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Sassnitz Scherenschnitt gegen Kinderarmut

Friseurin Katrin Wiedorn hilft Familien in Geldnot in Sassnitz und übernimmt nicht nur Patenschaft für Kopfchic

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Es wäre schön, wenn auch andere Unternehmer mitmachen würden und wir ein Netzwerk aufbauen könnten.“Christine Zillmer

Sassnitz. Zoe strahlt. Was für viele andere Kinder in ihrem Alter eine Selbstverständlichkeit ist, markiert für die sechsjährige Sassnitzerin eine Premiere: Zum ersten Mal sitzt Zoe in einem Friseursalon. Bisher hat Mutter Astrid Kunz die Schere immer selbst am Kopf ihrer Tochter angesetzt und versucht, die Haarpracht in Fasson zu bringen. „Weil wir uns einen richtigen Frisieur einfach nicht leisten können“, macht die 32-Jährige keinen Hehl daraus, dass in der Familie jeder Euro dreimal umgedreht und genau überlegt werden muss, ob er ausgegeben werden kann und ob das Wofür tatsächlich lebensnotwendig ist. Friseur falle dabei unter Luxus. Dass Zoe diese Luxus-Premiere genießen kann, hat sie Katrin Wiedorn zu verdanken. Die Friseurin sorgt für Kopfchic. Und das gratis.

 

OZ-Bild

Während Schwester Zoe frisiert wird, lässt sich Bruder Jonas Raphael (5) von Mutti Astrid Kunz eine Geschichte aus einem neuen und gespendeten Buch vorlesen.

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Für Sassnitz wird gerade das so genannte Integrierte Stadtentwicklungskonzept fortgeschrieben. Das Papier ist sozusagen ein Blick in die Zukunft. Was braucht Rügens Hafenstadt in den nächsten 10 bis 20 Jahren? „Sozialen Wohnraum“, zählen die Planer dazu, denn Sassnitz habe „einen hohen Anteil Hartz-IV-Empfänger, der bleiben wird“. Dieses Leben an der Armutsgrenze kennen auch Astrid und Alexander Kunz. Die 32-Jährige ist schwerbehindert, der 35 Jahre alte Sassnitzer arbeitet im Callcenter in Lietzow. Ihre Kinder Zoe und Jonas Raphael sind sechs und fünf Jahre alt. Mit dem Geld, das ihnen im Monat zur Verfügung steht, falle es schwer, über die Runden zu kommen, sagt der Familienvater. „Und noch viel schwerer, dafür zu sorgen, dass die Kinder die gleichen Chancen haben wie Gleichaltrige“, fügt Mutter Astrid hinzu. Ihr Tag sei deshalb ausgefüllt mit Behördengängen. „Denn um jeden Euro musst du ringen. Aber ich bin es gewohnt, zu kämpfen.“

Rund 2,5 Millionen Kinder leben in Armut in Deutschland. Ein eigentlich reiches Land – in dem dieses Thema oft und gern ausgespart wird. Astrid Kunz hat das Tabu gebrochen. Und sich dabei sogar vor die Kamera gestellt für eine Fernseh-Reportage mit dem Titel „Raus aus der Kinderarmut“. „Ich habe nichts zu verbergen“ so die Sassnitzerin.

„Ich habe diese Reportage gesehen“, sagt Katrin Wiedorn. Zu Hause ist sie in Süddeutschland, aber auch Wahl-Sassnitzerin. Die 41-Jährige wohnt in Konstanz, ist selbstständige Friseurin und sorgt seit achteinhalb Jahren im eigenen Salon für Kopfchic am Bodensee. Vor Jahren schon erwarb sie mit ihrem Mann in Rügens Hafenstadt eine Ferienwohnung und richtete sich im Kellergeschoss des Wohnhauses in der Bachstraße 57 ihren Rügener Frisiersalon ein.

„Kinder dürfen nicht augegrenzt werden“, betont Katrin Wiedorn. Tagelang habe sie sich nach der Fernsehreportage, die sie sehr beeindruckt hat, einen Kopf gemacht, erinnert sie. Wie kann ich helfen?

Auf große Hilfsorganisationen wollte sie nicht setzen. „Wichtig ist für mich, dass die Unterstützung direkt ankommt“, sagt sie. Und hatte schließlich die zündende Idee mit dem Kopfchic: „Ich übernehme die Patenschaft über Kinderköpfe aus betroffenen Familien und frisiere sie gratis.“

Beim Umsetzen der Idee hilft Christine Zillmer. Die Sassnitzer Kommunalpolitikerin, die auch im Gewerbeverein der Hafenstadt aktiv ist, knüpfte die Kontakte. Neben den Kunzes meldete sich eine weitere Familie mit zwei Kindern, die das Schicksal des Lebens an der Armutsgrenze teilen. „Wir haben noch 15 Euro. Und die müssen für uns vier eine Woche reichen. Erst dann gibt es wieder Geld. Aber wir kommen hin“, gibt der Vater einen Einblick in die aktuelle Situation. 15 Euro – so viel kostet schon ein Haarschnitt.

„Wir sind alle sieben Wochen in Sassnitz. Dann werde ich jedesmal den vier Kindern die Haare kostenlos frisieren“ sagt Katrin Wiedorn. Die Kopfpatenschaft ist in den Köpfen. Über eine gebildete Whatsapp-Gruppe wird bereits ständig Kontakt gehalten. „Da erfahre ich, was gebraucht wird. Was sich die Kinder wünschen.“ Dabei gehe es nicht um Gummibären und Co., sondern um wichtige Dinge. Zum Beispiel Nachhilfeunterricht oder Talenteförderung. „Wofür dann Partner gesucht werden könnten.“ Gefunden hat Katrin Wieborn die schon in ihrer Stammkundschaft in Konstanz. „Viele Kunden haben schon gespendet. Bücher, Rucksack, Fahrrad – eben, was gebraucht wird. Aber auch Geld“, freut sie sich über die Resonanz. Das Geld landete bereits auf einem extra angelegten Konto.

„Eine prima Sache“, findet Christine Zillmer, die als Ansprechpartnerin vor Ort agieren will – für Betroffene und Unterstützer. „Es wäre schön, wenn auch andere Unternehmer mitmachen würden und wir ein Netzwerk aufbauen könnten.“

Zoes Augen kleben ganz gebannt am Frisierspiegel. „So schön hat Mutti das nicht hinbekommen“, kommentiert sie das Ergebnis ihrer Friseur-Premiere. Ein Scherenschnitt gegen Kinderarmut lässt Kinderaugen strahlen.

Udo Burwitz

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