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Theater Vorpommern Vom Fühlen und Funktionieren
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13:51 02.04.2014
In fünfzig Jahren finden die Schüler der neunten Klasse der 108. Schule ein Buch und erzählen sich vom schönen Leben. Quelle: Lovis Krüger

Der Achtklässler Tim Zander krempelt die Ärmel seines schwarzen Kapuzenpullis hoch. Er holt eine Spritze aus seiner Bauchtasche und drückt ihren Inhalt in seine Venen. Keine Sorge: Er nimmt keine Drogen, sondern tut nur so. Der 14-Jährige steht auf der Bühne im Rubenowsaal vom Theater Greifswald. Seine Klasse von der Montessorischule feiert heute Abend die Premiere ihres Stücks „2064“. Der Saal ist ausverkauft. Seit vier Wochen proben sie täglich von 8 bis 18 Uhr an dem Stück, das sie selbst entworfen haben.

Ihre Geschichte spielt in 50 Jahren. Ein Krieg ist vorbei und die Schüler bauen sich in schwarzen Kapuzenpullis, dunklen Jeans und schwarzen Hosen in einer festen Formation vorm Publikum auf.

„Wir sind die neunte Klasse.“ „Von der 108. Schule.“ „Aus dem Bezirk 124“, sagen die Figuren in monotonem Tonfall und abgehackter Sprache. Ihre Philosophie: „Arbeiten für den Weltaufbau.“ „Arbeiten für Geld.“ „Arbeiten ist das Leben.“

Doch plötzlich entdeckt die Klasse ein Buch. Es steht zwischen ihnen auf dem Boden. Sie nähern sich vorsichtig. „Verboten!“, schreit die Figur Konrad Krüger. Doch sobald sie es in den Händen halten, beginnen sie, sich Geschichten zu erzählen: über Märchen, Spiele, Musik und Farben.

Seit vergangenem Herbst arbeitet die Regisseurin Mareike Pawelski mit der Klasse an dem Stück. Die 25-Jährige leitete zunächst Improvisationübungen an. Später haben sich die Kinder ihre Charaktere ausgedacht. Schnell war allen klar: Das Stück spielt in der Zukunft. Dann haben sich die Schüler darüber Gedanken gemacht, wie die Zukunft aussehen könnte. Mareike Pawelski hat sich passend dazu eine Geschichte ausgedacht, aber diese den Jungen und Mädchen noch nicht erzählt: „Um in weiteren Improvisationen mehr Ideen der Schüler zu sammeln und sie in die Geschichte einfließen zu lassen.“ Die Kinder haben sich ein düsteres Stück gewünscht, die Regisseurin hat es geliefert. Inspiriert von Ray Bradburys Buch „Fahrenheit 451“ zeigt sie eine Welt, in der Kunst keine Rolle spielt und alle immer überwacht werden. Auf die Idee sei sie gekommen, als sie die Klasse während einer Pause kennengelernt habe und die Schüler nicht auf den Schulhof gingen, sondern in ihre Tablet-PCs vertieft waren, erzählt die 25-Jährige. „Ja, es macht im Allgemeinen schon Spaß. Aber es gibt auch sehr anstrengende Tage“, sagt Tim Zander (14), wenn alle keinen Bock hätten, laut seien und die Regisseurin dann auch laut werden müsse. „Dafür gibt es dann für alle Schokolode“, sagt die Regisseurin Pawelski. „Wir wollten ein Stück ohne Hauptrollen“, erzählt Emilie Massow (14). Die 16 Schüler der Klasse stehen die ganze Zeit gemeinsam auf der Bühne. „Es soll ja die Gemeinschaft stärken und uns nicht eifersüchtig aufeinander machen“, sagt Emilie. Nach ihrem morgigen Auftritt werden die Jugendlichen im Foyer des Theaters mit ihren Familien und Freunden die Premiere feiern.

Weitere Vorstellungen: morgen, 16 Uhr, Theater Greifswald und während des 5. regionalen Theatertreffens

Bei 451 Grad Fahrenheit brennt Papier
„Fahrenheit 451“ ist ein Roman von Ray Bradbury. Das Buch erschien 1953 und enthält eine düstere Science-Fiction-Geschichte. Sie wird aus der Sicht von Guy Montag erzählt. Er ist ein Feuerwehrmann, der keine Brände löscht, sondern Bücher verbrennt. Denn der 30-Jährige lebt in einem System, in dem die Menschen dumm bleiben sollen. Aber der Feuerwehrmann lernt die Bücher zu lieben und beginnt selbst zu lesen. Er fliegt auf und muss fliehen. Plötzlich bricht ein Krieg aus und die Geschichte endet — der Stadt droht ein schlimmes Schicksal.



Lovis Krüger

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