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Rügen Initiative gegen die Krankheit des Vergessens
Vorpommern Rügen Initiative gegen die Krankheit des Vergessens
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00:00 18.04.2013
Sassnitz

Warum liegt die Bratpfanne im Kühlschrank? Und wieso zupft Vati immer an seiner Kleidung herum? Bruno T. (Name geändert) hat sich anfangs auch noch über die Veränderungen gewundert, die mit seinem Vater vor sich gingen. Heute weiß er, das gehört zum Krankheitsbild der Demenz. „Während der Körper altert, wandert die Seele rückwärts.“ Wer das versteht, kann auch besser mit demenzkranken Menschen umgehen. Seit 2006 arbeitet das Grundtvighaus in Sassnitz daran, die Krankheit zu enttabuisieren, Menschen mit und ohne Demenz zusammenzuführen und eine neue Kultur des Zusammenlebens mit den Betroffenen zu entwickeln. Zur Fortführung dieser Arbeit hat die Einrichtung jetzt 15 000 Euro von der Robert-Bosch-Stiftung erhalten. Auch die Stadt und der Landkreis haben sich finanziell beteiligt.

„Alle Menschen der Stadt sollen am Leben der Kommune teilnehmen können“, begründete Bürgermeister Dieter Holtz das Engagement. Dass gerade hier ein solches Projekt auf die Beine gestellt wurde, ist laut Amtsarzt Jörg Heusler kein Zufall: Statistisch gesehen ist sie die Stadt mit den ältesten Einwohnern der Insel. „Demenz wird uns gerade im Alter alle in irgendeiner Form angehen — entweder als direkt Betroffene oder als Angehörige eines Erkrankten“, so Heusler. Viele wüssten nicht, damit umzugehen. Ihnen soll durch die Initiative „Menschen mit Demenz in der Kommune“ geholfen werden.

Und zwar auf ganz unterschiedliche Weise, wie die Projektleiterin Marina Funke vom Grundtvighaus erklärt. Da gibt es zum einen seit Jahren die Selbsthilfegruppe. Die, sagt Bruno T., gebe ihm wirklich Kraft für die Pflege des Vaters. „Da merkt man, dass man kein exklusives Anrecht auf das ,Unglück‘ hat“, forumliert er es. Anderen gehe es ebenso. Was hilft, sind auch die praktischen Beschäftigungsangebote für die Patienten. Bruno T. hat zum Beispiel gemerkt, dass sein Vater zwar nicht mehr schreiben, aber mündlich noch hervorragend alte Sprüche und Weisheiten vervollständigen kann. Bei anderen klappt es besonders gut über die Musik. Georg Ladendorf, der jahrelang an der Spitze des Sassnitzer Volkschores stand, kommt alle 14 Tage in das Grundtvighaus, um mit Demenzpatienten zu musizieren. Er teilt Noten und Texte aus und setzt sich dann an den Flügel. An die alten Lieder, sagt er, erinnern sich trotz der Erkrankung viele. „Manchen fällt sogar noch die vierte Strophe ein, auch wenn die gar nicht mehr auf dem Blatt steht“, so Ladendorf staunend.

Solche Angebote sind für die Betroffenen ungeheuer wichtig, so Bruno T. Sein Vater hält manchmal das Buch beim Lesen falsch herum oder starrt minutenlang auf einen Artikel in der Zeitung, ohne ihn wirklich zu lesen. „Den nächsten Tag zu besprechen oder die nächste Stunde zu planen, ist so gut wie unmöglich.“ Oft habe man den Eindruck, die Patienten lebten gerade in einer anderen Zeit, ergänzt Marina Funke, die ausgebildete Krankenschwester ist. Deshalb sei es wichtig, ihren Lebenslauf zu kennen. Sicher: Ein Demenzkranker benehme sich anders, verändere sein Wesen, äußere sich anders und werde vergesslich. „Aber trotz allem möchten diese Menschen nach wir vor für voll genommen werden.“ Das wünschten sich ihrer Erfahrung nach die meisten Betroffenen.

Mit einer verstärkten Öffentlichkeitsarbeit, dem weiteren Ausbau eines Netzwerks von unterstützenden Partnern, Weiterbildungen für Ehrenamtler, Pflegepersonal und auch Politiker sowie mit Veranstaltungen und Exkursionen soll den Betroffenen direkt geholfen und ihr Umfeld für die Erkrankung sensibilisiert werden. Voraussichtlich im kommenden Monat werden Informationsblätter an die Haushalte verteilt. Die sehr gut besuchten Tagesseminare will man auch weiter anbieten. Dazu kommen Informationsveranstaltungen, ein Schülerprojekt mit der Regionalen Schule, Kreativkurse unter anderem im Töpfern, Ausflüge und Konzerte.

Demenzkranke sollen in Sassnitz künftig noch weniger abgeschottet leben, sondern zum Alltag gehören. Jörg Piecha vom Grundtvighausverein sieht Sassnitz da auf einem guten Weg: Als sich die Einrichtung 2006 des Themas annahm, habe ihm weit mehr als heute ein Tabu angehaftet.

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