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Männer standen bis zum Bauch im Hering

Neuendorf Männer standen bis zum Bauch im Hering

Peter Prühsing stammt aus einer alten Fischerfamilie, die mit seiner Generation enden wird

Neuendorf. Der Greifswalder Bodden ist das Wohnzimmer von Peter Prühsing. Der stammt — wie auch der im Dorf lebende Cousin Malte — aus einer alten Fischerfamilie und lernte Ende der 60er Jahre auf dem Boot seines Vaters. „Zu DDR-Zeiten fischten wir im Rahmen der Genossenschaft Typ 1 und nach der Wende machte ich mich mit meiner Frau selbstständig“, erzählt der untersetzte Mann mit dem verschmitzten Blick.

Sigrid Prühsing hielt früher die Buchhaltung der Interflug in Schönefeld in Ordnung, bevor sie 1978 ihren Peter bei der Kur kennenlernte und ihm nach Rügen folgte. Aus erster Ehe brachte sie Tochter Martina mit, die bei der Sparkasse in Bergen arbeitet und Hardy, der als Flugzeugmechaniker bei Interflug begonnen hatte und von der Lufthansa übernommen wurde. Auf Rügen kam dann noch Robert hinzu, der sein Brot zwar als Kfz-Mechaniker in einer Gingster Autowerkstatt verdient, in der Freizeit aber gern einmal im Bodden schnorchelt. „An manchen Stellen sehe ich in einer Tiefe von drei bis vier Metern zunehmend Wollhandkrabben, kleine Garnelen und Gründeln, die es hier früher nicht gab.“ In der Fahrrinne sei das Wasser etwa acht Meter tief und um die Entmagnetisier-Station bis zu zwölf Meter.

Noch heute fährt Peter Prühsing fast jeden Tag mit dem Zehn-Meter-Kutter raus, um Stellnetze und Reusen auf Barsch, Zander oder Hecht zu kontrollieren. Sein größter „Esox lucius“ wie er das Bild an der heimischen Garagentür beschriftete, habe so 22 Kilo gewogen, kann er sich erinnern. „Das Wasser ist so klar geworden, dass ich an manchen Stellen vier Meter in die Tiefe gucken kann“, sagt Prühsing. „Deswegen nehmen die Lachse seit der Wende stark zu.“

Die Kehrseite der Medaille besteht aus Fischersicht darin, dass aufgrund verbesserten Umweltschutzes sich auch Kegelrobben, Kormorane und Fischotter immer wohler fühlen — und zu Ende gedacht wohl auch Touristen. Nicht, dass jemand etwas gegen die Tierchen hätte, „aber wenn ich am Ende des Tages von den Heringen nur noch die abgebissenen Köpfe im Netz finde, könnte man vielleicht über einen Ausgleich sprechen, wie ihn Schäfer bei Verlusten durch Wölfe erhalten“, denkt Prühsing laut nach.

Und dann die Quoten, welche „die Naturschützer“ — wie Fischer die zuständigen Behörden und wissenschaftlichen Einrichtungen oftmals vereinfachend nennen — erlassen. „Früher haben die Männer bis zum Bauch im Hering gestanden, wenn sie den Fang eingeholt hatten“, weiß Sigrid Prühsing noch. „Da haben wir mit zwei Dutzend Lauterbacher Fischern 50000 Tonen gefischt, heute mit vier Mann vielleicht noch zehn“, ergänzt ihr Mann. Noch etwas sei früher schöner gewesen, fällt dem Fischer sin Fru ein: „Da stand kein Haus zwischen unserem und dem Bodden. Wenn mein Mann übers Wasser heimkehrte, konnte ich das sehen und schon mal Kartoffeln aufstellen.“ Das „Öko-Siegel“ (Marine Stewardship Council, MSC) sei zu teuer für kleine Betriebe „und die großen mit Zertifikat verwüsten den Meeresboden trotzdem mit ihren Schleppnetzen“, klagt Prühsing.

Überhaupt werde es immer schwerer, an frischen, einheimischen Fisch zu kommen, meint Ehefrau Sigrid. Weil um Rügen weniger gefangen werde, „ist das Sortiment nicht beständig und auch unser Fischgroßhandel Birnbaum & Kruse im Industriegebiet von Tilzow kann uns nicht jeden Fisch jederzeit liefern“.

Den aber würde sie für ihren Marktstand unbedingt benötigen, den sie dreimal wöchentlich in Bergen und freitags erst in Putbus und danach in Garz aufbaut. „Außerdem essen die Leute heute weniger Fisch und mehr Pizza“, sagt sie, während Sohn Robert das Blech aus dem Backofen holt. Bei Prühsings gibt es an diesem Tag Hühnerbeine.

Von Uwe Driest

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