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Vom Service-Leiter zum Gutsherrn

Dumsevitz Vom Service-Leiter zum Gutsherrn

Aloys und Ingrid Schüring schufen sich ihr Zuhause im Herrenhaus von Dumsevitz

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Der Schnurrbart war nach der Hochzeit ab: Aloys und Ingrid Schüring richteten ihr restauriertes Gutshaus auch mit Antiquitäten wie diesem Sofa aus dem Jagdschloss Granitz ein.

Quelle: Fotos: Uwe Driest

Dumsevitz. Den Wandel vom braven „Gebietsleiter Service“ einer Kranken- oder besser Gesundheitskasse zum stolzen Besitzer eines wahrhaftigen Gutshauses vollzog Aloys Schüring. Wenig brav fand zunächst Ehefrau Ingrid, dass er den Kauf des Hauses 1999 in einer Art Guerilla-Aktion mit dem Sohn durchzog – ohne die künftige „Gutsherrin“ einzubeziehen. „Anschließend saßen mein Sohn und ich in der Jägerhütte Putbus bei Pils und Schnaps und heckten eine Strategie aus, die Nachricht vom Erwerb unseren Frauen zu verkaufen, ohne größere Kollateralschäden zu verursachen“, sagt Aloys Schüring angesichts des Husarenstreichs.

Die Überzeugungsarbeit sollte den Marketing-Fachmann angesichts des „außerordentlich desaströsen Zustands des Hauses“ vor eine größere Herausforderung stellen. „Bevor wir 2000 das halb verfallene Herrenhaus beziehen konnten, mussten wir über 30000 Euro ausgeben, um Sondermüll zu entsorgen“, ist das Ehepaar noch immer entsetzt über den Zustand, in dem die damalige Gemeinde Groß Schoritz das Haus übergab.

Allein der Keller war auf 250 Quadratmetern bis zur Decke mit Müll zugestopft gewesen und Ratten hatten es sich gemütlich gemacht. Vom Vater, der der selbstmörderischen Schlacht um Stalingrad entkommen war, indem er sich rechtzeitig absetzte, hatte er gelernt, wie die Nagetiere auszuräuchern sind. Mit Hilfe von Nachbarn und Freunden – namentlich der Lauterbacher Fischer-Familie Prühsing – gelang es, eine Wohnung bezugsfertig zu machen und „nach weiteren zwei Jahren harter Arbeit waren wir mit Haus und Grundstück zufrieden“, erzählen Aloys und Ingrid Schüring, die sich auch die Geschichte des zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten Hauses erschlossen.

Das Gut gehörte zunächst der Rügener Familie von Kahlden und von 1767 bis zur Enteignung 1945 der Familie des Fürsten Malte zu Putbus. Der verpachtete das Herrenhaus ab 1775 für fünf Jahre an Ludwig Nikolaus Arndt, den Vater von Ernst Moritz Arndt. Der berühmte Rügener Sohn verbrachte daher einige Jahre seiner Kindheit in dem Ort. Das dürfte Maria Pakulla, die Gründerin der Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft gefreut haben, die bis zu ihrem Tod 2006 in Dumsevitz lebte. Der kleine Ernst Moritz war ein großzügigeres Umfeld gewohnt als das ursprünglich eingeschossige, erst später aufgestockte Herrenhaus von Dumsevitz und sah sich daher „aus dem Palast in die Hütte versetzt“.

Letzter Pächter bis Kriegsende war Erich Putzier, ein Bruder von Richard Putzier, General der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Der kam 1945 in Kriegsgefangenschaft, aus der er zwei Jahre später entlassen wurde. Gutsherr Erich Putzier nahm sich bei Eintreffen der Roten Armee am 3. Mai 1945 auf Rügen mit seiner Frau das Leben.

Im Leben von Aloys und Ingrid Schüring scheint indes die Sonne und wenn nicht, fliegen sie nach Mallorca oder Lanzarote. Das geht, weil der 1953 im emsländischen Herzlake geborene Aloys Schüring seit Jahresmitte Pensionär ist. Seine Ingrid, eine Einzelhandelskauffrau aus Meppen, hatte er 1971 bei der Arbeit kennengelernt. Beruf und Wende brachten das Ehepaar zunächst nach Rostock und 1992 begann Aloys Schüring als Bezirksgeschäftsführer einer Gesundheitskasse auf Rügen. „Der Beruf war für mich Passion und ich habe immer versucht, Menschen zu helfen“, beschreibt er seine Haltung und erinnert sich an den Fall einer Frau aus Altenkirchen. Der hatte er zu einer Rente verholfen, obwohl ihr zunächst Arbeitsnachweise für drei Monate gefehlt hatten.

In einem anderen Fall habe er die zunächst abgelehnte Therapie für ein krebskrankes Kind durchsetzen können. „Anschließend musste ich mich zwar vor der Revision meiner Kasse verantworten, aber das Kind wurde wieder gesund“, erzählt er.

Zwei eigene Söhne bekam das Paar und zwei der drei Enkel leben in Bergen auf Rügen. Früher war Aloys Schüring mal politisch aktiv. Heute ist er im Lions Club, der 2017 seinen 100. Geburtstag feiert.

„Am Tag der Deutschen Einheit richten wir das Drachenfest in Binz unterhalb des Kurplatzes aus und prämieren die originellsten, schönsten und schnellste Drachen“, wirbt er für den guten Zweck.

Bei der Feuerwehr fungiert er als Schatzmeister. Im Feuerwehrhaus, einst Dorf-Konsum, wird Ostern und Weihnachten oder zu privaten Anlässen gefeiert. Überhaupt funktioniere die Dorfgemeinschaft vorbildlich. „Als ich einmal krank war, kamen junge Leute von der Feuerwehr unaufgefordert und halfen meiner Frau mit dem Brennholz“, erzählt Schüring gerührt und es ist zu spüren, wie sehr sich das Paar verbunden fühlt.

Wenn Ingrid und Aloys Schüring mal nicht die Ruhe auf dem Grundstück genießen oder auf einer Insel im Mittelmeer in der Sonne baden, gehen sie den halben Kilometer bis zum ehemaligen Dumsevitzer Hafen am Bodden. „Da sitzen wir abends dann bei einem Glas Rotwein und etwas Käse, tauschen uns über den Tag aus und sinnieren den Wellen hinterher.“

Der Ort Dumsevitz einst und jetzt

Dumsevitz wurde erstmals 1314 erwähnt und verzeichnete 1532 insgesamt sechs Bauernhöfe. Das Gut gehörte im 18. Jahrhundert der Rügener Familie von Kahlden, wechselte 1755 an Axel Graf von Löwen und 1767 an die Herren von Putbus. Das Gutshaus wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet.

Die Einwohnerzahl des Ortes hat sich drastisch verringert. Lebten einst etwa hundert Bewohner hier, wohnen Heute noch etwa 50 Einwohner in 17 Häusern. Dazu kommen zehn Ferienhäuser.

Auch Familie Reetz zog der Idylle wegen nach Dumsevitz. Bianca Reetz arbeitet als Lehrerin an der Freien Schule Dreschvitz und Ehemann Anton führt ein landwirtschaftliches Lohnunternehmen. Die junge Familie liebt die ruhige Umgebung, in der ihre beiden und bald drei Kinder im Sandkasten vor einer gemütlich wiederkäuenden Kuh spielen können.

Uwe Driest

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