinischen Check, da wird geschaut, ob etwas im Blut vorhanden ist. Dann folgt ein Reaktionstest, der aber keine Hürde ist für jemanden, der normal reaktionsfähig ist. Zuletzt kommt das sogenannte Explorationsgespräch, ein Gespräch mit einem Psychologen, das für viele der Knackpunkt ist. Der Gutachter muss die Frage beantworten: Kann der Betroffene künftig ohne Einfluss von Alkohol am Straßenverkehr teilnehmen? Um das zu beantworten, fragt er mehrere schwierige Fragen.

Warum ist das so schwierig?

Ohne Vorbereitung ist das kaum zu schaffen. Der Gutachter schaut, ob sich derjenige intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Er fragt zum Beispiel, warum sich jemand für eine Abstinenz entschieden hat. Da kann ich aber nicht antworten, „weil ich meinen Führerschein zurückhaben will“. In dem Moment, an dem der Betroffene den Schein zurück hat, ist der Grund für die Abstinenz weg.

Ich muss darlegen können, dass der Wunsch nach Abstinenz mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun hat. Eine anderes Problem ist, wenn Menschen die Verantwortung anderen zuschieben. „Wäre ich nicht in die Polizeikontrolle gekommen, wäre das nicht passiert.“ Dabei haben nur sie allein entschieden, sich ins Auto zu setzen.

Wann bekommt man den Führerschein frühestens wieder?

Wenn ein Jahr Abstinenz nachgewiesen werden muss, nach einem guten Jahr.

Wie machen das Menschen, die für ihre Arbeit auf den Führerschein angewiesen sind?

Manche bekommen einen Fahrer, aber das kann nicht jede Firma leisten. Andere bekommen Fristen gesetzt. Arbeitgeber sagen dann, „wenn du nicht in einem halben Jahr deinen Führerschein wieder hast, dann kann ich dich nicht halten“. Andere Unternehmen gehen damit relativ gut um. Der Job gibt Stabilität, das ist wichtig. Es wurden auch schon Leute deswegen entlassen. Keinen Führerschein zu haben, kann existenzbedrohend sein.

Haben Sie ein Auto?

Ja.

Schon mal einen Punkt in Flensburg bekommen?

Nein, noch nie. Ich fahre seit 1995.

Interview: Alexander Müller

OZ

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