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So viele Grabhügel gab‘s nur hier

Prora So viele Grabhügel gab‘s nur hier

Rügen hat die meisten und ältesten Großsteingräber Norddeutschlands / Noch 70 Exkursionen beim Wanderfrühling

Prora. Teile des Skeletts und der Schädel einer etwa 35-jährigen Frau mit weit geöffnetem Kiefer wurden im ältesten Steingrab der Insel gefunden, erzählt Katrin Staude der staunenden Gruppe von Wanderern. Der Urdolmen im Forst von Prora ist etwa 5500 Jahre alt und barg einst auch Keramik, Werkzeuge, Waffen oder Prunkbeile. Eine kleine Doppelaxt, „die auch nach mehr als 5000 Jahren noch scharf ist“, hat sie als Leihgabe vom Landesamt mitgebracht und einen kleinen Schaber aus Feuerstein lässt sie herumgehen. „Der dürfte in der Jungsteinzeit in etwa die Funktion gehabt haben, wie heute ein Schweizer Taschenmesser“, veranschaulicht die promovierte Archäologin den 30 Teilnehmern der Führung im Rahmen des Rügener Wanderfrühlings.

Dann hält sie einen Zunderschwamm hoch und erklärt dessen Funktionen zum Feuermachen und als Pflaster. „Der Pilz wirkt antiseptisch und blutstillend“, weiß die junge Frau, die auch Steinzeitkurse gibt. „Am besten brennt er, wenn Sie ihn vorher in Urin einlegen. Der enthält Nitrat und anschließend brennt es wie Zunder.“ Einen Zunderschwamm, der geschwächte Laubbäume befällt, habe auch Ötzi mitgeführt und die Glut bis zu zehn Tage erhalten können.

Zur Gruppe gehören zwar vor allem Rentner, gleichwohl handelt es sich um geübte und motivierte Läufer, die in vielen Fällen eigens zum Wanderfrühling anreisten, „weil wir gerade diese Kombination aus Bewegung und Wissensvermittlung suchen“, sagt ein Paar aus Düsseldorf. Andere wie Heidemarie Leischke aus Berlin-Hohenschönhausen ziehen die Bewegung an frischer Luft jedem „Wellness-Schnickschnack“

vor.

Antje und Ferdinand Ludewig aus Schleswig, die sich der Gruppe mit Hündin Maja anschlossen, hatten in der heimischen Zeitung vom Rügener Wanderfrühling gelesen und sich kurz entschlossen ins Auto gesetzt. „Das würde man allein alles gar nicht erkennen, wenn man denn überhaupt auf die Idee käme, durch diesen Wald zu laufen“, sagen sie. Vor ihrer heimischen Haustür liegt die Wikingersiedlung Haithabu, und nun möchten sie etwas über die frühe Geschichte am anderen Ende der deutschen Ostseeküste erfahren. „Rügen wies — wohl wegen der üppigen Vorkommen an Feuersteinen — die meisten Gräber in Norddeutschland auf“, erklärt Katrin Staude. Allerdings seien von den 1828 durch Friedrich von Hagenow erfassten 236 Großsteingräbern nur noch ganze 60 erhalten. Die einstige Nekropole bei Seedorf weist gar nur noch ein einziges Grab auf. Zu allen Zeiten habe es eben Begehrlichkeiten gegeben, Grabkammern zu fleddern, Steine für den Straßenbau oder Flächen für die Landwirtschaft zu gewinnen.

Ein 50 Meter langes Steingrab im Proraer Forst bauten unsere Ahnen ausgerechnet dorthin, wo die NVA später eine Panzerstraße benötigen sollte. Jetzt sind es zwei durch einen Weg unterbrochene Gräber.

„Auch eine Art von Kulturrevolution“, sagt ein Teilnehmer.

Die archäologische und naturkundliche Exkursion führte am Sonnabend über die „Moorberge“ und durch die Fangerien, ein Naturschutzgebiet am Schmachter See, zu den wenig bekannten Großsteingräbern bei Binz, wo acht Großsteingräber das Gräberfeld „Toter Mann“ bilden. Die Großdolmen mit einem Kriechgang als Windfang enthielten eine Grabkammer mit Hünenbett, in der bis in die Slawenzeit nachbestattet wurde. Auch Kontakte nach Skandinavien gab es bereits, wie aus Bornholm eingeführter Hammer-Granit beweist. Einige der „Wandervögel“ mögen künftig mit dem Wissen glänzen, aus welchen Mineralien Granit besteht. „Feldspat, Quartz und Glimmer, die drei vergess' ich nimmer“, reimt Katrin Staude.

Am Schmachter See erklärt Staude der Gruppe, dass Rügen sich über das Festland erhebt und zwar etwa drei Millimeter jährlich. Das ist eine Spätfolge der Eiszeit, als die Insel unter dem Gewicht des Eises absank. Der See war zu DDR-Zeiten als Kloake genutzt und vor zwölf Jahren renaturiert worden. Heute siedeln sich wieder Muscheln, Schnecken, Krebse und auch Brutvögel an und dort, "wo wir im letzten Herbst einen kleinen Fischotter gesehen haben", entdecken die Wanderer an diesem Tag immerhin einen einzelnen Kranich. Zwischen der Auftaktwanderung vom vergangenen Freitag auf der Insel Vilm, einem der ältesten Naturschutzgebiete Deutschlands und der Abschlusswanderung am kommenden Sonntag durch die berühmten Feuersteinfelder liegen zahlreiche Exkursionen durch Geschichte, Archäologie, Geologie Kunst und Natur. Auch eine Mondscheinwanderung mit Taschenlampe zum Jagdschloss Granitz oder eine Fledermausnacht in Göhren sind im Programm und wer möchte, kann Kräuter oder Bernstein suchen und finden.

Von Uwe Driest

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