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Rügen „Wir hatten mehr Eng- als Reisepässe“
Vorpommern Rügen „Wir hatten mehr Eng- als Reisepässe“
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07:32 23.04.2018
„Die Insel ist mir sehr vertraut“: Gunther Emmerlich bei einem Besuch in Binz im Jahr 2015. Quelle: Foto: Dieter Lindemann
Binz

Er ist ein Grandseigneur des Gesangs und Entertainments: Gunther Emmerlich. Am Freitag tritt der mittlerweile 73-Jährige ab 20 Uhr im Arkona Strandhotel Binz auf.

Zur Musik kam er über Schlaflieder, über die DDR und seine berühmteste Sendung „Showkolade“ sagt er, dass er sich wundert, trotz seiner Ansichten Karriere gemacht zu haben.

Sie treten kommenden Freitag mit Ihrem Programm „Spätlese – eine Rücksicht ohne Vorsicht“ in Binz auf. Was erwartet die Zuschauer?

Gunther Emmerlich: Ich präsentiere mein neues Buch „Spätlese“. Ich werde auch aus meinen drei aktuellen Büchern lesen. Dazu singe ich passende Lieder und begleite mich selbst mit der Gitarre. Diese Abende machen mir immer sehr viel Spaß. Das Publikum darf sich gern freuen. Jeder Abend ist einzigartig. Soviel Selbstbewusstsein darf ich haben.

Was steckt hinter Ihrer Liebe zur Musik?

Meine Mutter hat mir immer Schlaflieder gesungen. Sozusagen habe ich Lieder von Johannes Brahms in die Wiege gesungen bekommen. Meine Mutter spielte auch ganz toll Klavier. Das hat mich geprägt. Bei einem Klassenausflug von der Schule sang ich so vor mich her. Ein Mitschüler aus der siebten oder achten Klasse sagte zu mir, ich klänge wie im Radio. Das fand ich natürlich toll. Meine Musiklehrerin band mich schnell in den Chor ein. Mit roter Birne sang ich dort in der ersten Reihe Soloparts. Als ich älter wurde, merkte ich, dass die Leute ihre Gespräche einstellten, wenn ich anfing zu singen.

Die Liebe zur Musik kam ganz automatisch.

Gab es einen markanten Wendepunkt, an dem Sie sich für die Musik entschieden?

Nein, wie gesagt, ich wuchs mit Musik auf. Wir waren als Familie sehr arm. Meine Mutter war schwer krank, mein Vater blieb im Krieg. Wir hatten kein Geld. Manche Faulpelze verstecken sich hinter der Aussage, keine Musik machen zu können, weil sie kein Geld haben. Ich finde, jeder kann Musik machen – auch ohne Geld. Ich musste mich nicht entscheiden.

Was halten Sie von der heutigen Musikindustrie?

Ich mag diesen Begriff überhaupt nicht. Musik sollte unabhängig von der Industrie funktionieren. Gut, wenn die Industrie die Musik sponsert und fördert, soll es so sein. Ich mache unabhängig von diesen Einflüssen Musik. Ich will ja nicht wie ein Großvater sagen, früher war alles schöner, aber was keinen Bestand hat, ist irgendwann nicht mehr am Markt. Ich bin seit Jahrzehnten breit gefächert und nicht auf diese Maschinerie angewiesen. Das Wort Industrie in Verbindung mit Musik ist abartig.

Haben Sie selbst noch ein Vorbild?

Aus dem Fan-Alter bin ich raus, aber ich finde viele Sänger großartig, man fühlt sich durch große Musiker inspiriert. Wenn ich jetzt Namen nenne, vergesse ich sicher den ein oder anderen, deshalb fange ich gar nicht erst damit an. Nur so viel: Gute Leute sind immer ein Orientierungspunkt, nicht nur aus der Klassik, sondern auch aus allen musikalischen Bereichen. Querbeet.

Sie moderierten sehr erfolgreich von 1987 bis 1990 die Sendung „Showkolade“ im DDR-Fernsehen und später in der Wendezeit. Was gehört in eine heiße Schokolade, die Ihnen schmeckt?

