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Theater Vorpommern Frühling zwischen Pubertät und Porno
Vorpommern Rügen Theater Vorpommern Frühling zwischen Pubertät und Porno
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00:00 03.04.2014
Greifswalder Schüler drehten Videos, die in das Stück eingearbeitet sind. Sequenz eins: Frederike Duggen spielt eine der Hauptrollen in „FruehlingsErwachen2.0“. Als Wendla wird sie sich ihrer Sexualität hingeben.

Rebellion, die ersten sexuellen Erlebnisse, den Rausch von Alkohol und Drogen spüren. . . Genug Stoff für die Pubertät vieler Jugendlicher und für ein Theaterstück mit dem Titel „FruehlingsErwachen 2.0“, das am kommenden Sonnabend im Theater Vorpommern Premiere feiert.

Das Stück ist vorwiegend für junge Leute gemacht, schließt aber älteres Publikum beileibe nicht aus. Die Zuschauer verfolgen, wie sechs Jugendliche zueinander finden, ihr Dasein in vollen Zügen auskosten. Doch nicht alles gelingt. Während der 13-jährige Moritz Gefahr läuft, die Klasse wiederholen zu müssen, erleben Wendla und Melchior ihren ersten Sex miteinander. Wendla wird sofort schwanger. Ihre Mutter zwingt sie zur Abtreibung. Das bleibt nicht ohne dramatische Konsequenzen.

Modern inszeniert wurde das Stück von Regisseur André Rößler. Das Original stammt aus der Feder des Schriftstellers und Schauspielers Frank Wedekind und erschien 1891. Die Geschichte handelt von Menschen, die sich auf der Schwelle zum Erwachsensein befinden und sich gegen die Gesellschaft auflehnen. Sie war für Wedekind eine Anprangerung der strengen Moralvorstellungen seiner Zeit, eine Provokation. „Im Ersten Weltkrieg wurde es sogar verboten“, erzählt Franz Burkhard, Dramaturg des Stücks. „Erst 1928 wurde es erstmals unzensiert aufgeführt.“

Doch Zeiten ändern sich. Rößler wählte deshalb den Titelzusatz „2.0“, um zu verdeutlichen: Dies ist eine erneuerte Version. „Das Drama soll die Probleme von Jugendlichen in der Neuzeit betrachten und ist frei erzählt.“

Um die Fassung zu modernisieren, bezog Rößler neue, bei der jungen Generation beliebte Medien wie das soziale Onlinenetzwerk Facebook und die Videoplattform Youtube ein. Auch mit der Sexualität der heutigen Jugend beschäftigte sich Regisseur Rößler: „Heute können sich die Jugendlichen pornografische Bilder und Filme im Internet anschauen und denken, so sähe Sex aus.“ Doch inwieweit beeinflussen die Sexualisierung der Gesellschaft und Pornofilme, die nur einen Klick entfernt sind, die Jugend in ihrer Entwicklung? Werden sie dadurch versaut oder verunsichert? Oder beides? Und was gilt als normaler Sex, was als unnormaler? Rößlers Inszenierung macht sich auf die Suche nach Antworten.

So wird auch auf das intime Zusammenkommen der Hauptakteure in „FruehlingsErwachen 2.0“ nicht verzichtet. Wie genau das aussehen wird, will Rößler nicht verraten. Nur soviel: „Es wird sehr ästhetisch.“

Nicht das erste Mal, dass das Theater auf Sex baut. Zuletzt wurden die Zuschauer im Stück „Clerks — Die Ladenhüter“ mit sexuellen Anspielungen und Handlungen konfrontiert.

Und wie schaffen es die Schauspieler, sich in die Pubertät zurückzuversetzen? Anna Luise Borner (25) — sie spielt die vermeintlich erfahrene Ilse — ließ sich direkt von jungen Leuten inspirieren:

„Wenn ich zum Beispiel einkaufen gehe, schaue ich mir das Verhalten von Jugendlichen genau an.“ Sie stellt fest, dass bestimmte Stereotypen noch immer aktuell sind — so wie Borners Rolle: „Ilse ist die coole Anführerin“, verrät die Schauspielerin, die ab dem Sommer das Theaterensemble verstärken wird, aber schon jetzt ihr Talent zeigt.

Bei der Umsetzung verließen sich Regisseur Rößler und sein Team nicht nur auf ihre Fantasie. Inspiriert wurden sie auch von Greifswalder Schülern. „Sie bekamen von uns einige Textstellen und drehten dazu Video-Clips. Während des Stücks wird ein Film im Hintergrund auf einer Leinwand laufen“, erklärt Dramaturg Burkhard. Am Samstag wird sich zeigen, ob das Stück ein Beziehungsratgeber ist oder einfach nur provoziert.

Heute schauen sich Jugendliche pornografische Filme im Internet an und denken, so sähe Sex aus.“André Rößler, Regisseur und Schauspieler
Premieren von
„FruehlingsErwachen 2.0“

Greifswald: 5. April, 19.30 Uhr,
Großes Haus
Putbus: 25. April, 19.30 Uhr
Stralsund: 24. Mai, 19.30 Uhr,
Großes Haus



Christin Weikusat

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