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Rügen Sie haben ein Herz für Tiere
Vorpommern Rügen Sie haben ein Herz für Tiere
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11:24 02.05.2018
Erhard Knaak, Dietmar Schröter und Erich Röhsler (v.l.) vom Kleintierzuchtverein „Otto Arndt“, der vor 90 Jahren gegründet wurde. Quelle: Foto: Maik Trettin
Sassnitz

Auf den ersten Blick sind sie nicht zu sehen. Von der Straße aus gibt sich Sassnitz als Kleinstadt. Blickt man hinter die Fassaden, wird es ländlich. Und da leben sie: Tauben, Hühner, Kaninchen. Wie auf einem Dorf. Für Dietmar Schröter ist das ganz selbstverständlich. „Früher haben sich auch viele Leute in der Stadt von Kleintieren ernährt.“ Oder sie haben sie wegen bestimmter Eigenschaften gezüchtet. So wie jene fünf Sassnitzer, die an jenem 5. März 1928 im alten „Hotel zur Post“ zusammenkamen. Einer von ihnen war Dietmar Schröters Opa Heinrich Peters. Er gehört zu den Gründungsvätern des Sassnitzer Kleintierzuchtvereins, dessen offizielle Bezeichnung mittlerweile um den Namen des langjährigen Vorsitzenden Otto Arndt erweitert wurde.

Heute steht Dietmar Schröter an der Spitze der Sassnitzer Kleintierzüchter. Ein Leben ohne Tiere ist für den Sassnitzer nahezu undenkbar. Er kennt es von Kindheit an. Als sein Opa Heinrich im Krieg war, habe Oma sich um die Kaninchenzucht gekümmert. Auch in den Ställen von Dietmar Schröter tummeln sich die Vierbeiner, die eher Kurz- als Langohren sind. Farbenzwerge heißt die Rasse, für deren Zucht Schröter ein gutes Händchen hat. Für seine Tiere wurde er mehrfach als Landesmeister ausgezeichnet. Auch der Name seines Zuchtfreundes und Vorstandskollegen Erhard Knaak steht auf Wimpeln und Pokalen im Vereinszimmer. Seit 1964 ist der Sassnitzer Mitglied im Verein, zählt zu den Aktivsten und hält außer Kaninchen auch Hühner und Tauben. Für letztere sind die Züchter aus dem Verein der Hafenstadt deutschlandweit bekannt, etwa Ursula und Wilhelm Görz mit ihren Luchstauben, die Danziger Hochflieger von Horst Carstens, Klaus-Dieter Möller aus Klein Zicker mit seinen sächsischen Flügeltauben oder Peter Zeise mit seinen Flügeltauben.

In den Ställen und Volieren der Sassnitzer Züchter leben vor allem Tauben und Kaninchen. Wassergeflügel gibt es gar nicht mehr, die Hühnerzucht ist praktisch zum Erliegen gekommen. Das liegt nicht am fehlenden Interesse. Jedenfalls nicht allein, sagt Erich Röhsler. Er ist der dienstälteste Züchter im Verein, dem er 1956 beitrat. Noch heute sitzt er im Vorstand. Damals, so um 1957 oder 1958, hatte er sich dem Federvieh verschrieben und mit der Zucht von New Hampshires begonnen. Die mittelschwere Hühnerrasse gilt als zutraulich und ruhig. Aber nicht ruhig genug, um heutigen Gesetzesvorschriften zu entsprechen. Die Nachbarn hatten sich über das Kikeriki des Hahns beschwert. „Laut Vorschriften darf der mittags nicht krähen“, wies man den erfahrenen Züchter auf die angebliche Rechtslage hin und forderte, das Tier während der Zeit der Mittagsruhe in einen isolierten Käfig zu sperren. „So ein Unsinn“, winkt der Rentner verbittert ab. Diese Quälerei habe er dem Tier und sich lieber erspart und den Hahn abgeschafft. „In dieser Beziehung ist es dann auf dem Dorf doch einfacher als in der Stadt. Auf dem Land gibt es in der Regel weniger Nachbarn und weniger Probleme.“

Dennoch ist die Hafenstadt seit Jahrzehnten das Zentrum der Kleintierzucht auf Jasmund. 50 Mitglieder hatte der hiesige Verein zu seinen besten Zeiten. In den 90er Jahren rief der frühere Vorsitzende Rainer Thiel eine Jasmund-Schau ins Leben, die zuletzt in Sagard stattfand, später aber unter anderem aus Mangel an Ausstellungsfläche nicht weitergeführt wurde.

Am 5. Mai wollen die Sassnitzer mit den Vorsitzenden der anderen Kleintierzuchtvereine der Insel bei einer kleinen Feier im Spartenheim am Tierpark auf den 90. Geburtstag anstoßen. Ob es noch einen 100. geben wird? Dietmar Schröter wiegt den Kopf. „Ich hoffe es sehr“, sagt er, wenngleich eine große Portion Skepsis bleibt. Die Mitgliederzahl ist auf zwölf geschrumpft; Schröter gehört mit seinen 66 Jahren zu den Jüngsten. Und das Interesse bei der Jugend halte sich, vorsichtig formuliert, in Grenzen. Jahrelang habe er nach der Arbeit, sonnabends und sonntags Grünfutter für seine Tiere gemäht und herangeschafft, erinnert sich Erhard Knaak. Als er noch berufstätig gewesen sei, habe der Wecker zehn nach vier geklingelt, sagt der frühere Elektromeister Erich Röhsler. „Dann wurden die Tiere versorgt und halb sechs fing die Schicht im Fischwerk an.“ So sehr wolle sich heute kaum jemand an sein Hobby binden und einen großen Teil seines Alltags danach ausrichten. Und doch: Ab und an findet ein neuer Idealist den Weg zu den Sassnitzer Zuchtfreunden. Die 57-jährige Karin Wellnitz hat ihr Herz an die Hasenkaninchen verloren und züchtet diese Rasse mit Begeisterung. Vielleicht gebe es ja demnächst noch mehr solcher Neuzugänge, die auch das Vereinsleben mit gestalten wollen. Dann könne man in zehn Jahren den 100. feiern, sagt Schröter und fügt mit einem Schmunzeln kämpferisch hinzu:

„Wir beißen uns durch!“

Maik Trettin

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