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Wanderer zwischen Welten

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Ein kleines, fast unscheinbares Bändchen fiel mir am 21. Mai im stationären Hospiz Bergen am Sana Krankenhaus in die Hände und ließ den leckeren Kuchen beim angebotenen ...

Ein kleines, fast unscheinbares Bändchen fiel mir am 21. Mai im stationären Hospiz Bergen am Sana Krankenhaus in die Hände und ließ den leckeren Kuchen beim angebotenen Kaffee am „Tag der offenen Tür“ glatt zur Nebensache werden. Auf dem nunmehr 6. Bücherbasar der Hospiz-Dienste Bergen wurde Rabindranath Tagores Buch „Flüstern der Seele“ mein Fundstück, meine Lesekost des Tages und sie wurde es auch in den Abendstunden der unmittelbar nachfolgenden Tage. Das Bändchen „Betrachtungen“, so konnte ich daheim nachschlagen, erschien im ersten Jahr seiner insgesamt drei Deutschlandreisen. Der Kurt Wolff Verlag München verlegte das Buch im Sommer des Jahres 1921. Das war vor fast genau 95 Jahren. Wer mag es einst gekauft und in seinen Händen gehalten haben? Wen erwärmten Worte wie die nachfolgenden die „Seele“? Und wer gab dieser Tage das Büchlein ab in der Hoffnung, das Buch möge einen Käufer finden, damit die Arbeit der zumeist Ehrenamtlichen zur ambulanten Unterstützung schwerkranker und sterbender Patienten unterstützt werden kann? Bei Tagore, dem im Mai 1861 in Kalkutta geborenen und im August 1941 ebenda verstorbenen bengalischen Dichter, Philosophen, Maler, Komponisten und Musiker, dem ersten asiatischen Nobelpreisträger für Literatur (er erhielt die hohe Auszeichnung 1913!), finden sich im Band folgende, so gesehen bis heute bedenkenswerte Sätze: „Das Alter ist klug, aber es ist nicht weise. Weisheit ist jene Jugend des Geistes, die uns befähigt einzusehen, dass die Wahrheit nicht in Schatzkästen von Grundsätzen aufbewahrt wird, sondern frei und lebendig ist. Große Leiden führen uns zur Weisheit, weil sie die Geburtswehen sind, durch die unser Geist von seiner Hülle der Gewohnheit befreit und nackt in die Arme der Wirklichkeit geboren wird. Weisheit ist wie das Kind, das durch Erkenntnis und Gefühl zur Vollendung gelangt ist.“ Erst im Alter von 67 Jahren entdeckte Rabindranath die künstlerische Betätigung für sich. Es entstanden unkonventionelle, expressionistische Bilder, die sich wohl schon in folgenden früheren Worten geistig vorbereitet haben dürften: „Wir erlangen Kenntnis eines Bildes, wenn wir seine Linien messen, seine Farben analysieren, die Gesetze seiner Harmonie in seiner Komposition studieren. Aber dies alles gibt uns nicht die Wirklichkeit des Bildes; diese erhalten wir nur durch unmittelbares Erleben des Bildes in uns selbst.“

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