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Branche beklagt ein Problem: Es kommen kaum noch Fachkräfte nach

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Ein Blick in die Ossenreyerstraße der Hansestadt zur Hochzeit der Urlaubssaison. Immer mehr Touristen zieht es in die Region. Sie alle wollen sich im Urlaub in Hotels und Gaststätten verwöhnen lassen – von motivierten Fachkräften.

Quelle: Foto: Stefan Sauer

Stralsund/Greifswald. Ein opulentes Frühstücksbüfett, nach dem Strandspaziergang in ein Café oder auf die Massagebank im hoteleigenen Spa: Noch haben Hotels zwischen Fischland-Darß-Zingst, Rügen und Usedom in der Wintersaison keine personellen Engpässe, um Gäste zu verwöhnen. Doch die Tourismusbranche in Vorpommern steuert für die Saison auf einen größeren Fachkräftebedarf zu als im Vorjahr.

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Branche beklagt ein Problem: Es kommen kaum noch Fachkräfte nach

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In der Arbeitsagentur Greifswald mit der Insel Usedom als touristischem Hotspot sind 296 freie Stellen gemeldet, 53 mehr als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. In der Nachbar-Arbeitsagentur Stralsund, die für Rügen und die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst zuständig ist, hat die Branche 645 freie Stellen gemeldet, 75 mehr als im Vorjahr. „Und das ist nur der erste Aufschlag“, sagt der Stralsunder Agentur-Sprecher Christian Glaser. Die Stellenofferten nähmen noch zu.

Die Tourismusbranche bestätigt das Problem. „Es kommen kaum noch Fachkräfte nach. Die Situation wird von Jahr zu Jahr schwieriger“, sagt der Dehoga-Sprecher für Vorpommern-Rügen und Hotelier aus Baabe, Ralf Schlüter. Inzwischen könnten Lücken vielfach nur noch mit Hilfe ausländischer Arbeitskräfte gedeckt werden. Im Strandhotel Baabe, dem Schlüter vorsteht, kommen etwa 25 seiner 80 Mitarbeiter aus dem Ausland.

Die Agenturen verzeichnen für die Branche zwar im Winter noch einen deutlichen Überhang an Arbeitslosen (2900 in Vorpommern-Greifswald, 3800 in Vorpommern-Rügen). Ein Widerspruch? Nicht unbedingt, heißt es aus den Arbeitsagenturen. Nicht jeder Arbeitssuchende passe auf die angebotene Stelle. Sei es der zu lange Arbeitsweg, eine fehlende Wohnung vor Ort oder die mangelnde Bereitschaft Alleinerziehende zu beschäftigen.

Der Fachkräftebedarf in der wichtigsten Wirtschaftsbranche Vorpommerns nimmt in den nächsten Jahren weiter zu. Grund ist der demografische Wandel. „Wir haben jährlich zweieinhalb mehr Arbeitnehmer, die in Rente gehen, als Schulabgänger“, sagt der Chef der Arbeitsagentur Greifswald, Heiko Miraß. Nachwuchs wird Mangelware: Im Jahr 2016 blieben in Vorpommern-Greifswald 309 Ausbildungsplätze – davon 145 in Hotel- und Gastroberufen – unbesetzt. In Vorpommern-Rügen entfielen von 158 unbesetzten Plätzen 91 auf die Branche. „Die Berufe im Hotel- und Gaststättengewerbe scheinen bei Jugendlichen ein Image-Problem zu haben“, sagt Glaser.

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) macht die unattraktiven Arbeitsbedingungen, voran die zu anderen Bundesländern niedrigeren Löhne, dafür verantwortlich. „Die Branche hat ein Problem und das muss dringend gelöst werden“, sagt NGG-Geschäftsführer Jörg Dahms. Das Hotel- und Gaststättengewerbe stehe im Wettbewerb mit Branchen, die besser bezahlen. „Es muss wieder lukrativ werden, im Hotel- und Gaststättengewerbe seine Bewerbung abzugeben.“ Ändere sich das Lohngefüge nicht, falle dies der gesamten Branche auf die Füße.

Nach dem jetzigen Stand verdient ein Koch im 1. Berufsjahr im Monat mit 1545 Euro brutto nur 16 Euro mehr als wenn er nach Mindestlohn bezahlt werden würde. Die Differenz zwischen dem Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde für den ungelernten Mitarbeiter und einem mit dreijähriger Ausbildung müsse größer werden, sagt Dahms. Die Gewerkschaft erwägt, den Tarifvertrag zu kündigen. Entscheiden müsse dies die Tarifkommission.

Die Arbeitsagenturen raten den Unternehmen inzwischen zu einer ganzjährigen Beschäftigung ihrer Mitarbeiter. Vor allem die Winterentlassungen in der Tourismusbranche sorgen auf Rügen für den bundesweit höchsten saisonalen Anstieg der Arbeitslosigkeit. „Das ist schon erstaunlich“, sagte Gunther Gerner von der Arbeitsagentur in Stralsund. Inzwischen erfolgten die Stellenmeldungen aus dem Hotel- und Gastronomiebereich meist schon kurz nach dem Weihnachtsgeschäft. Dabei müssten die Personalbedarfe zu diesem Zeitpunkt für die nächste Saison bereits feststehen. Mit Arbeitszeitkonten könnten Mitarbeiter über die Wintermonate gebracht werden.

