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Von der Muffin-Form zurück zum Kegel

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Über 150-jährige, wertvolle Buchsbaum-Riesen im Putbusser Park werden gestutzt

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Die Buchsbaum-Giganten wurden schon lange nicht mehr in Kegelform geschnitten und verdecken große Teile der Fassade der Putbusser Orangerie.

Quelle: Udo Burwitz

Putbus Sie sind Giganten ihrer Art, über 150 Jahre alt und dennoch vielen jüngeren Vertretern ihrer Gattung an Vitalität um einiges überlegen. Mit einer aufwändigen Aktion sollen die alten Buchsbäume auf der Parkseite der Putbusser Orangerie wieder in Form gebracht werden. Die OSTSEE-ZEITUNG sprach mit Carsten Schwarzlose, der beim Sanierungsträger BIG Städtebau die Parksanierung koordiniert.

OZ-Bild

Über 150-jährige, wertvolle Buchsbaum-Riesen im Putbusser Park werden gestutzt

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Herr Schwarzlose, warum so ein Aufwand für zwei Buchsbäume, die im Hausgarten jeder Hobbygärtner mit der Schere in Form bringt?

Carsten Schwarzlose: Auch die Buchsbäume im Park sollen wieder in Form kommen – und zwar in die historisch überlieferte eines Kegels. Jeder Hobby-Gärtner weiß, dass man so etwas nicht von

heute auf morgen erreicht, sondern durch jahrelange, kontinuierliche Formschnitte. Bei der Pflege der Buchsbäume gibt es großen Nachholbedarf, was ganz gewiss auch ihrer enormen Größe geschuldet ist. Es gibt zum Beispiel Löcher in der Belaubung, innere Verkahlungen und eine ganze Menge Totholz. Derzeit erinnern sie eher an ein Muffin als an einen Kegel, beschreibt eine der beteiligten Landschaftsarchitektinnen den Ist- Zustand.

Wie sollten denn die Bäume nach den Vorstellungen der Fachleute aussehen?

Schwarzlose: Ziel ist die historisch nachgewiesene Kegelform mit einer Höhe von etwa drei und einer maximalen Breite von etwa sechs Metern. Damit wollen wir zum einen das Überleben der Pflanzen sichern und zum anderen die historische Ansicht wiederherstellen.

Und das ist so kompliziert?

Schwarzlose: Wie die involvierten Fachplaner betonen, muss man sehr vorsichtig vorgehen, um die wertvollen Pflanzen nicht zu schädigen. Wir können das Ziel nicht mit einem einzelnen Radikalschnitt erreichen, sondern nur in mehreren kleinen Schritten. Um die Buchsbäume zum Austrieb von frischem, dichten Blattwerk zu animieren, müssen die umgangssprachlich als „schlafende Augen“

bekannten Proventivknospen aktiviert werden, die unter der Rinde sitzen und für die Wiederherstellung verlorener Pflanzenteile sorgen. Die Überwallungen, also die großen Wundverschlüsse im Holz, müssen erhalten bleiben. Damit so wenig neue wie möglich dazukommen, wollen wir uns der historischen Form der Gehölze allmählich nähern, ohne die grüne Blatthülle kahl zu schneiden.

Wie muss man sich das Aussehen der Bäume nach dem Beschnitt dann vorstellen?

Schwarzlose: Das grüne Gesamtbild soll zu jeder Zeit bestehen bleiben, um den Gesamteindruck der Fassade so gut wie möglich zu wahren. Wo zum Schutz der Pflanze kein direkter Rückschnitt bis auf die Kegelform möglich ist, wird der Trieb so weit es geht eingekürzt und im nächsten Pflegegang weiter beschnitten. Bis dahin sollte die Verkahlung durch den Austrieb an den „schlafenden Augen“

soweit zurückgegangen sein, dass die einst kahlen Stellen ähnlich grün sind wie der Rest des Baumes.

