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Rügen Schülerbeförderung: Eltern sprechen von „Abzocke“
Vorpommern Rügen Schülerbeförderung: Eltern sprechen von „Abzocke“
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00:01 28.10.2017
Ulrike Wiedenhöft mit Tochter Neele (li.) sowie Sebastian und Steffi Tschöpe mit Tochter Aliya wehren sich. Quelle: Foto: Uwe Driest
Bergen/Putbus

„Wir kämpfen seit einem Jahr gegen Windmühlenflügel“, sagt Matthias Wiedenhöft. Seine Tochter Neele (12) wohnt in Lauterbach und besucht seit einem Jahr die Rugard-Schule in Bergen. Die aber ist nicht die örtlich zuständige Schule, weswegen der Landkreis die Busfahrt nicht zahlt. Nur, wenn Neele die Regionale Schule Am Grünen Berg in Bergen-Rotensee besuchen würde, würde Landrat Ralf Drescher das Portemonnaie öffnen. Neele aber spielt Bratsche im Rügener TonArt-Projekt, „das es nun einmal nur an der Rugard-Schule gibt“, so Wiedenhöft.

Das Problem haben mindestens zwei weitere Familien in Lauterbach. Kati und Raik Blodow entschlossen sich vor einem Jahr, Tochter Anna (12) auf der Rugard-Schule anzumelden. „Damals war die Schule Am Grünen Berg noch nicht fertig und wir konnten uns kaum einen Eindruck verschaffen“, sagen die Eltern. Dann wären sie auf einer Schulversammlung über die neue Regelung informiert worden, wonach künftig die Putbusser Kinder nach Garz und die Lauterbacher nach Rotensee sollten. Was die Familien vor allem nicht verstehen: Die Kinder müssten in jedem Fall zum Bergener Busbahnhof fahren. Auf Mehrkosten von rund 1200 Euro käme er in den zwei Jahren, bis seine Tochter auf das Gymnasium wechsele, rechnet Wiedenhöft vor. Das ist dann die örtlich zuständige Schule. Für Sebastian Tschöpe ist die vom Landkreis getroffene Regelung „Abzocke, weil der Bus ohnehin in dieselbe Richtung fährt“. Seine Tochter Aliya (12) ist in der Lage wie Neele und Anna. „Das kann man niemandem erklären“, findet auch Anja Ratzke. Die Bergener Bürgermeisterin ist einzige Rügener Vertreterin im eigens gegründeten Ausschuss zur Schülerbeförderung, den der Kreistag beschloss. Der Landkreis Vorpommern-Rügen sei „der einzige, der keine eigene Schülerbeförderung betreibt“.

Beim Bürgerbeauftragten des Landes gingen in den vergangenen beiden Jahren gut 50 Petitionen zu diesem Thema ein. „Wir haben gerade im Landkreis VR eine besondere Häufung. Zum einen, weil die Regelung dort abweicht und zum anderen, weil sich ein großer Kreis Betroffener in Eltern-Initiativen engagiert“, sagt Sprecherin Ina Latendorf. In Vorpommern-Rügen gebe es mehr als 1600 Schülerinnen und Schüler an örtlich nicht zuständigen Schulen. „Besonders problematisch werden vom Bürgerbeauftragten die Fälle gesehen, in denen der Weg zur örtlich zuständigen mit dem Weg zur nicht zuständigen Schule übereinstimmt und dennoch die Kostenübernahme abgelehnt wird.“ Betroffen seien davon im Landkreis 274 Kinder.

Gemäß Schulgesetz können auch Schüler, die eine nicht örtlich zuständige Schule besuchen, „kostenlos an der öffentlichen Schülerbeförderung zur örtlichen zuständigen Schule teilnehmen, sofern eine solche eingerichtet ist“, erläutert Bettina Kähler. Ebenso wie ihre Kollegin Stine Winter hält die Rügener Rechtsanwältin die Lesart des Landkreises, wonach er er keinen eigenen Schülerverkehr betreibe, für rechtswidrig. Dagegen spreche schon allein die Abstimmung der Fahrtzeiten des VVR mit den Schulzeiten, die Reduzierung des Verkehrs in den Ferien oder „die Kennzeichnung der Busse mit dem Mutter-Kind-Schild“. Eltern und Juristinnen warten ebenso wie Landrat Ralf Drescher (CDU) auf eine lange ausstehende Entscheidung des Verwaltungsgerichts Greifswald.

Das Urteil könnte auf politischem Weg überflüssig gemacht werden, wenn der am kommenden Mittwoch erstmalig tagende Ausschuss schnell eine Lösung findet. „Wir hoffen, dass wir dann auch unsere Vorschläge einbringen können“, sagt Andrea Meyer. Die Sprecherin einer Initiative Rügener Eltern kann sich vorstellen, beispielsweise das Schülerfreizeit-Ticket des VVR ganztägig nutzbar zu machen oder eine andere pauschale Regelung zu treffen. Damit begeben sich die Eltern schon mal in die Nähe zumindest der Rügener Vertreterin im Ausschuss. Anja Ratzke würde am liebsten eine Monatskarte einführen, „mit der Schüler sich jederzeit im Landkreis bewegen können, wenn sie shoppen, ins Kino oder zum Sport wollen“.

Eltern-Initiativen

1600 Schülerinnen und Schüler besuchen im Landkreis Vorpommern-Rügen eine örtlich nicht zuständige Schule.

274 Schüler nutzen denselben Bus, als wenn sie zur örtlich zuständigen fahren würden.

51 Petitionen gingen landesweit aus diesen Gründen in den vergangenen beiden Jahren beim Bürgerbeauftragten des Landes MV ein.

11 Petitionen davon stammen allein aus dem Landkreis Vorpommern-Rügen. Dahinter verbergen sich jedoch mehrere Familien und Initiativen betroffener Eltern.

Uwe Driest

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