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Stralsund Allein auf Kniepers Straßen
Vorpommern Stralsund Allein auf Kniepers Straßen
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00:00 28.08.2018
Stralsund

Es ist 12 Uhr. Mathias Trenner betritt sein Zehn- Quadratmeterbüro in der Lion-Feuchtwanger-Straße. Er legt seinen schwarzen Textilrucksack ab und schaltet den Rechner ein. Der Lüfter rauscht kurz und laut auf. „Gerade gestern war ein Computerspezialist da. Er meinte, es wäre alles fein“, sagt Trenner. Dabei hatte er in den letzten Wochen immer wieder Probleme mit dem Internet. Trenner öffnet die Datei mit seinen Dokumentationen. Drogenprobleme, soziale Phobien, Rechtsradikalismus: „Im Moment betreue ich etwa 25 Einzelfälle zwischen zehn und 27 Jahren“, sagt der bunttätowierte Streetworker von Knieper – der einzige in ganz Stralsund.

Mathias Trenner ist nun seit drei Jahren Streetworker im Stadtteil Knieper. Die Jugendlichen nennen ihn kurz „Matze“. Quelle: Foto: Moritz Naumann

Mathias Trenner ist in Grünhufe aufgewachsen. „Die Stadt hatte in den Neunzigern ein Problem mit Neonazis.“ Als Jugendlicher rebelliert er, wird zum Punk, zu einer „Zecke“, wie er heute sagt. Er gerät in „Hauereien“ mit Rechtsradikalen, provoziert die Polizei und muss Sozialstunden leisten. „Würde ich mich heute als jungen Mann auf der Straße sehen, wäre ich meine Zielgruppe“, sagt Trenner.

Mit 15 Jahren gerät er in das Umfeld des Stralsunder Speichers. „Ein Glücksfall“, sagt er, denn von den Sozialarbeitern dort fühlt er sich respektiert und angenommen. Das Blatt für den damals 15-Jährigen wendet sich.

„Unsere Gesellschaft ist defizitorientiert, wenn es um Jugendliche geht“, sagt der gelernte Erzieher und studierte Pädagoge, während er die Aufzeichnungen seiner Einzelfallbetreuungen durchgeht. Er erzählt, dass er vor wenigen Wochen im Strelapark einkaufen war. Auf dem Parkplatz entdeckt er zwei Jugendliche mit einem Einkaufskorb. „Einer hatte einen Helm auf, saß in dem Korb und der andere hat geschoben.“ Vorbeigehende Menschen schütteln ihre Köpfe. Trenner geht zu den Jugendlichen und spricht sie freundlich an. Wie man den jungen Menschen begegnet sei entscheidend. „Die Jungs hatten eine Kamera dabei und filmten verrückte Aktionen für ihren Youtube-Kanal. Sie sind kreativ. Das ist wichtig.“ Der Streetworker bietet ihnen seine Hilfe an. „Man könnte ja ein Projekt daraus machen, andere mit einbeziehen.“ Vielen Jugendlichen fehle es nämlich an Angeboten für ihre Interessen. Er sieht es als seine Aufgabe an, ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen oder gar welche zu schaffen.

Für gewöhnlich beginnt der frühere Horterzieher den Tag mit Bürokratie. Sachberichte, Fahrtenbuch, Arbeitszeiterfassung: „25 Prozent meiner Arbeitszeit finden im Büro statt, mehr darf es nicht sein.“ Es ist 16 Uhr. Trenner fährt den Rechner herunter, schnappt sich den Rucksack von der grün-braun-karierten Couch und schließt sein Büro ab. „Ich mache heute eine kleine Runde. Es regnet.“ Er wandert über den Teichhof. Hier habe es vor wenigen Monaten Ärger gegeben. Über mehrere Tage haben etwa 60 Personen auf den Sportplätzen gefeiert, laut Musik gehört und Drogen konsumiert. „Überall waren Scherben.“ Heute tummeln sich nur ein paar Jugendliche auf dem Gelände, welches ein zentraler Treffpunkt in dem Stadtteil ist. „Hallo Matze“ heißt es immer wieder. Ein paar Meter weiter, auf den breiten Stufen der Marie-Curie-Schule, trifft der Streetworker auf eine Gruppe von knapp 15 Jugendlichen. Vor dem Regen geschützt, unter dem Vordach der Schule, vertreiben sie sich ihre Zeit.

Trenner schüttelt allen die Hand und fragt was die wohl etwa 13 bis 18-Jährigen am Wochenende planen. „Ich gehe auf das Holy-Fest“, sagt eine der Jugendlichen. „Ich bin beim Tag der offenen Tür in Parow“, sagt ein anderer. Manchmal ist Trenner mehr als vier Stunden unterwegs. Er geht von Gruppe zu Gruppe, bietet sein offenes Ohr, hilft bei Familienproblemen oder bürokratischen Hindernissen und versucht die jungen Leute für seine Angebote zu begeistern. „Wir waren zum Beispiel mit 15 Jugendlichen in Berlin zu einer Exkursion für politische Bildung.“

Angestellt ist Trenner beim Kreisdiakonischen Werk. Seine Position ist eine Projektstelle der EU, die jedes Jahr neu beantragt werden muss. „Es herrscht immer Unsicherheit darüber, wie es weitergeht“, sagt der 37-Jährige. Er hofft, irgendwann unbefristet eingestellt zu werden. Außerdem benötige Stralsund mehr von seiner Sorte: „Es gäbe so viel zu tun. Auch in Grünhufe gibt es viele Jugendliche, die Hilfe brauchen. Ein Netzwerk von Streetworkern in der ganzen Stadt wäre erstrebenswert.“

Moritz Naumann

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