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Sport statt „industrieller Quälerei“

Binz/Sassnitz Sport statt „industrieller Quälerei“

Der Binzer Hans-Georg Voigt plädiert für eine touristische und maritime Nutzung des Hafen- und Bahngeländes

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Der Fährhafen Mukran wurde zum Basishafen für die Offshore-Industrie entwickelt.

Quelle: Norbert Fellechner

Binz/Sassnitz. Binz Er gilt als einer der aktivsten Rügener Querdenker – auch im Alter von 92 Jahren. Dr. Hans-Georg Voigt hat seinerzeit Sport, Pädagogik und Medizin studiert und setzt sich seit Jahren kritisch mit der Entwicklung Rügens auseinander. In einem neunseitigen Brief hat der Binzer den Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt gebeten, die aktuellen Planungen zum Ausbau der B 96 noch einmal zu überprüfen. Gleichzeitig schlägt Voigt eine Alternative zu der seiner Meinung aussichtslosen industriellen Entwicklung des Mukraner Bahn- und Hafengeländes vor: als Areal für eine vielseitige touristische und maritime Nutzung des „Wirtschaftsfaktors Sport“.

OZ-Bild

Der Binzer Hans-Georg Voigt plädiert für eine touristische und maritime Nutzung des Hafen- und Bahngeländes

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Herr Dr. Voigt, was stört Sie an den geplanten Industrieansiedlungen in Mukran?

Dr. Hans-Georg Voigt: Dass sie zum Scheitern verurteilt sind.

Sagen Sie als Industrie-Skeptiker . . .

Voigt: Ich habe prinzipiell gar nichts gegen moderne Industrie und technischen Fortschritt. Aber bitte in angemessener Form, mit echtem Gemeinsinn und an der richtigen Stelle.

Und das ist Mukran nicht?

Voigt: Eindeutig nicht – inmitten einer hochwertigen Küstenlandschaft und Tourismus-Region auf einer einmaligen Naturinsel gelegen. Es fehlt an Lagerkapazitäten sowie an Platz und Technik für Großcontainer. Und die Verkehrsanbindungen werden auf Jahrzehnte hin kompliziert bleiben.

Sind Sie da nicht zu pessimistisch?

Voigt: Wohl nicht. Die prognostisch hohen Erwartungen für eine dynamische Entwicklung der maritimen Wirtschaft haben sich bis heute nicht erfüllt. Der einst florierende Fährverkehr ist fast zum Erliegen gekommen.

Sehen Sie in den russischen Breitspuranlagen, die im Hafen liegen keinen Standortvorteil?

Voigt (winkt ab): Die Deutsche Bahn hat sich komplett zurückgezogen und verkauft jetzt sogar ihre gesamten Liegenschaften nebst Anlagen! Für den „westlichsten Bahnhof der Transsibirischen Eisenbahn“, wie sich der Hafen gern nennt, scheint sich niemand zu interessieren. Erst kürzlich wurden in Süddeutschland für Finnland gebaute Breitspurloks in Rostock verladen. Der Traum von einer Breitspur-Ferntrajektierung über das russische Ust Luga und weiter nach Fernost konnte nicht in Erfüllung gehen. Auch der seinerzeit propagierte „grüne Korridor“ vom Mittelmeer nach Skandinavien verläuft heute über Rostock und polnische Häfen. Es ist ein Rätsel, dass in den Jahren trotzdem immer und immer wieder Fördergelder aus Schwerin nach Mukran geflossen sind! Aus einer Ölraffinerie wurde gottseidank nichts – Tanklaster und Tankschiffe hätten nun gar nicht zu Rügen gepasst.

Vergessen Sie da nicht das Geschäft mit den Meereswindparks?

Voigt: Die Entwicklung dieser Anlagen auf See halte ich für sehr wichtig. Aber auch diese Arbeiten werden zeitlich befristet sein. Und ob die Funktion als Versorgungshafen dann für Mukran attraktiv ist, wird sich zeigen.

Welche Vision wäre denn Ihrer Meinung nach eine, die zu Rügen passen und auf dem Areal umgesetzt werden könnte?

Voigt: Mukran sollte zu einem universellen Tourismus-Zentrum für die Region ausgebaut werden. Hier sollten ganz besonders die Wassersportarten gefördert werden. In Sassnitz und Binz wird an Plänen für gut ausgerüstete Marinas gearbeitet, die auch größeren Luxus-Yachten Platz bieten. Warum nicht in Mukran? Hier könnten auch Segelwettbewerbe veranstaltet werden.

