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Lancken-Granitz Stelldichein bei Familie Feuerstein

Katrin Staude führt durch Rügens größten Gräberkomplex der Steinzeit

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Sie ist fasziniert von der Steinzeit: Katrin Staude vor einem Großsteingrab bei Lancken-Granitz.

Quelle: Fotos: Susanna Gilbert

Lancken-Granitz. Die ersten Rüganer lebten in zweischiffigen Holzhäusern, bauten Getreide an, hielten Tiere und errichteten Monumentalbauten, die 5500 Jahre locker überdauert haben. Der mit ursprünglich 19 Großsteingräbern größte Komplex aus der Jungsteinzeit liegt nur wenige hundert Meter von Lancken-Granitz entfernt. Mit profunden Kenntnissen und großer Begeisterung führt die Archäologin Katrin Staude durch die monumentale Anlage, die heute noch aus sechs Megalith-Gräbern besteht.

Ich glaube nicht zu irren, wenn ich behaupte, dass Lanken unter allen Kirch-

dörfern Rügens die schönste Lage hat.“Johann J. Grümbke, Streifzüge durch das

Rügenland, 1805

Neun Ortsteile

399 Einwohner leben in der Gemeinde Lancken-Granitz (2014). Die sind im Hauptort und den Ortsteilen Blieschow, Burtevitz, Dummertevitz, Garftitz, Gobbin, Neu Reddevitz, Preetz und Zarnekow zu Hause.

„Ich bin ein Steinzeit-Freak“, gesteht die 37-jährige Wissenschaftlerin, die sich schon im Studium und in ihrer Dissertation intensiv mit dieser Epoche der Menschheitsgeschichte auseinander gesetzt hat. Ein Praktikum bei Ausgrabungen im mittelalterlichen Hafen ihrer Geburtsstadt Stralsund gab ihr den Impuls, das „Puzzle der Geschichte“ zusammen zu setzen. Mit Vergnügen hockte sie damals in Matsch und Kälte und suchte nach Relikten aus unserer Vergangenheit.

Nach dem Studium in Hamburg und Kiel kehrte Katrin Staude zurück in die Heimat. „Ich wollte auf Rügen ein Steinzeit-Zentrum“ gründen, erinnert sie sich. Doch auch wenn die Insel eine wahre Schatzkammer der Jungsteinzeit ist, 907 Fundstellen aus dem Zeitraum von 5000 bis 3800 vor Christus wurden gezählt, fehlte für dieses Projekt das Geld. Deshalb gründete die zierliche Wissenschaftlerin nach einer mehrjährigen Dozentur an der Universität Greifswald 2012 ihr kleines Unternehmen Archäo Tour Rügen, das Führungen, Wanderungen, Workshops und Tauchexkursionen anbietet.

An den Gräbern von Lancken- Granitz erklärt die Expertin anschaulich, wie es bei Familie Feuerstein zuging: Vor 5000 Jahren lebten die aus dem Vorderen Orient eingewanderten Steinzeitmenschen wohl in Familienverbänden. Die ersten Rüganer waren Menschen der Trichterbecherkultur, die nach den für sie typischen Bechern mit Trichterrand benannt wurde. Ihre Toten begruben sie mit zahlreichen Grabbeigaben in Kammern, die von riesigen Steinen umgeben und mit Decksteinen verschlossen wurden. Die Zwischenräume waren mit Mauerwerk ausgefüllt. Die Grabstätten nutzten später auch die Nachkommen aus der Bronzezeit und Slawenzeit.

Die früheste Epoche der Menschheitsgeschichte heißt deshalb Steinzeit, weil neben Knochen, Geweihen und Holz vorwiegend Steinwerkzeug benutzt wurde. Die letzte Phase, die Jungsteinzeit oder das Neolithikum, war geradezu revolutionär: Erstmals zogen unsere Urahnen nicht mehr als Jäger und Sammler durch die Gegend, sondern sie suchten sich ein schönes Plätzchen, um dort ständig zu leben, Getreide zu säen und Tiere zu halten. „Damals war das Klima so ähnlich wie heute“, schildert Staude das Inselleben vor 5500 Jahren. In einer offenen Parklandschaft waren Weiler entstanden, Verteidigungsanlagen sind nicht bekannt. Auf den Feldern rund um die Siedlung wuchsen Emmer, eine Vorform von Weizen, Linsen, Erbsen, Flachs und Hanf. Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, manchmal auch Pferde wurden in Gattern gehalten, Hunde bellten auf dem Hof. „Hühner gab es noch nicht“, sagt die Expertin. Die kamen erst viel später in den Nordosten.

Die ersten Siedler Rügens brannten aus Ton Gefäße und fertigten aus Feuerstein Beile, Messer und Pfeilspitzen. Diese Altvorderen waren etwa so groß wie wir und Allroundkünstler. „In Zeiten von Überfällen, Hungersnöten und hoher Sterblichkeit musste jeder alles können.“ Ob die Menschen damals blond oder dunkel waren, weiß man nicht. Ihre Kleidung aber, so viel ist sicher, war aus Leinen, Flachs und Schafwolle gefertigt. „Die sind nicht in Fellen herum gehopst“, sagt Staude.

Leider hat man auf Rügen bisher keine zu den Grabanlagen passenden Siedlungen gefunden. In den Großsteingräbern selbst aber wurden neben Skelettresten eine Vielzahl an Beigaben, Keramik, Äxte, Bernsteinperlen und Pfeilspitzen, entdeckt.

Viele der Megalithgräber sind im Mittelalter und im 19. Jahrhundert zerstört worden. Auf seiner Rügenkarte von 1829 hatte Friedrich von Hagenow noch 236 Großsteingräber markiert. Mindestens 180 wurden danach als Hindernisse für die Landwirtschaft weggeräumt oder als Baumaterial missbraucht. In den Augen der Archäologin ist das ein Drama. „Wer von einem Film nur das Ende sieht, kann die Geschichte nicht verstehen.“

Susanna Gilbert

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