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Sven und Kerstin Klingelhöfer befahren mit der MS „Hanseat“ den Greifswalder Bodden

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Käpt'n Sven und Steuerfrau Kerstin Klingelhöfer an ihrem Arbeitsplatz, der MS „Hanseat“.

Quelle: Fotos: Uwe Driest

Gager. Ihren ursprünglichen Beruf erlernte Kerstin Klingelhöfer – „wie es auf Rügen so ist“ – in der Tourismusbranche. Bis vor einigen Jahren arbeitete sie an der Rezeption eines Binzer Vier-Sterne-Hotels. Die dabei gewonnene Redegewandtheit kommt der vor 38 Jahren in Göhren geborenen Frau im neuen Broterwerb zugute. Vor sieben Jahren setzte Kerstin Klingelhöfer alles auf eine Karte, gab ihre Festanstellung auf und wechselte zu Ehemann Sven in den familieneigenen Fahrgastschifffahrtsbetrieb.

Die Gegend ist etwas für Individualisten.“Kerstin Klingelhöfer, Steuerfrau aus Gager

Dessen Vorfahren mögen – das legt der Nachname nahe – einst aus dem Hessischen nach Rügen gekommen sein. Das müsste aber Generationen her sein, denn Sven Klingelhöfer selber wurde wie seine Großeltern und Eltern in Gager geboren. Er lernte Kfz-Mechaniker in Greifswald, bevor er die Stelle in einem Bergener Autohaus antrat. Auch er kann diese handwerklichen Kenntnisse bestens im heute eigenen Betrieb gebrauchen. Denn 2002 wechselte er in die Reederei des im vergangenen Jahr verstorbenen Siegfried Gutowski. Der verkaufte in den folgenden Monaten mit der „Mönchgut“ und der „Seeadler“ zwei seiner drei Schiffe. Die verbliebene „Hanseat“ übernahm Sven Klingelhöfer 2004, drückte vier Wochen lang die Schulbank im Schifffahrts-Seminar in Wilster an der Unterelbe und kehrte mit dem Patent als Schiffsführer nach Gager zurück.

Seither meistert das Ehepaar alle anfallenden Aufgaben von der Reparatur des Generators über die Buchführung bis hin zum Marketing in Eigenregie. „Oft verteilen wir nach der eigentlichen Arbeit noch Prospekte in Kurverwaltungen und Hotels“, sagt Kerstin Klingelhöfer, die inzwischen die notwendigen Fahrtzeiten aufweist, die sie erst zur Matrosin und Motorwartin und – nach einer Prüfung beim Wasser- und Schifffahrtsamt – auch zur Steuerfrau machten.

Die eigentliche Arbeit sind die Ausfahrten, „die wir auf die Wetterlage abstimmen und deswegen teilweise kurzfristig planen“. Denn eine Abendfahrt möchten die Gäste nicht im Bauch der Hanseat verbringen müssen und bei unruhiger See macht eine Robbentour wenig Sinn, „weil die kleinen Köpfe unter jedem Wellenkamm verschwinden“. Bis zum Großen Stubber steuert Sven Klingelhöfer seine MS „Hanseat“ in etwa dreiviertelstündiger Fahrt. Auf der Sandbank ruhen sich die größten Raubtiere Deutschlands regelmäßig aus und lassen sich eine halbe Stunde lang beobachten, bevor es zurück in den heimischen Hafen geht. Abgelegt wird, wenn das Wetter stimmt und sich mindestens 20 Mitfahrer finden. Das war im vergangenen Jahr zwischen Juli und Oktober sieben Mal der Fall. Ob gefahren wird, können die Gäste auch im Internet sehen. „Vor allem Radfahrer und Wanderer, die ja so wenig Gepäck wie möglich mitführen wollen, nutzen die Möglichkeit, sich im Netz zu informieren, indem sie den QR-Code einscannen“, weiß Kerstin Klingelhöfer. Die junge Frau schwärmt von ihrer „abseits vom Massentourismus der Ostseebäder gelegenen Gegend, die etwas für Individualisten ist“. Auch sei ihr Revier, der Greifswalder Bodden, „viel abwechslungsreicher als eine Fahrt entlang der Ostküste“. Die bietet den Blick auf die Kreideküste. Aber von der Mitte des Greifswalder Boddens öffnet sich ein 360-Grad-Rundblick über die Meeresbucht, der von den Zickerschen Alpen und Alt Reddevitz im Osten über die Insel Vilm, das Kite-Surf-Revier bei Altkamp, die Halbinsel Zudar, die Inseln Riems und Koos, über Greifswald und Lubmin bis nach Peenemünde auf Usedom reicht. Hinzu kommen besagter Großer Stubber mit seinen Kegelrobben sowie der Messturm der Insel Ruden und die Vogelinsel Oie.

„Anziehungspunkt ist auch die Entmagnetisierungsstation, eine künstliche Insel, die der DDR-Volksmarine zur Entmagnetisierung ihrer Schiffe diente“, haben Klingelhöfers festgestellt. Heute ist sie eine von Seevögeln bevölkerte Ruine.

Zweimal wöchentlich dampft die „Hanseat“ heute noch zur Nachbarinsel nach Peenemünde, was vor allem Radwanderer gern nutzen und gelegentlich geht es zur Seebestattung hinaus auf den Rügenschen Bodden. „Schließlich müssen wir – wie die gesamte Tourismusbranche – unser Einkommen in den Monaten von Mai bis September erwirtschaften“, sagt Kerstin Klingelhöfer. Für Kinder war daher für das Mönchguter Paar noch keine Zeit.

Uwe Driest

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