Sie darf auf keinen Fall zu süß sein. Ich mag echte bittere Schokolade in Richtung der altbekannten Herrenschokolade. Die damals in der DDR einzig genießbare Schokolade war die von den Schokoeierbechern für den Eierlikör. Die mochte ich.

Sie waren damals in Ihrer Sendung sehr politisch. Sind Sie es auch noch heute?

Ich beziehe sehr wohl Stellung zu aktuellen Themen. Ganz aktuell unterstütze ich bei der Wahl des Bürgermeisters in Eisenberg, meiner Heimatstadt. Mein Kandidat ist in die Stichwahl gekommen. Damals in der DDR blitzte meine Überzeugung durch die Knopflöcher. Ich war kein Hurra-Patriot und nicht in der Partei. In meiner Sendung ließ ich viel zwischen den Zeilen blicken. Deshalb wurde sie aufgezeichnet. Die kritischen Sachen wurden alle rausgeschnitten. Wenn ich jetzt zu viel über die ehemalige DDR nachdenke, dann sage ich lieber gar nichts mehr. Wir hatten doch mehr Engpässe als Reisepässe. Ich habe mich echt gewundert, warum ich, trotz meiner Ansichten, Karriere machen durfte. Heute engagiere ich mich in der Denkmalpflege und gebe Benefizkonzerte für die Kinderkrebshilfe.

Sehen Sie heutzutage das erfüllt, was Sie sich an Veränderung für die deutsche Einheit gewünscht haben?

Es tritt nie genau das ein, was man sich wünschte. Die Demokratie ist erfreulicher als eine Diktatur, wohlwissend, dass sich nicht alles zum Besten entwickeln kann. Damalige niedrige Mieten führten dazu, dass die Häuser nicht renoviert werden konnten. Die Demokratie schneidet einfach besser ab. Wer dem Wort Demokratie etwas Schlechtes will, sagt dazu Kapitalismus. Ich werde heute noch auf meine damalige politische Ausrichtung angesprochen.

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Sonntag aus?

Wissen Sie, Sie erwischen mich gerade beim Bügeln, einkaufen gehen muss ich auch noch und mein Manager kommt gleich vorbei. Das sind Dinge, die ich am letzten Sonntag nicht erledigen konnte. Ich gebe an Sonntagen Konzerte oder stehe im Theater auf der Bühne. Ich war kürzlich erst mit einem Radiosender in Eisenberg unterwegs und habe etwas über meine Heimatstadt erzählt. Außerdem feierte ich meine Diamantene Konfirmation und durfte dazu eine Mozart-Arie in meiner Heimatkirche singen. Dort wurde ich getauft und konfirmiert. Es waren viele Besucher dort.

Freuen Sie sich auf den Auftritt in Binz auf Rügen?

Die Insel ist mir neben Usedom und dem Darß sehr vertraut. Ich freue mich riesig darauf, zumal ich zwei freie Tage eingeplant habe, die ich sicherlich am Strand verbringen werde. Ich gehe dann spazieren und erhole mich an der frischen Luft. Ich genieße Butterfisch und frischen Zander im Restaurant. Rundum, es wird eine gute Zeit.

Tickets: Telefon: 038 393/550, E-Mail: reservierung@arkona-strandhotel.de

Drei Jahre lang „Showkolade“ machten ihn bekannt

Gunther Emmerlich wurde am 18. September 1944 in Eisenberg (heute Thüringen) geboren. Bekannt wurde er in der DDR durch die Fernseh-Unterhaltungssendung „Showkolade“, die er von 1987 bis 1990 moderierte. Von 1972 bis 1992 gehörte er als Sänger (Bass) zum Ensemble der Dresdner Oper. Er trat und tritt als Moderator auf und war Gast vieler Showsendungen im TV. Seit 1979 lebt er in Dresden.

Verheiratet ist er mit der Schauspielerin Anne-Kathrein Emmerlich, von der er seit 2014 getrennt lebt. Er hat mit ihr zwei Kinder, einen Sohn aus einer früheren Beziehung und acht Enkelinnen.

Christine Zillmer

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