Volltextsuche über das Angebot:

25 ° / 17 ° Gewitter

Navigation:
Elena Zheshko: „Mutter wurde misshandelt“

Sassnitz Elena Zheshko: „Mutter wurde misshandelt“

Junge Leute befragen ehemalige Zwangsarbeiter auf Rügen

Voriger Artikel
Neue Urnenanlage auf Lietzower Friedhof
Nächster Artikel
Auf neuem Asphaltband mit dem Rad nach Mukran

Wie war das damals für Sie auf Rügen? Patryk Matusiak (l.), Martin Vrzec und Maria Metzner befragen die Ukrainerin Elena Zheshko (78) nach ihren Erinnerungen an die Zwangsarbeit in der NS-Zeit auf der Insel. Kevin Großer zeichnet das Gespräch vor dem Sassnitzer Rathaus mit der Kamera auf.

Quelle: Udo Burwitz

Sassnitz. „Welche Auswirkungen hatten Deportation und Zwangsarbeit auf Rügen für ihr späteres Leben?“, will der Sassnitzer Pastor Peter Nieber wissen. Aniela Luszczak muss erst mehrmals tief Luft holen, um die Gefahr zu bannen, dass ihre Stimme versagt. „Noch heute beginne ich zu zittern, wenn Fremde auf den Hof kommen oder mich ansprechen. Dieses Zittern werde ich trotz ärztlicher Behandlung nicht los. Es hat mich mein Leben lang begleitet“, antwortet die Polin. Heute ist sie 79 Jahre alt. Die Ursache für das Zittern liegt mehr als sieben Jahrzehnte zurück.

OZ-Bild

Junge Leute befragen ehemalige Zwangsarbeiter auf Rügen

Zur Bildergalerie

Zwangsarbeit

13 Millionen ausländische Zwangsarbeiter hat es innerhalb der deutschen Grenzen während der NS-Zeit gegeben. Außerhalb der Grenzen waren es im deutschen Einflussbereich während des Krieges mindestens noch einmal so viele Zwangsarbeiter.

Als Sechsjährige wurde Aniela Luszczak mit ihren Eltern und ihrem Bruder in der NS-Zeit aus der Heimat zur Zwangsarbeit nach Rügen verschleppt.

Jetzt, 71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hat Aniela Luszczak zum ersten Mal wieder ihren Fuß auf die Insel gesetzt – um jenen Ort aufzusuchen, der mitverantwortlich für ihr Zittern ist, und um jungen Leuten ihre Kindheitserinnerungen an Deportation und Zwangsarbeit an den Originalschauplätzen auf Rügen zu erzählen. Aniela Luszczak gehört zu vier ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus Polen und der Ukraine, die sich innerhalb einer Begegnungswoche mit 24 Schülern der Regionalen Schule Sassnitz, vom Förderzentrum Bergen und dem staatlichen Berufsförderwerk Stettin auf Rügen auf Spurensuche begeben haben. „Grenzen überwinden“ titelt dieses vom Dokumentationszentrum Prora initiierte Projekt, das bereits zum 13. Mal auf der Insel veranstaltet wurde.

„Ich freue mich, dass wir diese Begegnungswoche zu einer Tradition werden lassen konnten“, empfing Frank Kracht die Teilnehmer am Donnerstag im Rathaus. Auch dieser Empfang durch den Sassnitzer Bürgermeister hat als Abschluss der Woche der Begegnung bereits Tradition. „Es ist wichtig, der jungen Generation zu erzählen, was geschehen ist. Damit wird Geschichte für die jungen Leute eine lebendige und erlebbare“, hob Kracht hervor. „Ich empfinde die gehörten Geschichten als sehr krass“, fasste Vivian Heise das in der Woche Erlebte für sich zusammen. „Wir behandeln in der Schule zwar den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Die Zwangsarbeit ist aber kein Thema“, schob die 16 Jahre alte Sassnitzer Schülerin nach.

„Ein glasklares Bonbon war das einzig Süße, was ich in zwei Jahren in Deutschland bekommen habe“, erfuhren Vivian Heise und die anderen jungen Leute von Aniela Luszczak in Reidervitz. Zum ersten Mal nach mehr als sieben Jahrzehnten suchte die Polin den Ort auf Wittow auf, mit dem sich dunkle Kindheitserinnerungen an das Einpferchen in einer kleinen, abgeschlossenen Kammer für sie verbinden, in der sie auf den zwei Jahre jüngeren Bruder aufpassen musste, während die Eltern tagsüber Zwangsarbeit von 1943 bis zum Kriegsende auf der ehemaligen Gutsanlage verrichten mussten. „Den Bonbon habe ich beim Einholen der Lebensmittelrationen in einem Dorfladen geschenkt bekommen und musste ihn noch mit meinem Bruder teilen“, erinnert Aniela Luszczak. So wie sie suchten zum ersten Mal seit dem Kriegsende Bodgan Olszewski (78) und Alina Wiese (80) aus Polen auf den ehemaligen Gütern in Fernlüttkevitz und Lobkevitz nach Spuren ihrer durch Zwangsarbeit geprägten Kindheit.

„Mutter wurde misshandelt und fast mit dem Tode dafür bestraft, dass sie Kartoffeln für ein besseres Essen für Kriegsgefangene stehlen wollte“, erfuhren die Schüler von Elena Zheshko. Bereits zum zweiten Mal nach 2014 suchte die heute 78 Jahre alte Ukrainerin mit jungen Leuten in der Begegnungswoche Bergen auf. Bei einem Bauern auf einem Landgut der Stadt musste ihre Mutter damals Zwangsarbeit verrichten. Als der Bauer von der Absicht des Kartoffelstehlens erfahren habe, schleppte er die Mutter auf die Kopfsteinpflasterstraße und schlug sie brutal nieder. „Wir Kinder haben uns auf sie geworfen, um sie zu schützen“, berichtete Elena Zheshko mit Tränen in den Augen. Der Bauer habe die Mutter sogar noch überfahren wollen, in allerletzter Sekunde habe er aber gestoppt, appellierte Elena Zheshko beim Empfang im Sassnitzer Rathaus an die Jugendlichen: „Vergesst niemals die Geschichte!“

Dafür haben Schüler und vor allem auch die Zeitzeugen „lange und intensive Arbeitstage“ absolviert, beschreibt Katja Lucke vom Dokumentationszentrum Prora die spannende Begegnungswoche. Bereits im Vorfeld sei den jungen Teilnehmern zum Beispiel journalistisches Grundwissen speziell zum Führen von Interviews und der Umgang mit der Kamera beigebracht worden. „Die Gespräche wurden aufgezeichnet, davon Filmclips erstellt.“

Eine andere Arbeitsgruppe der jungen Leute hat mit Fotos eine Ausstellung gestaltet. „Diese wird an den Schulen gezeigt, die bei der Begegnungswoche dabei waren“, kündigt Lucke an. Filmclips von der Woche sollen sich Interessierte auf der facebook-Seite des Dokumentationszentrums Prora anschauen können.

Udo Burwitz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Berlin
Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind.

Das aktuelle Kalenderblatt für den 9. Mai 2016

mehr
Mehr aus Sassnitz
Verlagshaus Rügen

Markt 25
18528 Bergen auf Rügen

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag:
9.00 bis 12.30 Uhr und von 13.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Jens-Uwe Berndt
Telefon: 0 38 38 / 20 14 53
E-Mail: ruegen@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.