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Rügen Schüddel de Büx, Schwalbe und Wartburg
Vorpommern Rügen Schüddel de Büx, Schwalbe und Wartburg
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00:05 09.09.2016
Manuela und Max Mann mit ihrem Oldtimer-Trabi vor dem alten Gasthaus von Mariendorf. Quelle: Fotos: Uwe Driest

Als es noch keine sanitären Einrichtungen gab in der „Sommerfrische Mariendorf“, verabredeten sich vor dem Schlafengehen jeweils zwei Frauen – für Männer kaum nachvollziehbar und wohl aus Furcht vor wilden Tieren – zu einer bestimmten Zeit gemeinsam das Klo auf dem Hof aufzusuchen. „Wenn eine der Frauen aufwachte, klopfte sie an der Zimmertür der anderen“, erzählt Manuela Mann, die das Haus heute gemeinsam mit Ehemann Peter als Ferienunterkunft weiterführt.

Urgroßvater Wilhelm Nausch hatte das Wohnhaus mit Gastwirtschaft und Fremdenzimmer im Jahr 1898 erbaut. Ab 1920 lebten die Großeltern Gertrud und Max Nausch darin und errichteten vier Jahre später die Scheune. „Ihren Unterhalt bestritten unsere Großeltern auf vielfältige Weise – mit Landwirtschaft, einem Gemischtwarenladen, einem Kohlehandel, einer Jugendherberge, dem bereits bestehenden Gasthaus und der Vermietung von Zimmern“, weiß Peter Mann. Laden und Landwirtschaft gaben sie aus Altersgründen in den 60er Jahren wieder auf, die Schanklizenz bestand hingegen noch bis 1972. Aus jener Zeit kennt den Gastraum auch Barbara Schultz-Habermann, die in den 60er Jahren mit ihrem kleinen Trabi und zwei Freundinnen dort Halt machte und nun mit ihrem Mann eine Radtour auf Alt Reddevitz unternimmt.

1982 schenkten die Großeltern das Gasthaus Peter Mann. Der lernte seine Manuela vier Jahre später kennen, als die junge Frau zusammen mit weiteren Kellnerinnen aus Dresden nach Sellin gekommen war.

Der Koch der Gaststätte, in der sie arbeitete, war mit Peter Mann befreundet und berichtete ihm brühwarm von der Ankunft der Frauensleute. Der Junggeselle nahm sie unverzüglich in Augenschein und als er Manuela sah, war’s um ihn geschehen. Er führte sie heim nach Mariendorf und es entstanden die Söhne Christoph (27) und der nach seinem Ururgroßvater benannte Max (19).

Manuela Mann macht auch heute noch eine gute Figur, wenn sie in Mönchguter Tracht das Tanzbein schwingt bei Tänzen wie „Schüddel de Büx“ oder dem Fischertanz „Viertouriger Walzer“, den „zwei Paare zu einer schwungvollen Weise tanzten“, wie es in einer alten Zeitung heißt.

Für Tradition hat auch Peter Mann ein Faible, das allerdings mehr in Richtung Technik geht. Gemeinsam mit der Middelhagener Feuerwehr organisiert er auf der Wiese gegenüber seines Hauses immer am letzten Wochenende im Juni das Rügener Oldtimer-Treffen. Das wird dann zum regelrechten Dorffest mit Kinderakrobaten- und -trachtengruppe. „Oldtimerfans und -besitzer kommen teilweise von weit her, um hier dabei zu sein“, schwärmt er.

Im vergangenen Jahr wurde der Oldie mit der weitesten Anreise von über 560 Kilometern prämiert. Auch das älteste oder das am besten restaurierte Fahrzeug werden mit einem Pokal ausgezeichnet. „Das Thema ist überwiegend die DDR-Geschichte, aber wir schicken auch niemanden weg, der mit einem alten Mercedes kommt“, sagt Manuela Mann. So reist eine illustre Gesellschaft auf Schwalbe, MZ oder mit dem Wartburg an. Das Kleinkraftrad „Schwalbe“ von Simson in Suhl hergestellt, ist ein Roller mit 50 Kubikzentimetern Hubraum. Mit 1058300 produzierten Fahrzeugen war sie in Ostdeutschland stark verbreitet. Sie darf – entsprechend den Ausnahmeregelungen im Einigungsvertrag – trotz der Höchstgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern noch heute mit einem Versicherungskennzeichen zulassungsfrei gefahren werden.

Im Motorradwerk Zschopau (MZ), das seit 1922 Motorräder baute, stand das erste Motorrad-Fließband der Welt. Bis zur Wende gehörte MZ weltweit zu den größten Motorradherstellern, und noch heute sind rund 80000 MZ-Krafträder zugelassen, was immerhin einem Marktanteil von zwei Prozent entspricht.

Aber auch alte Technik auf vier Rädern stellen die Mariendorfer aus. Darunter den als Polizei- oder Krankenwagen genutzten Transporter von Barkas oder den russischen Wolga.

In diesem Jahr ist das Treffen vorüber, und Familie Mann bereitet sich auf die zehnte Wiederholung im kommenden Jahr vor. Um Kraft zu schöpfen, will Peter Mann, der beim ZWAR in Bergen beschäftigt und derzeit auf einem Lehrgang in Dresden ist, nach seiner Rückkehr erst einmal zum einwöchigen Segeltörn nach Bornholm starten.

Historie und Lage von Mariendorf

1820/21 legte der Besitzer von Philippshagen, ein v. Blessing, auf seinem Gut ein Dorf an, das er nach seiner Frau, Maria Christiane v. Blessing, geborene v. Krassow, benannte. Grabsteine der Familie sind auf dem Friedhof von Middelhagen zu sehen. 1836 gab es knapp zehn solcher in einer Kolonistenzeile angelegten Häuser und 1867 bereits 15, in denen 90 Menschen lebten. Heute sind es noch gut 40.Mariendorf liegt am Naturschutzgebiet „Schafberg“, einem Sandmagerrasen-Gebiet, in dem sich die in Norddeutschland seltene Heilwurz wohlfühlt. Der 34 Meter hohe Hügel bietet eine großartige Aussicht auf die Wiesen-, Heide- und Boddenlandschaft der Halbinsel Mönchgut, über den Greifswalder Bodden und die Ostsee bis hin zur Greifswalder Oie.

Uwe Driest

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