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Sie wohnt mitten im Paradies

Alt Reddevitz Sie wohnt mitten im Paradies

Doris Teutenberg betreibt in dritter Generation eine Bioobst-Plantage auf den Höhen des Reddevitzer Hövtes

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Doris Teutenberg mit einem „Weißen Klarapfel“ auf ihrer Sonnenterrasse mit Blick über Having und Jagdschloss Granitz.

Quelle: Fotos: Uwe Driest

Alt Reddevitz. Oft gibt es so etwas bestimmt nicht: Eine über hundertjährige Obstplantage, die noch nie auch nur den kleinsten Tropfen Chemie sah. Doris Teutenberg ist dort in dritter Generation Obstbäuerin. Gelernt hat sie das nicht, sondern ist hineingewachsen, nachdem die Mutter ihr das Vermächtnis hinterließ: „Dörting, denk' an die Äppel!“

Alles hatte vor 105 Jahren begonnen, als Felix Alander aus Patschkau in Schlesien Mönchgut besuchte, wo ihm nicht nur die Halbinsel Reddevitz, sondern auch die Tochter von Dorfschullehrer Fritz Worm sein Herz und Auge erfreuten. Alander war als Direktor einer großen Zuckerfabrik immer mal im Ostseeraum, namentlich in St. Petersburg unterwegs, um im dortigen Großmarkt Geschäfte zu machen. Beinahe hätte er schon dort eine Frau gefunden, aber ein Bekannter vermieste ihm die Tour. Von einem der Besuche in der russischen Stadt ist in der Familie die Anekdote überliefert, wonach Felix Alander sich angesichts einer Schlittschuh laufenden Schönheit von einem Bekannten einen der Situation vermeintlich angemessenen russischen Satz beibringen ließ. Der aber stattete ihn mit der distanzlosen Aussage „Ich möchte Dich küssen“ aus, worauf sich Felix in voller Fahrt eine Schelle fing und unbeweibt auf Rügen landete.

Um Marie Worm konnte er in seiner Muttersprache werben, war erfolgreich und noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde geheiratet. „Dann hat mein Opa unsere drei Hektar Acker gekauft, das Haus gebaut und die erste Obst-Plantage mitsamt einem Bootssteg angelegt“, erzählt Doris Teutenberg.

Alander besaß ein besegelbares Ruderboot, mit dem er die Äpfel über die Baaber Bek nach Sellin lieferte. Damals wie heute vor allem den „Weißen Klarapfel“, der am besten direkt vom Baum gegessen wird. Marie Worm liebte es, ihre Sommerfrischler mit einem mit Kaffee und Apfelkuchen gefüllten und weißen Tüchern abgedeckten Picknickkorb am heute verschilften Strand zu überraschen. Ihre Tochter Anna-Maria, die Mutter von Doris Teutenberg, kam 1914 als zweite von drei Töchtern zur Welt. Bei der Geburt der jüngsten starb die Großmutter. Anna-Maria bewirtschaftete den Hof mit Felix Alander, „bis mein Vater Adalbert aus Berlin-Wannsee über die Peene angesegelt kam und sie – gegen den Willen meines Großvaters – nach Berlin entführte, wo er eine Buchdruckerei betrieb. Als dort Bomben im Zweiten Weltkrieg Haus und Betrieb zerstörten, kehrte ihre Mutter nach Rügen zurück, wo Doris Teutenberg 1944 zur Welt kam.

Nach dem Abitur am Bergener Gymnasium begann sie als 20-Jährige ein Studium in Ost-Berlin. „Zwischenzeitlich hatte ich eine künstlerische Ausbildung in Leipzig bei den späteren Begründern der Neuen Leipziger Schule in Betracht gezogen, mich dann aber doch für ein Journalismus-Studium entschieden“, erzählt sie. Nach dessen Abschluss begann die junge Frau zunächst beim Zentralorgan der Ost-CDU „Neue Zeit“.

Wegen der Aussicht auf eine gutdotierte Stellung beim Finanzministerium studierte sie – gegen den Willen ihres Mannes – Volkswirtschaft an der Humboldt-Uni. Im Finanzökonomischen Forschungsinstitut des Ministeriums habe sie Einblick in die reale ökonomische Situation erhalten. Dass die angespannt war, war auch dem damaligen Finanzminister Siegfried Böhm nicht verborgen geblieben, der 1980 unter nie ganz geklärten Umständen erschossen aufgefunden wurde. Die Theorie eines Auftragsmordes durch die Stasi kursiert bis heute. Danach habe Böhm die dramatische wirtschaftliche Situation der DDR nicht mehr mittragen wollen und gedroht, den Bankrott der DDR öffentlich zu machen.

Die Sehnsucht nach intakter Natur hatte immer in ihr geschlummert und als ihre Mutter 1995 schwer erkrankte und Pflege brauchte, ging sie nach Alt Reddevitz zurück. „Hier führe ich die Obstplantage im Geist von Großvater und Mutter mit alten Sorten und ohne Chemie fort“, sagt sie und weiß: „Viele alte Sorten von Äpfeln, Birnen und Kirschen sind auch für Allergiker verträglich.“ Leider würden Politik und Händler den Anbau und Vertrieb von Bioobst wenig fördern, klagt die Unternehmerin, die eine Streuobstwiese auch am Kleinbahnhof von Posewald betreibt. Die Vorteile biologischer Nahrungsmittel würden Verbrauchern nur unzureichend vermittelt. „Die Menschen sind zu bequem zum Kauen und kaufen optisch genormte Äpfel aus aller Welt“, hat sie beobachtet. Da kommt es ihr zugute, dass sie einen Großteil ihrer Ernte in einer bio-zertifizierten Lohnmosterei in Güstrow zu Saft oder in der benachbarten Mönchguter Hofbrennerei der „Strandburg“ von Thomas Kliesow verarbeiten lässt.

Der brennt ihren Bio-Apfel-Weinbrand viermal, bevor er sechs Jahre gelagert wird, erzählt sie stolz, bevor sie sich in ihr Haus zurückzieht. „Die Möwen schreien auf dem Land, das Wetter schlägt um“, ruft sie noch.

Für Worm ein Glücksfall

Die Halbinsel Reddevitz erstreckt sich über vier Kilometer zwischen der Having und der Hagenschen Wiek in den Rügenschen Bodden. Am westlichen Ende befindet sich ein aktives Kliff, in dem Uferschwalben nisten. Der Dorflehrer und Heimatdichter Fritz Worm war im Herbst 1892 nach Alt Reddevitz strafversetzt worden und hielt das für einen Glücksfall.

Uwe Driest

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