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Wenn aus Kalkplättchen eine Insel wird

Gummanz Wenn aus Kalkplättchen eine Insel wird

Das Kreidemuseum in Gummanz dokumentiert die geologische Entstehungsgeschichte Rügens

Gummanz. Den Coccolithophoriden sei Dank: Ohne sie gäbe es Gummanz nicht. Die winzigen Lebewesen maßen gerade einmal ein tausendstel Millimeter und tummelten sich schon vor 69 Millionen Jahren in Massen in einem Meer, das sich von Südschweden über Rügen bis zum Harz erstreckte. Die Zellkörper dieser Algen waren von Kalkplättchen, den Coccolithen, ummantelt, die nach dem Tod der Einzeller auf den Meeresgrund sanken. Es verging eine Ewigkeit, bis sie und andere Gehäusereste zu den rund 150 Metern Kreide emporgewachsen waren, von denen auf der Halbinsel Jasmund und an Rügens Steilküsten gerade einmal ein Teil zu sehen ist. Denn in 1000 langen Jahren stieg die Kalkschicht um gerade einmal drei Zentimeter an.

 

OZ-Bild

Den Fossilien gehört Manfred Kutschers Leidenschaft. Sie sind für ihn die interessanten Zeugnisse längst vergangenen Lebens. Fotos (4): Susanna Gilbert

Quelle:

Die Insel lebt, weil sie stirbt.“Manfred Kutscher (73), Ingenieur

Wenn Manfred Kutscher von der Entstehung der bekannten Rügener Kreide erzählt, springt seine Begeisterung auf die Zuhörer über. Seine Leidenschaft für Geologie hat den 73-Jährigen seit Kindertagen begleitet. Mit zwölf Jahren war er bei einem Kuraufenthalt in Bad Kösen gewandert und auf Fossilien aus dem Muschelkalk gestoßen. Seither hat er unzählige Relikte aus der Erdgeschichte zusammengetragen. „Es hat mich schon immer fasziniert, dass das mal gelebt hat“, sagt der gebürtige Genthiner, der vor 50 Jahren nach Rügen kam.

Da war der studierte Chemie-Ingenieur 23 Jahre alt und begann seine berufliche Laufbahn im Kreidewerk Klementelvitz. Damals hätte es sich der frisch gebackene Ehemann nicht träumen lassen, dass er drei Jahrzehnte später zu jenen gehörte, die den Umbau des 1962 stillgelegten Gummanzer Kreidewerks Gierke zum Museum vorantreiben sollten. Denn zunächst wechselte Kutscher in den VEB Fischfang nach Sassnitz, in dem er bis kurz vor der Wende als Forschungsingenieur arbeitete. Danach, seit 1990 bis zur Rente 2008, hat er führend am Aufbau des Nationalparks Jasmund mitgewirkt. Bis heute engagiert er sich als Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer des Nationalparks Jasmund e.V. für den Schutz und die Pflege dieses kleinsten Nationalparks Deutschlands.

Und mit diesem Verein stemmte er die Mammutaufgabe, auf dem Gelände des alten Kreidewerks in Gummanz einen Kreide- und Naturlehrpfad einzurichten, die alte Fabrik zu sanieren, zu erweitern und ihr im Jahr 2005 als Museum mit einer Ausstellung über Kreideabbau und -aufbereitung, über Kreidegeologie und die Welt der Fossilien neues Leben einzuhauchen. Mit einem Anbau wurde die Ausstellungsfläche 2014 erweitert. Das Museum steht nirgendwo in der Kreide: Abgesehen von Fördermitteln für die Sanierung trägt es sich selbst. „Pro Jahr kommen rund 18000 Besucher“, sagt Kutscher mit berechtigtem Stolz.

In der Ausstellung werden unter einem an der Decke hängenden Urzeitmonster Millionen Jahre Erdgeschichte präsentiert. Anschaulich wird erklärt, wie die Kreide entstand, wie sie durch erdinnere Kräfte vor der letzten Eiszeit an die Oberfläche geschoben und durch sie verfaltet wurde. „Die Insel lebt, weil sie stirbt“, erklärt Kutscher die Tatsache, dass die Erde und mit ihr das kleine Rügen durch Erosionsvorgänge, die Kraft des Wassers und den oft fatalen Einfluss der Menschen auf die Natur niemals zur Ruhe kommen wird.

In den Vitrinen sind unter anderem die Reste von uralten Kopffüßern, Dreilappkrebsen, Schwämmen, Seesternen, Krabben, Seeigeln, Schnecken, Austern und Korallen zu bewundern. Anschauungstafeln und Animationen ermöglichen den Besuchern, die Metamorphose von Lebewesen zu lebloser Materie nachzuvollziehen. Neben anderen Fossilien werden auch die Skelettreste der zu den Kopffüßern zählenden Belemniten gezeigt, die als Donnerkeile an den Stränden herum liegen.

Zeugnisse längst vergangenen Lebens – „Was gibt es Interessanteres?“, fragt Manfred Kutscher. Auch heute noch wandert er nicht nur durch Jasmunds Landschaft auf der Suche nach Fossilien. Oder er bewundert die heimischen Orchideen in ihren Lebensräumen und denkt über die Vielfalt der Rügener Kreide nach: als landschaftsprägendes Element, als geologische Schatzkammer, als Inspiration für Künstler, als nützlicher Rohstoff und Lebensraum für bedrohte Pflanzen und Tiere.

Susanna Gilbert

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