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Stralsund Alles kreist um’s Geschichtenerzählen
Vorpommern Stralsund Alles kreist um’s Geschichtenerzählen
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21:55 08.06.2018

Sie haben schon so viele Bücher mit unterschiedlichen Themen geschrieben, woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Der Autor Martin Baltscheit stellte sich den Fragen von Sophie Heinen. Quelle: Foto: Sophie Heinen

Martin Baltscheit: Das ist Zufall. Das ist so: Wie kommst du darauf, dass du diese Bluse anhast? Wie kommst du darauf, dass du nun diese Brille trägst? Wie kommst du darauf, dieses Praktikum oder jenes Studium zu machen? Also ich habe das Glück, dass ich mich entfalten kann, nach meinen Fähigkeiten und meinen Talenten. Und habe darüber hinaus das Glück, mit den Dingen, die ich mache, so viel Geld zu verdienen, dass immer, wenn ein Thema kommt, von dem man sagt, ,Uh, das möchte ich jetzt machen!’, ich das dann auch machen kann. Es klappt nicht immer, die Schublade ist voll mit Dingen, die einmal ganz heiß waren, ganz aufregend, unbedingt geschrieben werden wollten. Wo dann zu viel dazwischen kam und man sie nicht machen konnte. Bei denen man hofft, eines Tages kommt der Zeitpunkt, an dem man die noch machen kann. Und dann muss man hoffen, dass das Feuer noch brennt.

Sie haben Projekte in vielen verschiedenen Bereichen. Wie koordinieren Sie das?

Am besten ist es, wenn es sich abwechselt. Ich habe lange Zeit immer geglaubt, ,Oh, aus dir wird nichts, weil die echten Künstler immer nur eins machen’. Ich bin kein Multitalent, und auch kein Generalist, denn es gibt wahnsinnig viele Dinge, die ich nicht kann. Eigentlich habe ich eine Inselbegabung, ich erzähle Geschichten. Ich kann zeichnen, und ich kann schreiben, und ich kann sprechen und erzählen und ein bisschen schauspielern. Aber eigentlich ist es immer das Geschichtenerzählen. Und darum kreist alles. Wenn ich eine Weile geschrieben habe, habe ich total Lust, zu malen. Und dann male ich wieder ein paar Wochen. Und wenn ich dann am Ende einer Entwicklung oder Arbeit bin, habe ich wieder Lust zu schreiben. Oder einen Film zu konzipieren oder was anderes zu machen. Und dann bin ich happy.

Haben Sie eine strikte Arbeitsweise?

Jeder hat seine Routinen. Ich hab Familie, vier Kinder, drei sind noch Zuhause. Es ist schwer, Familie und Beruf überein zu kriegen, ohne, dass das so ausgeht wie bei Thomas Mann. Da mussten ja alle nach seiner Pfeife tanzen, und den ganzen Tag still sein. So ist es bei uns nicht. Aber sagen wir mal, wenn alle gesund sind, dann fange ich morgens um acht an und höre nachmittags zwischen vier und fünf auf. Aber – Ruhe ist wichtig.

Sie haben die App „Ein Löwe – Ein Lese- und Schreibabenteuer“ designt und sind dafür ausgezeichnet worden. Wie denken Sie, könnte man junge Leute mehr für das Lesen und Literatur begeistern?

Gar nicht. Das ist die iPad-Generation, die wird nicht lesen. Das ist einfach so. Wir haben jetzt schon sechs Millionen Leser weniger. Die werden auch nicht mehr lesen. Vielleicht fangen die Kinder von denen wieder an zu lesen. Es gab mal so eine Werbekampagne „Erschrick deine Eltern, lies ein Buch.“ Vielleicht kommt das wieder. Also ich will nicht so pessimistisch sein. Aber es braucht eine Gegenbewegung. Und ich habe so viel gelesen über Entwicklung von Kindergehirnen. Wenn du die nicht – wie einen Garten – pflegst und förderst und fütterst, dann wächst da nichts.

Was halten Sie davon, digitale Medien zur Förderung der Literatur zu nutzen?

Gar nichts. Das ist so, als würde man fragen: „Glaubst du, dass man mit Fahrradfahren das Schwimmen fördern kann?“ Nö. Wenn du Fahrradfahren schön findest, wirst du nicht schwimmen. Zum Beispiel wenn ich an die Digitalisierung in den Schulen denke. Ich weiß gar nicht, was das soll. Irgendwann haben alle Eltern zu Hause iPads. In der Schule musst du basteln, begreifen, singen, tanzen, musst du Sport machen, musst du spielen, musst du rausgehen.

Was würden Sie jemandem raten, der einen Job in der Literatur- oder Medienbranche in Betracht zieht?

Ich würde sagen, das Wichtigste ist, dass du an gute Lehrer gerätst. Das können dein Onkel, dein Vater oder dein Chef sein. Ein guter Lehrer ist jemand, der dir Türen, die bereits in dir vorhanden sind, öffnet. Ein bisschen früher, ehe du vielleicht von alleine darauf kommst. Such dir Lehrer, entwickle dich, zeig das. Aber: Nicht am Anfang schon denken, ich bin der Größte. Man muss das Talent ausbilden. Das ist ganz wichtig.

Konnten Sie einen Eindruck von Stralsund bekommen und sind Sie öfter in Kleinstädten unterwegs?

Ich bin da, wo man mich so hinschickt. Hier bin ich echt gerne. Es ist wirklich eine wunderschöne Zeit. Wir haben Glück mit dem Wetter und die Leute waren nett. Also ich mag es.

Unterwegs auf vielen künstlerischen Spielwiesen

Martin Baltscheit, geboren 1965 in Düsseldorf, ist vor allem als Kinderbuchautor bekannt geworden. Einen Namen machte er sich auch als Illustrator, Comiczeichner, Schauspieler und Regisseur.

In Essen studierte Baltscheit Kommunikationsdesign an der Folkwangschule. Er lebt mit seiner Familie nach wie vor in Düsseldorf.

In Stralsund war der Autor zu Gast zum Festival Buch & Bühne. Dort las er unter anderem aus seiner Novelle „Die Belagerung“, die bereits 2005 erschien. Darin thematisiert er eine wahre Begebenheit aus den 1920er-Jahren. In dieser Zeit herrschte in Russland ein besonders strenger Winter. Ein Dorf, das von der Außenwelt abgeschnitten war, musste sich gegen ein besonders großes und hungriges Wolfsrudel verteidigen.

Interview von Sophie Heinen

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