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Rügen „Trennung war für uns eine Befreiung“
Vorpommern Rügen „Trennung war für uns eine Befreiung“
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00:00 28.10.2017
Joachim Langert könnte heute zum neuen Sprecher des AfD-Kreisvorstandes gewählt werden. Quelle: Foto: Jens–uwe Berndt

Die Kreis-AfD hat mit dem Parteiaustritt von Bernhard Wildt aus Groß Zicker und des Stralsunders Ralf Borschke ihre beiden Sprecher verloren. Wie geht es jetzt weiter?

Joachim Langert,Kreis-AfD-Sprecher in spe, über Stammtische und den Austritt von Bernhard Wildt

Joachim Langert: Wir halten am Sonnabend einen Sonderparteitag ab, auf dem neue Sprecher gewählt werden sollen. Und da mich einige unserer Parteimitglieder darauf angesprochen haben, ob ich nicht dafür zur Verfügung stehen möchte, werde ich mich wohl zur Wahl stellen.

Wie bewerten Sie den Austritt der beiden Zugpferde aus der Landtagsfraktion in Schwerin und aus der Partei?

Eigentlich ist es ein trauriges Ereignis, wenn zwei Spitzenkräfte einer Partei dieser den Rücken kehren. Allerdings war durch die beiden die Stimmung im Kreisverband derart am Boden, dass der Weggang wie eine Befreiung wirkte. Am Ende können wir feststellen, dass die Dinge, die gelaufen sind, nicht zufällig und spontan passierten. Ein sichtbarer Ausdruck dafür war die Gründung des Anklamer Kreises, wovon ich als stellvertretender Sprecher nicht einmal informiert wurde.

Empfinden Sie den Rückzug von Wildt und Borschke als Verrat am Wähler?

Logischerweise! Beide sind ja als AfD-Mitglieder für den Landtag angetreten und nur über einen Listenplatz unserer Partei in das Gremium gelangt. Aber da beide – besonders Bernhard Wildt – Gefolgsleute von Frauke Petry sind, war dieser Schritt vorauszusehen. Aber man sollte dabei nicht vergessen, dass es auch ein Verrat an den anderen Parteimitgliedern ist.

Sie sprachen von einer schlechten Stimmung im Kreisverband, der durch die Aussteiger ausgelöst worden sei. Was ist denn passiert?

Es war eine schlechte oder sogar fehlende Führung festzustellen. Schon seit Ende März waren die Mitglieder nicht mehr zufrieden mit der Situation im Kreisverband. Und keiner der beiden hat etwas dafür getan, die Probleme auszuräumen. Es gab zu keinem Zeitpunkt klärende Gespräche. Mit Blick auf die Entscheidung der beiden habe ich sogar den Eindruck, dass sie von Anfang an den Plan hatten, der Partei zu schaden. Objektiv betrachtet, kann man das nicht von Frauke Petry trennen, die schon lange eigene Ziele verfolgt.

Bernhard Wildt, der ja genau wie Sie auf Rügen lebt, genoss in Ihrer Partei aber großes Ansehen.

Er hat geschickt viele Leute für sich eingenommen, bis er seine Ziele erreicht hatte. Die meisten waren von ihm wirklich sehr angetan. Nicht von ungefähr ist er im März auch mit großer Mehrheit als Kreissprecher gewählt worden. Die Querelen im Verband gingen erst danach los.

Borschke hat davon gesprochen, dass während der AfD-Stammtische „offen gehetzt“ werde. Wie erleben Sie diese regelmäßigen Zusammenkünfte?

Es gibt auf Rügen zwei Stammtische: einer ist in Sassnitz, der andere in Bergen. Für beide gilt: Es wird nicht gehetzt. Hauptthemen waren in den letzten Monaten die Fehlleistungen von Wildt und Borschke. Das wird den beiden natürlich nicht gefallen haben.

Ich würde an keinem zweiten Stammtisch mehr teilnehmen, bei dem gehetzt wird. Entweder würde ich versuchen, so etwas zu unterbinden oder – wenn es nicht fruchtet – meine Teilnahme künftig verweigern.

Insofern kann ich meine Hand dafür ins Feuer legen, dass nicht gehetzt wird.

Ein Blick auf die Ereignisse auf Bundesebene: Als Frauke Petry erklärte, sie werde nicht der AfD-Fraktion angehören, rechneten nicht Wenige mit einer Übertrittswelle aus den AfD- Fraktionen in den Landtagen. Das ist bis jetzt nicht passiert. War es das? Oder kommt da noch eine zweite Welle?

Es würde mich sehr überraschen, wenn Frauke Petry sich mit dem Ergebnis ihres Abgangs zufrieden geben würde. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Sie hat das ja nicht bloß

getan, um jetzt vier Jahre lang Diäten zu kassieren und dann vor dem Nichts zu stehen. Allerdings bin ich kein Hellseher. Ich hoffe, dass nicht noch etwas Dramatisches passiert, denn im Moment wirkt alles ruhig und beschaulich.

Wo findet der Kreisparteitag statt und womit ist zu rechnen?

Wir treffen uns wieder im Arkona-Hotel in Binz. Dort haben schon während des Wahlkampfes einige Veranstaltungen stattgefunden. Wir werden neue Sprecher wählen und einige Positionen im Vorstand neu besetzen müssen. Vermutlich wird der Bundestagsabgeordnete Leif-Erik Holm zu Gast sein. Da mir dazu ein Antrag vorliegt, rechne ich damit, dass die Öffentlichkeit per Abstimmung ausgeschlossen wird.

Weiterhin werden wir noch einige Dinge für den Haushalt 2018 zu besprechen haben. Und dann hoffe ich sehr, dass es an diesem Tag keine großen Zerwürfnisse oder Streitereien geben wird. Denn das können wir nun wirklich nicht mehr gebrauchen.

Joachim Langert und der AfD-Kreisverband Vorpommern-Rügen

Joachim Langert ist 58 Jahre alt und pensionierter Kriminalbeamter. Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung in Dresden. Danach entschloss er sich, auf die Insel Rügen zu ziehen. „Einfach, weil es hier so schön finde“, sagt er zu diesem Schritt.

Seit 2016 ist er hier und lebt in Sassnitz. Mitglied in der AfD ist Langert seit März 2013. Davor war er 23 Jahre parteilos. Bis zur Wende hatte er das Parteibuch der SED. „Bei meinem Dienst als Kriminalbeamter hatte ich in allen Kreisen zu tun und musste feststellen, dass eine gewisse Unzufriedenheit herrschte“, erinnert sich Langert. „Und wenn überall gemurrt wird, kommt man schon ins Grübeln, ob da nicht etwas schiefläuft.“

Der AfD-Kreisverband ist bis vor kurzem von den beiden Landtagsabgeordneten Ralf Borschke und Bernhard Wildt geführt worden, die die Position der Sprecher eingenommen hatten. Nach ihrer Abspaltung von der AfD- Landtagsfraktion und dem Austritt aus der AfD, sind diese beiden Posten vakant. Langert will sich für einen Sprecherposten bewerben. Die Kreis-AfD hat laut Langert derzeit rund 100 Mitglieder. In den zurückliegenden Wochen habe es bei der Mitgliederzahl etwas Bewegung gegeben. Es sei zu Austritten gekommen. Jetzt nähmen die Eintritte wieder zu.

Interview von Jens-Uwe Berndt

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