Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Störti-Kapitän war Kurzzeit-Wessi

Ralswiek/Dubnitz Störti-Kapitän war Kurzzeit-Wessi

Sieghard Gläsmann steuerte bei den Ralswieker Festspielen 16 Jahre lang eine Kogge. In den 50ern floh er kurz in den Westen.

Ralswiek/Dubnitz. „Komm schnell raus und hol die Gänse rein“, ruft Gerda Gläsmann ihrem Mann von draußen zu. „Zwei junge Füchse treiben sich auf der Wiese rum.“ Schnell steht der 82-jährige Sieghard Gläsmann auf und erledigt diese Aufgabe, denn die Tiere auf seinem Hof sind ihm wichtig. Nun sitzt er wieder am Tisch und beugt sich über seine Störtebeker- Programmhefte, die er lückenlos über die Jahre gesammelt hat. Er schaut sie immer wieder gern an und schwelgt in Erinnerungen. Denn davon hat Sieghard Gläsmann eine ganze Menge und es war ein weiter Weg bis zu seinem heutigen Ruhestand in Dubnitz auf Rügen.

Seit 2001 steuerte er 16 Jahre lang eine der Koggen bei den Ralswieker Störtebeker Festspielen. Bei keiner der über 800 Aufführungen war er krank und er beschreibts sich als stets gut gelaunt.

„Auf der Kogge lief alles gut, wir haben zu Beginn über Funk unsere Kanoneneinsätze bekommen, später lief die Steuerung über Land, die Besatzung war immer pünktlich und zuverlässig“, schwärmt Gläsmann von der Zeit als Mitarbeiter der riesigen Festspiel-Crew.

Am liebsten mochte er Wolfgang Lippert. Den bezeichnet Gläsmann als freundlich und nett. „Er hat uns immer persönlich begrüßt und die Hand gegeben“, erzählt er. Am Ende haben sich die größten Störtebeker-Fans von Sieghard Gläsmann persönlich verabschiedet und ihm ein Bild geschenkt als Erinnerung. „Es hat wirklich Spaß gemacht, aber mit 82 sollte man aufhören und keine verantwortungsvolle Position mehr übernehmen“, lächelt er. Die Zeiten mit Frau und Sohn in Dubnitz sollen nun ruhiger werden für den alten Seefahrer. Als drittes Kind von insgesamt vier Geschwistern war Gläsmann im Februar 1935 geboren worden. Er stammt aus Wilhemshof in Hinterpommern. Die Familie wohnte auf einem Rittergut, bis der Vater eingezogen wurde und im Zweiten Weltkrieg an die Front musste. Die Mutter hielt die Familie über Wasser. „Als ich zehn war, sagte meine Mutter, dass wir fliehen müssten“, erzählt Gläsmann. „Ich habe damals alles genau mitbekommen.“ 1945 stieg die Mutter mit ihm und seinen drei Brüdern am Bahnhof einfach in irgendeinen Zug und wartete auf die Abfahrt ins Ungewisse. „Wir wurden bei Schnee und Eis in Altentreptow abgeladen und kamen erstmal bei einem alten Bauern unter“, erinnert sich der Rentner. Der Tipp eines Bekannten aus der alten Heimat führte die Flüchtlinge nach Rügen: „Wir gingen lange Strecken zu Fuß, wir Kinder wurden von Zeit zu Zeit mit Handwagen gezogen. Es war sehr beschwerlich bis wir irgendwann auf Rügen ankamen.“ Hier bezogen sie ein kleines Haus in Glowe „Die Familie, die uns aufnahm, hatte auch vier Kinder“, erzählt Gläsmann weiter.

„So schliefen wir alle auf dem Boden verteilt, wenn es kein Bett mehr gab und bereiteten uns unser Nachtlager mit Stroh und Decken.“ Die Kinder tauschten ihre Arbeit gegen Essen bei den heimischen Bauern. Feldarbeit, Ställe ausmisten, Tiere füttern waren Aufgaben, die Gläsmann für ein wenig Nahrung erledigte.

1949 kam der Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. „Ab diesem Zeitpunkt ging ich neben der Arbeit auch wieder zur Schule“, sagt Sieghard Gläsmann. Als Jugendlicher habe er eine Ausbildung als Schiffsjunge in Sassnitz starten können. Seine Liebe und Leidenschaft für die See wurden hier geweckt, und für seine Zukunft konnte er sich nichts anderes mehr vorstellen. „Als ich 19 Jahre alt war, wurde mir eines Tages nahegelegt, Grenzsoldat zu werden. Ich war geschockt, denn an die Grenze wollte ich nicht“, erzählt Gläsmann. Zusammen mit seinem Kumpel Siegfried stieg er in einen Zug nach Berlin. Diesmal ging es nicht ins Ungewisse, sondern per U-Bahn über Ost-Berlin in den Westen. „Wir sind fast erwischt worden. Wir erkannten West-Berlin an der bunten Reklame und stiegen dann an einer dieser Stationen einfach aus. Wir kamen in ein Auffanglager in Berlin und wurden von dort aus nach Hannover geflogen.“ Die Liebe zur Heimat – so erzählt er – trieb ihn schon nach wenigen Monaten zurück auf die Insel. Seine Mutter besorgte ihm eine Aufenthaltsgenehmigung. Dienst an der Grenze hatte Gläsmann nun auch nicht mehr zu befürchten als ehemaliger „Westdeutscher“. Er fand eine Anstellung in Sagard und lernte kurz darauf beim Tanz in Sassnitz seine Frau Gerda kennen. Das Paar ist bereits 60 Jahre verheiratet und hat viel zusammen gemeistert. Sie kauften sich einen eigenen Kutter und arbeiteten in Sassnitz und Lauterbach.

Christine Zillmer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Rostock
Mit einem Schild wird auf ein Standesamt hingewiesen. Die hohe Zahl von Migranten prägt seit wenigen Jahren die Arbeit von Standesbeamten.

Mehr als 330 Standesbeamte aus ganz Deutschland beraten in Rostock-Warnemünde auch über den Umgang mit dem internationalen Privatrecht.

mehr
Mehr aus Sassnitz
Verlagshaus Rügen

Markt 25
18528 Bergen auf Rügen

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag:
9.00 bis 12.30 Uhr und von 13.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Jens-Uwe Berndt
Telefon: 0 38 38 / 20 14 53
E-Mail: ruegen@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.