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Theater Vorpommern Glücksblase auf verrücktem Planeten
Vorpommern Rügen Theater Vorpommern Glücksblase auf verrücktem Planeten
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00:00 14.10.2017
Putbus

Seit mehr als sechs Jahren steht der 33-jährige Martin Zingsheim mit seinen Solo-Programmen auf den Bühnen der Republik. In rasantem Tempo unterhält er sein Publikum und stellt die Dinge gerne völlig auf den Kopf. 2016 wurde der Familienvater Publikumsliebling der Kabarett-Regatta. In diesem Jahr gibt er den Schluss-Act – mit seinem Programm „Kopfkino“.

Martin, die Presse betitelt Dich gerne als liebenswerten Schwiegersohn. Bist du das denn auch?

Martin Zingsheim: Ich bin ein total fantastischer Schwiegersohn. Zumindest privat, auf der Bühne weiß ich gar nicht. Aber tatsächlich zieht sich das so ein bisschen seit ein paar Jahren durch die Rezensionen, dass ich scheinbar so nett und harmlos aussehe und daherkomme. Und dann vertrete ich aber doch ein paar gewagte Thesen.

Was sind das für Thesen?

Es ist schwer, das selber zu beurteilen. Das ganze Programm „Kopfkino“ basiert ein bisschen auf dem Versuch, alles auch einmal von der anderen Seite oder alles einmal genau umgekehrt zu betrachten.

Insofern stellt sich der eine oder andere Aha-Effekt beim Publikum ein.

Wie meinst Du das?

Ich mache zum Beispiel nach etwa 17 Minuten den Vorschlag, man solle mal die Heteros fragen, was man früher die Schwulen gefragt hat. Mensch, wann hast du das zum ersten Mal bemerkt mit der Heterosexualität und was sagen deine Eltern dazu? Es dauert immer vier bis fünf Sekunden (lacht), bis die Leute bemerken, dass sie das wahrscheinlich nicht tun werden.

Der Titel „Kopfkino“ klingt nach einem wirren Programm. In den Ankündigungen liest man oft von Assoziations-Hopping. Hat Dein Programm keinen thematischen Schwerpunkt?

Das ist tatsächlich so. Also ich bin auf den Titel „Kopfkino“ auch deshalb gekommen, weil ich oft gefragt werde, wie schreibst du das eigentlich. Das ist so sprachlich verrückt das Programm. Ich mache es eigentlich genau so, wie mir die Sachen in den Kopf kommen. Ich mache extrem wilde inhaltliche Sprünge. Ein bunter Riss durch viele Thematiken. Trotzdem ziehen sich natürlich so ein paar grundsätzliche Fragen durch das Programm, nämlich: Kann man überhaupt sagen, was man denkt? Und kann man immer nur denken, was man sagt? Es geht also ganz grundsätzlich um das Verhältnis von Gedanken und Sprache.

Du sprichst davon, eine Woche lang „vegan zu reden“ und haust dann minutenlang alle möglichen Sprichwörter raus, in denen es um Tiere geht. Wie und wann kommst Du auf solche Ideen?

In dem Fall ganz unromantisch und völlig unspektakulär. Ich hab tatsächlich ein Buch gefunden mit dem Titel „Tierische Redewendungen“. Und so bin ich auf die Idee gekommen. Ich schrieb gerade an meinen Gedanken zum Thema Ernährung und Veganismus und dachte, ich hab doch immer die These „Sprache ist der Anfang von allem“. Eigentlich müsste man erst einmal versuchen, frei von tierischen Zusatzstoffen zu sprechen. So ist diese Nummer entstanden. Ein verrückter Geistesblitz, aus dem eine meiner Lieblingsnummern geworden ist.

Vergisst Du auch mal gute Einfälle und ärgerst dich, dass Du sie nicht aufgeschrieben hast?

Das ist das Furchtbarste auf der Welt. Wenn einem ein Gedanke kommt und man zumindest die Vermutung hat, der könnte saumäßig komisch sein und dann den Moment verpasst, es sich aufzuschreiben.

Und dann wochenlang danach sucht und sich ärgert. Aber mein Umfeld erträgt das mit größter Fassung, dass ich häufig mitten im Gespräch, das könnte also auch uns jetzt passieren, zum Stift oder zum Handy oder zum Laptop greife und mir etwas aufschreiben muss, weil es sonst unweigerlich und eventuell für immer weg ist.

Du sabbelst auf der Bühne gut zwei Stunden in einem Wahnsinnstempo. Wie merkst Du Dir das alles?

Ich bin ein kleiner Auswendig-Lern-Freak. Das war ich schon zu Schulzeiten. Damals konnte ich Faust I und II auswendig. Außerdem geht’s gut in die Rübe rein, wenn man es sich selber ausgedacht hat.

Ich habe gerade das neue Programm geschrieben. Nun brauche ich zwei, drei Tage, dann habe ich das drin. Ich glaube, das ist ein bisschen wie bei Sportlern. Die haben ja auch ihre Streckenabläufe drin, kennen ihre 1000 oder 2000 Meter. Und ich habe meine 90 Minuten Text. Wenn ich mir einmal was angeschaut habe, ist es auf Ewigkeiten drin. Leider vergesse ich dafür den Rest der Menschheit – Geburtstage, Namen, Adressen.

Du sagst: „Ich kann nicht raus aus meiner Haut, ich bin zu porentief.“ Du willst aber bestimmt auch gar nicht raus, oder?

Ich bin eher ein grundzufriedener Mensch. Ich verzweifle vielleicht an der gesellschaftlichen Gesamtlage manchmal. Aber ich bin trotzdem so ein bisschen ein Sonnenkind und lebe auf der glücklichen Seite des Lebens. Ich hab meinen Traumberuf, meine Traumfamilie und in der Regel auch traumhaftes Publikum. Insofern lebe ich tatsächlich in einer kleinen Glücksblase auf diesem dennoch ansonsten ziemlich verrückten Planeten.

Wie kommt Deine Familie mit so einem verrückten Hund, wie Du es bist, zurecht?

Die Frage müsste ich jetzt weiterreichen. Aber tatsächlich: Wenn man meinen Ältesten fragt (der ist sechs Jahre alt), was sein Papa beruflich macht, dann hat er früher immer gesagt: Lala und Haha. Mittlerweile betitelt er mich als Quatsch-Macher. Das ist eigentlich die schönste Jobbeschreibung.

An diesem Sonntag feierst Du mit Deinem neuen Programm in Köln Premiere. Es heißt „aber bitte mit ohne“. Ohne was kannst du nicht?

Ich könnte nicht ohne Sprache leben. Das hat sich in meiner Entwicklung vom Musiker zum Wortakrobaten gezeigt. Das Programm dreht sich trotzdem um die Frage, auf was man alles verzichten könnte.

Und da kann man auch jede Menge Verrücktheiten finden, auf die man gut verzichten könnte.

Auf was denn?

Auf das Halten von Hunden. In allen Programmen plädiere ich dafür, hierauf zu verzichten. Es macht mich wahnsinnig und das begründe ich immer so: Fürs Wildpinkeln bezahlt man in Deutschland bis zu 1000 Euro Strafe. Einfach eine Leine umhängen und das Ganze ist kostenlos. Diese These bringe ich bei jedem Auftritt.

Hast Du einen Hund?

Niemals. Nein. Auf keinen Fall.

Interview: Dana Frohbös

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