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„Wir sind die letzte Generation“

Bergen „Wir sind die letzte Generation“

Die traditionelle stille Küstenfischerei auf Rügen ist in ihrer Existenz bedroht

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Der zappelfrische Fang findet schon beim Anlanden seine privaten Abnehmer. Frischer geht es nicht. FOTOS (4): HAYO ECKERT

Bergen. „Das sind die letzten Zuckungen, die Rügener Küstenfischerei geht den Bach runter“, beschreibt Jürgen Krieger, Fischer aus Dranske, die Situation. Er wird Ende des Jahres in Rente gehen.

OZ-Bild

Die traditionelle stille Küstenfischerei auf Rügen ist in ihrer Existenz bedroht

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Was ihm dann bleibt, ist ein Rechenexempel. Seine Fangquote liegt auf dem Schiff. Verkauft er diese, erhält er rund 1000 Euro pro Tonne. Das über 30 Jahre alte Holzschiff, an das die Quote gekoppelt ist, hätte noch einen symbolischen Wert. Entscheidet er sich fürs Abwracken, beträgt die Prämie circa 3000 Euro pro Brutto-Raum-Zahl. Wie groß die ist, sagt Krieger nicht, hat sich aber enschieden:

Ende des Jahres wird das Schiff abgewrackt.

Sein junger Fischerkollege Norman Peters aus Glowe sieht sich als die letzte Fischergeneration des seit über 120 Jahren bestehenden Familienbetriebs: „Ich werde den Beruf meinen Kindern nicht empfehlen.“

Alleine vom Fischfang zu leben, sei schwierig, bestätigt Roberto Brandt, Strandfischer in Baabe. „Das geht nur mit Gaststätte und eigener Räucherei. Aber mein Sohn macht auf jeden Fall weiter.“

Es sei überall so, dass die Fischer weniger werden. Es ist ein Problem aller Ostsee-Anrainerstaaten. Das EU-geförderte Projekt „Fishmarket“ aus dem Interreg-Programm unterstützt die Küstenfischer zwar bei der Direktvermarktung. Dennoch hat der an wenigen Fingern abzählbare Nachwuchs dieses Jahrhunderte alten Berufsstandes größere Hürden zu bewältigen.

Matthias Orth aus Wiek kann ein Lied davon singen. Er studierte erst Wirtschaftsingenieurwesen und arbeitete bei einem Automobilhersteller. Kehrte dann aber in den Familienbetrieb zurück – um in eine ungewisse Zukunft zu blicken. Er konnte nicht anders: Fischer ist für ihn der schönste Beruf der Welt. „Aber finanziell empfehle ich es niemandem“, bekräftigt der Jungfischer. Momentan ist Orth im väterlichen Betrieb angestellt. Doch auch als Nachfolger im Familienbetrieb ist es nicht einfach. Wollte er sich eine selbständige Existenz aufbauen, müsste er sich ein Boot mit Fangquote kaufen, oder von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) eine Quote erwerben. Förderung beim Kauf eines Bootes gibt es zwar, aber deren Rahmen ist eng gesteckt. Nur der Kauf von Schiffen, die nicht älter als 30 Jahre, aber auch nicht jünger als zehn Jahre sind, fallen darunter. Einen Investitionskredit bei einer Bank zu erhalten, sei gerade für Jungfischer nahezu unmöglich. Dazu kommt die Gewissheit: Alles, was er jetzt investiert, ist vermutlich für die letzte Fischergeneration der Familie.

„Jungfischern wird es schwer gemacht, neu anzufangen“, bestätigt Norman Peters. Eigentlich ginge es nur, wenn der elterliche Betrieb übernommen wird. Somit könnten nur weitergeführte Familienbetriebe den Erhalt der Küsten- und Boddenfischerei sicherstellen. Peters hat ein passendes Vermarktungssystem gefunden: Direktverkauf durch einen Imbiss, Gaststätte und Fischstand. Durch die eigene Weiterverarbeitung und Selbstvermarktung könne man gut leben. „Müssten wir den gesamten Fang an den Großhandel verkaufen, hätten wir den Betrieb schon schließen müssen“, meint Peters. Da liege der Erlös bei circa 30 Cent pro Kilogramm Hering und 90 Cent pro Kilo Dorsch.

Ähnlich vermarktet auch Fischer Orth: Ein Drittel geht in die Gastronomie, ein weiteres Drittel verkauft er am Fischstand und den Rest an den Großhandel. Küstenfischer, die keine Direktvermarktung machen, hätten es wirtschaftlich sehr schwer. Hinzu kommt, dass die regionale Gastronomie von den Fischern kaum noch Fisch bezieht.

Die gesamte Küstenfischerei leidet unter den Quotenkürzungen der letzten Jahren. Hatte Orth vor ein paar Jahren noch eine Heringsquote von 60 Tonnen, sind es jetzt noch 30. Die Dorschquote von Peters betrug vor zwei Jahren 23 Tonnen, in diesem Jahr bleiben noch vier. Damit ließe sich gerade mal ein Umsatz von 8000 Euro erzielen.

„Wenn ich meine 25 Tonnen Hering komplett an den Großhandel abliefere, mache ich einen Umsatz von 8000 bis 10000 Euro. Das ist nicht viel“, erklärt Brandt. Pro Tonne Hering müssten mindestens 500 Euro gezahlt werden. Die niedrigen Quoten müssen die Fischer über einen längeren Zeitraum strecken, um sie nicht zu schnell abzufischen. „Wenn es gut läuft, kann ich die Heringsquote von zehn Tonnen in circa zehn Tagen rausholen“, klagt Jürgen Krieger.

Wenn da nicht gegengesteuert wird, gibt es in 20 Jahren nur noch zehn bis zwölf Haupterwerbsfischer auf Rügen, meint Orth. Damit sterbe die traditionelle stille Küstenfischerei als Kulturgut nahezu aus.

Hayo Eckert

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