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Rügen Stress ums Alte Pfarrhaus
Vorpommern Rügen Stress ums Alte Pfarrhaus
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00:01 01.12.2017
Gestern trafen sich zum Ortstermin Vertreter der Evangelischen Kirche, der Initiativgruppe zum Erhalt des Hauses und Architekten: Dr. Sybille Berger (Kunsthistorikerin), Christian Kunschke (Kirchengemeinderat Rambin), Wolfgang Rühs (Architekt), Renate Habrich (Architektin), Renate Paschirbe (Initiativgruppe), Wilfried Schleinitz (Baubeauftragter der Pommerschen Evangelischen Kirche, v.l.)
Rambin

So ein Treffen gab es noch nie in Rambin: Eigens angereist kamen Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit aus Greifswald und Pröbstin Helga Ruch aus Stralsund, um sich mit sechs Rambiner Kirchenvertretern zu beraten. Brisantester Punkt: der schwelende Streit um Abriss des historischen Pfarrhauses für den Neubau von zwei Gebäuden auf dem Grundstück zwischen der Rambiner Hauptstraße und der neuen B 96 (die OZ berichtete). Für das mehr als 250 Jahre alte Pfarrhaus hatte die Evangelische Kirchengemeinde Altefähr/Rambin bei der Schweriner Denkmalbehörde bereits eine Abrissgenehmigung bewirkt und dafür reichlich Kritik einstecken müssen. Hauptkritiker ist Matthias-Martin Lübke (Bericht links). Für den Erhalt seines Geburtshauses hat er einen Initiativkreis von inzwischen 20 Persönlichkeiten zusammengebracht.

Initiative setzt sich für Erhalt ein. Die Kirche will zwei Neubauten.

Demgegenüber gibt es von der Kirche ein wohldurchdachtes Konzept: Auf dem 1,7 Hektar großen Gelände sollen zunächst ein Begegnungszentrum für kirchliche und kulturelle Zwecke, später ein Appartementhaus für betreutes Wohnen entstehen. Die Kosten für den ersten Neubau sollten durch das EU-Förderprogramm „Leader“ zu 90 Prozent gedeckt werden. Für diesen Plan hat die Kirchengemeinde jüngst einen Dämpfer erhalten: Ihr Förderantrag ist bei Rügener „Leader-Aktionsgruppe“ durchgefallen. In der Priorisierung gab es nicht die ausreichende Punktzahl. Es gab Irritationen: Zeitgleich stand ein Antrag auf Erweiterung des Veranstaltungsraums im Rambiner Sportlerheim zur Förder-Entscheidung auf der Tagesordnung. Zudem ist es nicht gut angekommen, dass im Antrag der Kirche der geplante Abriss des Alten Pfarrhauses mit keiner Silbe erwähnt worden ist. Jetzt ist die Finanzierung des 399.000 Euro teuren Begegnungszentrums vorerst ungewiss.

Stress bereiteten die Pläne der Kirche auch in der Sitzung des Rambiner Bauausschusses Ende letzter Woche. Es ging um eine Bauvoranfrage für das Begegnungszentrum. Jedem der sieben Ausschuss-Mitglieder war klar, dass damit indirekt auch der Abriss des Alten Pfarrhauses zur Diskussion steht. Auf Antrag von Wolfgang Meyer (Die Linke) sollte die Bauvoranfrage von der Tagesordnung genommen werden: „Ungeachtet des schlechten Zustands ist das Pfarrhaus für Rambin ein historisch wertvoller Bau – ob erhaltungswürdig, darüber steht noch die Begutachtung durch eine Initiative aus.“

Der schlechte Bauzustand des reetgedeckten Hauses brachte den stellvertretenden Bürgermeister Andreas Klug (CDU) auf die Palme: „Dass die Kirche in den letzten Jahrzehnten nichts für den Erhalt getan hat, ist für mich ein Skandal.“ Denkbar knapp lehnte der Ausschuss mit drei gegen zwei Stimmen bei zwei Enthaltungen die Vertagung der Bauvoranfrage ab. Und leitete die mit fünf gegen zwei Stimmen zur Entscheidung an die Gemeindevertretung weiter.

Für das Appartementhaus indes gibt es noch keinen Finanzierungsplan. Aber ein Partner für betreutes Wohnen steht fest: Der Insel e.V. Kransdorf, der sich seit rund 30 Jahren um Menschen mit körperlichen und geistigen Handicaps kümmert. Einziger Haken an dem Vorhaben: Das historische Pfarrhaus müsste diesem Neubau weichen. Derzeit nutzt die Rambiner Kirchengemeinde trotz des schlechten Bauzustandes das marode Pfarrhaus in der kalten Jahreszeit für Gottesdienste und Seniorentreffs. In der St.-Johannes-Kirche gibt es lediglich ein paar Sitzheizungen. Für regelmäßige Gottesdienste im Winter ist es zu kalt.

Eine denkbare Sanierung des Alten Pfarrhauses bleibt weiterhin umstritten. Kirchengemeinderats-Mitglied Christian Kunschke sieht für den Erhalt keine Chance: „Die von der Kirche beauftragte Architektin für den Neubau meint, die Substanz des Alten Pfarrhauses als Denkmal ist seit den zahlreichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte obsolet.“ Auch das im Auftrag der Kirche erstellte Holzgutachten sehe allenfalls in alten Türen und dem Treppengeländer denkmalwürdige Substanz. Im Inneren stehe schon die geringe Deckenhöhe einer Nutzung als Begegnungszentrum entgegen.

Anders Frieder Jelen, Pfarrer und MV-Umweltminister a.D., der sich für den Erhalt des Altes Pfarrhaus Rambin einsetzt: „Wenn der Wille vorhanden ist, ein so wertvolles Baudenkmal zu retten, dann kann das auch gelingen.“ Er weiß, wovon er redet: Alte kirchliche Bausubstanz hat er in den Siebzigerjahren mit dem Alten Pfarrhaus in Poseritz saniert und zuletzt eine alte Scheune aus Kirchenbesitz in Middelhagen zu seinem Wohnhaus saniert und denkmalgerecht ausgebaut.

Historische Gebäude heute

Klosteranlage: Hier wohnen noch sechs Mietparteien. Der größte Teil steht leer. Die Hansestadt Stralsund sucht für die Gesamtanlage einen Investor.

Pfarrwitwenhaus: Renate und Frank Kietzerow leben hier. Das Haus befindet sich bereits seit 1938 in Familienbesitz.

Küsterhaus: Josephine und Tobias Fricke aus Hamburg haben es vor Kurzem gekauft und wollen künftig hier wohnen.

Altes Pfarrhaus: Die Evangelische Kirche will es abreißen – zu marode und Denkmalcharakter durch Umbauten verloren. Zwei Neubauten sollen an seiner statt entstehen.

St.-Johannes-Kirche: Eine der ältesten Kirchen von Rügen mit kostbarem Inventar. Mittelpunkt des historischen Dorfkerns von Rambin.

Chausseehaus: Im 19. Jh. wurde hier für den preußischen Landesherrn das Chausseegeld kassiert, eine frühe Form der Maut. Heute Wohnhaus.

Frank Levermann

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