Und der Fährverkehr?

Voigt: Der könnte daneben in traditioneller Weise ein Standbein des Hafens bleiben – zusätzlich zu einem hochrangig aufzubauenden Kreuzfahrttourismus.

Dazu braucht man aber nicht die Flächen im so genannten Hinterland des Hafens . . .

Voigt: Doch. Hier könnten Winterlager und Werkstätten für die Boote entstehen und – was ganz wichtig ist – moderne Anlagen und Einrichtungen für vielseitige Freiluft- und Hallensportarten. Eine Schwimmhalle, die internationalen Ansprüchen gerecht wird, Trainingshallen für Leichtathletik, eine Eissporthalle, Kegel- und Bowlingbahnen, Schießsportanlagen, Reitbahnen, ein Fußball-Stadion, dazu Restaurants, Hotels und Jugendherbergen. Schulen, Vereine, ja sogar die Nationalmannschaften könnten hier Ferienaufenthalte und Trainingslehrgänge absolvieren. Und alles zusammen würde eine Auslastung im Sommer wie im Winter garantieren und mehr Dauer-Arbeitsplätze bieten als ein kleiner Hafen. Denkbar wäre auch eine Kooperation mit dem in Dwasieden geplanten Kreide-Heilkurbad. Ganz wichtig ist, dass das Ganze auch zum Stil und zur touristischen Aufgabe unserer Insellandschaft und ihrer Bewohner passt.

Und wo bleibt die Industrie?

Voigt: Die knapp 60000 Rüganer und ihre Gäste benötigen keine Schwerindustrie und ihre Folgeerscheinungen. Auf Rügen reichen Gewerbebetriebe mittlerer Größe und Art. Die industrielle Quälerei auf Rügen hat bisher nicht viel gebracht und sollte beendet werden. Sie verursacht obendrein gefährliche Umweltschäden.

Welche meinen Sie?

Voigt: Die Hafenaktivitäten haben nicht nur die Wohn- und Lebensqualität der Einwohner und Urlauber Neu-Mukrans erheblich verschlechtert. Durch die immer neuen Molenbauten, Tiefenbaggerungen und Aufspülungen haben sich die Strömungsverhältnisse und Sedimentationen in der Prorer Wiek verändert. Diese Entwicklung ist eine Gefahr für den dauerhaften Erhalt des Binzer Badestrandes. Es ist deshalb unverständlich, dass in Mukran jetzt der Bau eines fast 100 Meter langen Schwerlastkais mit dem Segen und dem Geld der Landesregierung beginnen soll, der eine erhebliche Vertiefung des Hafens für größere Schiffe nach sich ziehen wird. Wer überprüft die Baupläne und wer trägt die Verantwortung für die Folgen?

Ihre Skepsis scheinen nur wenige Insulaner zu teilen. Kämpfen Sie da auf verlorenem Posten?

Voigt: Ich denke nicht. In Gesprächen merke ich immer wieder, dass viele Rüganer und Gäste nahezu unglücklich und verdrossen sind über die fremdbestimmte Entwicklung ihrer Heimat. Sie wurden aber auch noch niemals dazu befragt.

Trotzdem könnten Kritiker ihre Bedenken doch formulieren?

Voigt: Warum das so gut wie nie geschieht, hat unterschiedliche Gründe. So zerklüftet, wie die Insel topografisch ist, stellt sich derzeit auch ihre Bevölkerung dar. Es fehlt eine große Bewegung für Rügen, die die Probleme geschlossen angeht. Wo bleiben die Stimmen der Heimatverereine und der Umweltverbände? Die, die sich den Erhalt von Natur und Kultur der Insel auf die Fahnen geschrieben haben, wie der Nabu oder Insula Rugia, haben aus meiner Sicht versagt.

Sassnitz setzt auf Industrie – Binz bangt um seinen Strand

Schwimmbad, Eishalle und Yachten statt Industrieanlagen in Mukran – der Sassnitzer Bürgermeister Frank Kracht kann den Ideen des Binzer Vor- und Querdenkers Dr. Hans-Georg Voigt wenig abgewinnen. Ja, sagt er zähneknirschend, der Fährverkehr über den Sassnitzer Ortsteil nehme leider weiter ab. Und man versuche, ihn mit aller Kraft aufrecht zu erhalten. Vielleicht entwickle sich nach dem Russland- Tag wieder etwas im Fährverkehr zwischen der Insel und Russland.

