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Stralsund/Bergen Ganz allein in Sicherheit

Omid (16) hat es von Afghanistan nach Rügen geschafft. Doch ohne seine Familie gibt es für ihn keinen Frieden.

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Rahmat, Omid und Sajad (v.l) sind alleine von Afghanistan nach Deutschland gekommen. Beim PSV Stralsund spielen die 16-Jährigen in einer Fußballmannschaft. Ohne Papiere dürfen sie jedoch an keinem Wettbewerb teilnehmen.

Quelle: Fotos: Alexander Müller

Stralsund/Bergen. Da stehen sie nun, mitten im Frieden, und sehen trotzdem unglücklich aus: Sajad, den alle den „Professor“ nennen, weil er so gut in Mathe ist. Rahmat, der „Koch“, weil er das beste Essen zaubert. Und Omid, der Zimmermann, der von einem selbstbestimmten Leben als Handwerker in Deutschland träumt. Drei Jugendliche, alle 16 Jahre alt. Sie tragen Sneakers, Röhrenjeans, trendige Nerdbrillen, was Teenager heute eben tragen. Doch sie eint ein schweres Schicksal: Die drei Jungen, fast Kinder noch, entkamen der Gewalt in ihrer Heimat Afghanistan.

OZ-Bild

Omid (16) hat es von Afghanistan nach Rügen geschafft. Doch ohne seine Familie gibt es für ihn keinen Frieden.

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Im vergangenen Herbst bahnten sie sich auf der berüchtigten Balkanroute den Weg nach Deutschland in den Landkreis Vorpommern-Rügen — ganz allein, ohne ihre Familien. Omid zeigt seine Hand, die ihm ein Schlepper gebrochen hatte. Auf einem kleinen Boot, vollgepackt mit 50 Menschen irgendwo auf dem Mittelmeer, bangte er um sein Leben.

Omid steht jetzt mit seinen neuen Freunden, den Cousins Sajad und Rahmat, neben einer Auswechselbank am Rande des Fußballplatzes des PSV Stralsund. Sie warten darauf, dass ihr Training beginnt. Im Hintergrund kicken einige Jungs lässig ein paar Bälle ins Tor, die Sonne geht gerade unter, es riecht nach Frühling. Wenn jemand den Frieden malen wollte, hier fände er sein Motiv. Omid sagt, zu Hause in Afghanistan seien Wörter wie Frieden und Sicherheit nur leere Worthülsen, ohne Bezug zur Realität. Wie Farben für einen Menschen, der nicht sehen kann. „Seitdem ich in Deutschland bin, weiß

ich was Sicherheit bedeutet.“ Doch es bedrückt ihn sichtlich, dass seine Familie noch immer da draußen ist, in Gefahr.

Die drei Jungen sind seit Dezember im Landkreis Vorpommern-Rügen. Nach einer Zwischenstation in Franzburg leben sie in Bergen. Weil sie als integrierfähig gelten, wohnen sie in einer normalen Betreuungseinrichtung für Jugendliche mit anderen deutschen Kindern zusammen. Seit November 2015 sind 116 sogenannte minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in den Kreis Vorpommern-Rügen gekommen.

Alles Jungen, die meisten sind 16 oder 17 Jahre alt. 46 davon leben bei Verwandten, alle anderen in Heimen, drei davon wurden eigens für sie eingerichtet. Die unterscheiden sich deutlich von den Massenunterkünften für Erwachsene. Es gibt Zweibett- Zimmer, pädagogische Betreuung, gemeinsamen Deutsch- Unterricht.

Jens Donner ist der Koordinator im Jugendamt für diese Einrichtungen. Die Belastung für die Behörde ist enorm. Neben Unterkunft und Betreuung müssen die Mitarbeiter zum Beispiel für die Altersfeststellung sorgen und nach Verwandten in Deutschland suchen, falls es welche gibt. „Wahrscheinlich müssen wir in Zusammenarbeit mit den freien Trägern noch mehr Unterkünfte aufmachen, aber mittlerweile fehlen uns dafür die Fachkräfte“, sagt Donner.

Die Betreuung der Jugendlichen sei die wichtigste Aufgabe, die mittlerweile von fast allen freien Trägern der Jugendhilfe geleistet wird. „Denen gebührt unser Dank“, sagt Donner. Viele junge Flüchtlinge würden unter ihrer Vergangenheit leiden. Donner berichtet, wie die Bewohner eines Heims ihre Betten aus ihren Zimmern in die Gemeinschaftsräume geschoben haben, damit sie nicht alleine schlafen müssen.

Junge männliche Flüchtlinge haben in den vergangenen Monaten die Schlagzeilen beherrscht. Seit den Geschehnissen in der Kölner Silvesternacht sind sie der Inbegriff für den grapschenden Araber geworden, von dem man eine „Armlänge Abstand“ halten sollte. Ein vorschnelles Urteil, denn Kriminalität ist unter den Jugendlichen im Landkreis überhaupt kein Thema, wie Jens Donner vom Jugendamt versichert. „Die Mädchen in den normalen Heimen haben keine Angst vor den Jungs.“

Ein Problem sind allerdings überzogene Ansprüche: „Manche verlangen Geld, teure Klamotten und Handys. Sie haben völlig falsche Vorstellungen von Deutschland, kennen es nur aus dem Fernsehen“, sagt Donner.

Omid will seine Familie nachholen. Es war seine Mutter, die ihn unter den vier Brüdern auswählte und auf den Weg von Afghanistan nach Deutschland schickte. „Ich habe freiwillig zugestimmt. Es bestand sonst die Gefahr, dass mir das gleiche passiert wie meinem Vater.“ Omid sagt, die Taliban haben ihn getötet. Omids Vater sei Polizist gewesen, ein Repräsentant der regulären Regierung, weswegen es mit den Taliban ständig Scherereien gegeben habe. Eines Tages sei er von seinem Dienst außerhalb der Stadt nicht zurückgekehrt.

Seit er in Deutschland ist, telefoniert Omid zweimal pro Woche mit seiner Mutter. Öfter geht es nicht, weil das Netz bei ihr so schlecht ist. „Wenn ich mit ihr spreche, gibt mir das Kraft. Dann spüre ich, dass ich lebendig bin.“

Zahl stark gestiegen

116 Flüchtlinge ohne Eltern sind seit November vergangenen Jahres in den Landkreis Vorpommern-Rügen gekommen. Die Zahl ist im Vergleich zu den Vorjahren enorm hoch. Von 2013 bis heute kamen insgesamt 145 Minderjährige. Derzeit gibt es im Landkreis drei Spezialeinrichtungen und mehrere normale Heime, in denen 70 ausländische Jugendliche wohnen. 46 leben bei Verwandten.

Von Alexander Müller

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Rostock
Landkreise und kreisfreie Städte in Mecklenburg-Vorpommern stocken ihr Personal für die Betreuung und Verwaltung von Flüchtlingen auf. Der Landkreis Vorpommern-Rügen hat Geld für 26,5 zusätzliche Stellen eingeplant, teilte Pressesprecher Olaf Manzke mit.

Allein Rostock richtet 86 befristete Stellen ein. Viele Posten sind aber noch nicht besetzt, da die Flüchtlingszahlen seit Schließung der Balkanroute sinken.

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