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Wieder Spatensoldaten in Prora

Prora Wieder Spatensoldaten in Prora

Angehörige der ersten Baukompanie der Nationalen Volksarmee trafen sich nach 30 Jahren

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Susanna Misgajski von der Bildungsstätte ProraZentrum führte die ehemaligen Bausoldaten durch Ausstellung und Gelände.

Quelle: Uwe Driest

Prora. Zur Erinnerung an das Wirken tausender Bausoldaten, die in der Zeit von 1964 bis 1990 in Prora ihren waffenlosen Dienst leisteten, trafen sich am vergangenen Wochenende ehemalige Angehörige der 1. Baukompanie 1985/86 in Prora. Organisiert von Klaus „Ali“ Adelmeyer aus dem brandenburgischen Elbe-Elster-Landkreis pflanzten die 30 Ehemaligen, die teilweise mit Familie angereist waren, einen Baum am damaligen Kontrolldurchlass, in dem die Dauerausstellung „Militärstandort Prora – Opposition und Widerstand – Bausoldaten in Prora 1964-1989/ 90“ zu sehen ist.

OZ-Bild

Angehörige der ersten Baukompanie der Nationalen Volksarmee trafen sich nach 30 Jahren

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Die erste Baukompanie von Prora wurde vor 30 Jahren beim Bau des Fährhafens Mukran eingesetzt, dessen 30-jähriger Geburtstag in der vergangenen Woche ebenfalls gefeiert wurde.

„Als ich 2004 meine Stasi-Akte einsah, brach meine Welt ein zweites Mal zusammen“, erzählt Adelmeyer. Schon im Alter von acht Jahren habe die Stasi seine Akte angelegt, weil er als Sohn eines Pazifisten verdächtig gewesen sei. Sohn Klaus eiferte dem Vater nach, trug lange Haare und Parka. Den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ habe ihm ein Stasi-Mitarbeiter auf offener Straße abgerissen. „Die Möglichkeit, den Dienst an der Waffe zu verweigern, war vielfach gar nicht bekannt, weil sie nur einmal nach Inkrafttreten des Gesetzes in den 60er Jahren veröffentlicht wurde“, sagt er. In den folgenden Jahrzehnten sei davon nur von den Jugendwarten der Kirchen zu hören gewesen. So seien es in der gesamten DDR wohl kaum mehr als 15000 junge Männer gewesen, die mit dem Spaten „dienten“.

Der gepflanzte Baum, dem eine erläuternde Stele zur Seite steht“, bedeute den dritten „Zeitsplitter" einer Außenausstellung nach der Tafel zum Gelöbnis von Bausoldaten an der Mehrzweckhalle des Jugendzeltplatzes sowie einer weiteren Stele neben dem Kontrolldurchlass bei der Schranke zur Jugendherberge, die sich dem Thema „Arrest“ widmet, erläutert Susanna Misgajski vom ProraZentrum. Auf dieser Stele ist eine Erinnerung von Tobias Bemmann, Bausoldat und Arrestant für drei Tage, zu lesen: „Bis zum nächsten Morgen musste ich auf dem Kasernenhof mit einem Nagel das Moos zwischen den Pflastersteinen herauskratzen. Sobald ich mit der Arbeit etwas langsamer wurde, drohte der Aufpasser mit ,Nachschlag’. Damit war die Verlängerung der Arrestzeit auf zehn Tage gemeint. Eine wirklich schlimme Vorstellung für mich, denn die Arrestzeit musste am Ende der Armeezeit ,nachgedient’ werden.“ Die letzte erhaltene Arrestzelle ist Zelle Nr. 3 und heute hinter dem Kontrolldurchlass von außen einzusehen.

An den damaligen Kompaniechef können sich alle noch gut erinnern. Später erfuhren die Bausoldaten, dass Gerd L. zugleich Offizier der Stasi gewesen sei und noch heute in Samtens lebe.

„Bausoldaten waren auch über ihre Dienstzeit hinaus gut vernetzt. Dies schuf eine der Grundlagen für die Friedliche Revolution 1989/90, an der Waffendienstverweigerer als ein Teil der Oppositionsbewegung der DDR maßgeblich beteiligt waren“, heißt es in der vor zwei Jahren eröffneten Ausstellung. „Dass diese Vernetzung auch nach der Wende fortbesteht, hilft zugleich bei der Bewältigung jener Zeit, die bei manchem Betroffenen ein Trauma hinterließ“, glaubt Susanna Misgajski.

Den Satz unterschreibt auch Christian Wutzler aus der Nähe von Zwickau. „Was ich aus jener Zeit mitnahm, ist, dass sie meine Familie sehr zusammengeschweißt hat“, versucht der ehemalige Bausoldat, der seine Frau damals mit vier Kindern allein lassen musste, jener Zeit etwas Positives abzugewinnen. „Noch heute habe ich gelegentlich den Wachtraum, wieder eingezogen zu werden“, schildert auch Jürgen Huss aus Neudorf im Erzgebirge die Spätfolgen, unter denen er leidet.

Für den 4. November hat sich eine Gruppe von Bausoldaten aus Dresden angekündigt. Die wollen dann den Platz vor der Stele reinigen – nicht mit einem Nagel.

NVA, Prora und Mukran

1956 wurde die Nationale Volksarmee (NVA) gegründet. 1962 wurde in der DDR die allgemeine Wehrpflicht eingeführt.

1964 wurde die „Anordnung zur Aufstellung von Baueinheiten“ erlassen, welche die Möglichkeit eines waffenlosen Dienstes schuf. 18 Monate dauerte der Dienst in der NVA für Soldaten mit Waffe oder Spaten.

1982 war der Koloss von Prora der größte Standort für Bausoldaten in der DDR, und bis zur Wende waren rund 3300 Bausoldaten dort stationiert. Jeweils bis zu 500 Bausoldaten wurden bei der Errichtung des Fährhafens in Mukran eingesetzt.

Uwe Driest

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