Aus Sicht des Sassnitzer Stadtoberhaupts soll Mukran nach wie vor zum Standort für Schwerindustrie entwickelt werden. Das bringe saisonunabhängige Arbeitsplätze. Optimistisch zeigt Kracht sich, was die Dauer der Industrieansiedlungen angeht. Die Energieunternehmen Iberdrola und E.on wollen wenigstens 25 Jahre in Mukran mit einem Standort vertreten sein und Komponenten zum Bau von Windparks umschlagen. Der türkische Rohr-Hersteller habe langfristige Verträge abgeschlossen und sein Gewerbe in Sassnitz angemeldet, so dass auch direkt etwas für die Stadt abfalle. Auch Nordstream werde vermutlich einen Teil der Arbeiten zum Bau des dritten und vierten Strangs der Erdgasleitung von Mukran aus koordinieren. Das alles, hofft Kracht, bringe nicht nur Arbeitsplätze, sondern locke auch neue Einwohner in die Stadt und die Umgebung.

Als maritime Sport- und Tourismusfläche kann er sich das Areal nicht vorstellen. „Allein die Entfernung zur Stadt wäre ein Ausschlusskriterium.“ Ein Schwimmbad etwa würde er sich nicht auf der „grünen Wiese“, sondern in der Nähe der Stadt vorstellen. Nicht anders sei es mit einer Marina. Die läge in Mukran zu weit ab vom Schuss. „Die Leute wollen da abends flanieren. Das macht kaum jemand außerhalb der Stadt“, sagt Kracht.

Mit Skepsis betrachtet man von Binz aus die Entwicklung an der nördlichen Gemeindegrenze. Welche Zukunft für das Areal in Mukran die zukunftsträchtigere ist, möchte der Binzer Bürgermeister Karsten Schneider lieber nicht kommentieren. „Planungsrechtlich ist dafür die Stadt Sassnitz verantwortlich.“ Dennoch verfolge man die Entwicklung des Nachbarn aufmerksam. Nicht ohne Grund, wie Schneider sagt. Über viele Jahre sei Mukran ein Fährhafen gewesen. Nun solle er zum Industriehafen entwickelt werden. „Wenn wir dann von Container- und Frachtschiffen reden, darf sich das nicht nachteilig auf die Nachbargemeinden auswirken“, sagt Schneider. Mit einem Ausblick auf Industrieanlagen locke man kaum einen Urlauber in eine Tourismusregion.

Binz als unmittelbarer Nachbar habe in der Vergangenheit die negativen Auswirkungen der Entwicklung Mukran zu spüren bekommen. „Dr. Voigt hat uns schon vor Jahren auf die Veränderungen an unseren Stränden hingewiesen“, erinnert sich Schneider. Mittlerweile habe man auch in den Ministerien erkannt, dass sich durch den Bau immer neuer Molen und Spülfelder in Mukran die Strömungsverhältnisse zu Ungunsten von Binz verändern. Dadurch bleibe immer weniger von dem feinsandigen Sediment, für das die Prorer Wiek so bekannt ist. Wo man sich vor Jahren noch im Strandsand aalen konnte, liegen heute nur noch Steine am Ufer. Der Steinstrand drängt von Mukran aus weiter in Richtung Prora und Binz.

„Wir sind zu dem Thema seit einigen Wochen mit Vertretern vom Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt und vom Bergamt im Gespräch“, sagt Schneider. Es gehe darum, die Entwicklung zu stoppen und gegenzusteuern. Eine Möglichkeit wären Aufspülungen an den Stellen, wo der Strandsand in Größenordnungen verschwunden ist. Wer dafür die Kosten tragen könnte, weiß noch niemand: Da sich die Uferlinie nicht verändert hat, sondern nur das Material, das sich am Strand findet, gilt eine Aufspülung nicht als Küstenschutz. Getan werde müsse etwas. „Der Strand ist für den Tourismus an der Prorer Wiek unersetzlich“, sagt Schneider. „Wenn es dort kränkelt, kränkelt die ganze Insel.“

Maik Trettin Interview von Maik Trettin

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