Doch größere Arbeitszeitkonten würde nach Ansicht des Dehoga-Sprechers und Hoteliers Schlüter das Arbeitszeitgesetz verhindern. Das ließe nur in Ausnahmesituationen zu, dass zehn Stunden am Stück gearbeitet werden dürfe. „Wenn man legal versucht, etwas zu gestalten, wird es für Arbeitnehmer und Arbeitgeber schwierig", so Schlüter. Die NGG hat Widerstand gegen die Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes angekündigt.

Um die Lücke in den Sommermonaten zu schließen, besorgen sich Hotels ihre Mitarbeiter im Ausland, nicht nur über die ZAV, die zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Arbeitsagentur, sondern über ausländische Personalagenturen. „Unternehmen zahlen dafür inzwischen Provisionen“, sagt Schlüter.

Landesweit arbeiten 36000 Beschäftigte im Hotel- und Gastgewerbe in MV. Nach Angaben des Dehoga-Landesverbandes ist die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs gestiegen, um 600 bis 1000 pro Jahr, so Landesgeschäftsführer Matthias Dettmann. In einem vom Bund geförderten Modellprojekt „Guter Gastgeber, guter Arbeitgeber“ in 15 Betrieben des Landes werde ausprobiert, wie die Lasten einer ganzjährigen Beschäftigung getragen werden können. Ziel sei es, mehr Arbeitnehmer ganzjährig zu beschäftigen.

Freie Stellen und unbesetzte Ausbildungsplätze

645 freie Stellen, 75 mehr als im Vorjahr, sind aktuell im Hotel- und Gaststättenbereich bei der Arbeitsagentur Stralsund gemeldet. Bei der Agentur in Greifswald sind es in der Branche 296 freie Stellen, 53 mehr als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres.

Landesweit arbeiten in MV 36000 Beschäftigte im Hotel- und Gastgewerbe.

158 unbesetzte Ausbildungsplätze registrierte die Arbeitsagentur Stralsund 2016. Davon entfielen 91 auf die Hotel- und Gastronomiebranche. In der Nachbaragentur Greifswald war das Verhältnis im letzten Jahr 309 zu 145.

Ein Koch im 1. Berufsjahr verdient 1545 Euro brutto im Monat – gerade mal 16 Euro mehr als wenn er nach Mindestlohn bezahlt werden würde.

Tourismus ist Königsklasse – Löhne nur Kreisklasse

Sollten die Löhne nicht steigen, sieht Jörg Dahms, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) die Branche vor großen Problemen.

Der gesetzliche Mindestlohn ist zum 1. Januar von 8,50 auf 8,84 Euro pro Stunde gestiegen. Die Gewerkschaft könnte doch zufrieden sein?

Jörg Dahms: Nein. Denn Fachkräfte mit einer soliden Ausbildung dürfen nicht nach Mindestlohn bezahlt werden. Ein Koch im ersten Berufsjahr verdient derzeit pro Monat 16 Euro mehr als wenn er nach Mindestlohn bezahlt werden würde. Das kann nicht sein. Es handelt sich um einen kreativen und anspruchsvollen Beruf. Entlohnt wird er aber wie ein ungelernter Mitarbeiter. Der Tourismus spielt in der Königsklasse, doch die Löhne bewegen sich in der Kreisklasse.

Was wollen Sie tun?

Es wird uns als Gewerkschaft nichts anderes übrig bleiben, als den Tarifvertrag zu kündigen. Entscheiden muss dies aber die Tarifkommission. Der neue Tarifvertrag muss sich so ändern, dass es wieder lukrativ wird, im Hotel- und Gaststättengewerbe seine Bewerbung abzugeben, beziehungsweise seinen Kindern zu empfehlen, in dieser Branche eine Ausbildung zu machen. Die Branche hat ein Problem und das muss dringend gelöst werden.

In der Hotel- und Gaststättenbranche sind inzwischen viele ausländische Arbeitnehmer beschäftigt. Ist das eine Lösung?

Die Branche benötigt Fachkräfte, dies können auch ausländische Arbeitnehmer sein. Ausländische Arbeitnehmer müssen aber hier leben. Und wer die Not dieser Menschen ausnutzt, um sie billig zu beschäftigen, der handelt nicht ehrenwert.

Die Hotel- und Gaststättenbranche wünscht sich mehr Flexibilität im Arbeitszeitgesetz. Was sagt die Gewerkschaft dazu?

Schon zehn Stunden Arbeitszeit sind zwei Stunden zu viel. Eine Ausweitung des Arbeitszeitgesetzes wäre der Sargnagel für die Branche. Es würde den Beruf noch unattraktiver machen.

Martina Rathke

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