Die Gehölze werden also in einer Übergangszeit ein wenig unförmig wirken?

Schwarzlose: Das lässt sich nicht vermeiden. Aus artenschutzrechtlichen Gründen werden wir in der Brutzeit an den Niststellen der Vögel beispielsweise nicht schneiden und den Schnitt dort erst nachholen, wenn die Jungtiere ausgeflogen sind. Außerdem wird nach dem Schnitt eine Folie über die Bäume gespannt, die ihnen Schatten spendet. Das mag so manchen Betrachter irritieren, ist aber notwendig, um die aus dem Schatten freigelegten Blätter und Rindenstücke langsam an die Sonne zu gewöhnen. Sonst drohen Verbrennungen, die nicht nur unschön aussehen, sondern den Baum auch schwächen.

Wer  ist  an den Arbeiten beteiligt?

Schwarzlose: Um die Planung und Ausführung kümmern sich Landschaftsarchitekten und -planer aus mehreren Büros. Wir werden auch die Akteure der Stadt, wie zum Beispiel Gabriele Badura vom Putbusser Bauhof oder den „Rosendoktor“ Gerhard Prill mit einbeziehen. Deren Meinung ist uns bei der Gestaltung wichtig.

Warum sind Ihnen die Buchsbäume so wichtig? Hätte man statt des großen Aufwandes zur Pflege der alten Büsche nicht einfach neue pflanzen können?

Schwarzlose: Zum einen: Nachgepflanzte Gehölze tragen nun einmal nicht die Geschichte des Schlossparks in sich. Zum anderen haben uns die Fachleute auf den Wert dieser beiden Buchsbäume hingewiesen. Viele Gärtner kennen das durch einen Pilz verursachte Buchsbaumsterben, durch das auch ältere Bestände innerhalb kürzester Zeit dahingerafft werden. Diese alten Bäume scheinen dafür überhaupt nicht anfällig zu sein. Eine Landschaftsarchitektin schwärmt von dem genetischen Material der alten Bäume. Das sei phantastisch, die Pflanzen unglaublich wuchsfreudig. Sie habe noch nie Buchsbäume so wachsen sehen wie diese in Putbus. Das sei Wahnsinn, sagte sie völlig begeistert.

Beliebt schon bei den alten Römern

150 Jahre alt sind die beiden Buchsbäume, die auf der Parkseite der Orangerie wachsen. Die immergrünen Pflanzen nehmen traditionell eine wichtige Rolle in der Gartengestaltung ein. Schon die alten Römer sollen Beete in ihren Gärten mit niedrigen Buchsbaumhecken eingefasst haben. Mit der Eroberung weiter Teile Europas brachten sie diese Mode vermutlich auch in andere Gegenden des Kontinents. Die Grundlage für die heutige Verbreitung in vielen Gärten wurde im 16. Jahrhundert gelegt, als Claude Mollet , der Hofgärtner des französischen Königs Heinrich IV., Beete in Versailles mit Buchsbaum begrenzte. Erst ahmte das der französische Adel nach, später auch reiche Bürger und wohlhabende Bauern in Mitteleuropa. Noch heute gehört zu vielen traditionell gestalteten Bauerngärten auch in Deutschland eine Beeteinfassung aus kurz geschnittenem Buchsbaum. Auch auf Friedhöfen wurde er gern als Hecke gepflanzt. 3 Meter hoch und sechs Meter breit sollen die beiden Buchsbäume im Putbusser Park sein, wenn sie wieder in ihre ursprüngliche Kegelform geschnitten wurden. Die beiden alten Pflanzen gelten auch genetisch als wertvoll, weil sie offenbar bislang nicht anfällig für das durch einen Pilz verursachte Buchsbaumsterben sind, dem in Deutschland in jüngster Vergangenheit zahllose Exemplare verschiedener Buchsbaumzüchtungen zum Opfer gefallen sind.

Interview von Maik Trettin

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