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Auf dem rechten Auge blind?

Stralsund Auf dem rechten Auge blind?

Die Doku „Blut muss fließen“ rüttelt auf. Stralsunder Schüler kamen mit Regisseur Peter Ohlendorf ins Gespräch.

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Stralsunder Schüler sahen die beeindruckende Dokumentation „Blut muss fließen“.

Quelle: filmfaktum

Stralsund. Der Sänger grölt Gewaltparolen, die Skinheads toben, und die Arme gehen hoch zum Hitlergruß: Als der Journalist Thomas Kuban zum ersten Mal ein Neonazi-Konzert mit versteckter Kamera dreht, ermöglicht er Einblicke in eine Jugendszene, in die sich kaum ein Außenstehender hineinwagt.

Sechs Jahre später hat er rund vierzig Undercover-Drehs hinter sich, auch in Ländern jenseits deutscher Grenzen. Noch einmal vier Jahre später liegt das Ergebnis vor: der Dokumentarfilm „Blut muss fließen — Undercover unter Nazis“ ist nicht nur in seiner Thematik und Herstellung beeindruckend, sondern er ist das Gesamtpaket, das einem oft vor Erstaunen, aber auch vor Entsetzen den Mund offen stehen lässt. Wie blind sind wir, wie blind ist der Staat tatsächlich auf dem rechten Auge? Angesichts der Dokumentation des Regisseurs Peter Ohlendorf nicht nur kurz vor den Bundestagswahlen eine berechtigte Frage.

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Stralsunder Schüler sahen die beeindruckende Dokumentation „Blut muss fließen“.

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In der vergangenen Woche hatten Schüler der Integrierten Gesamtschule Grünthal, des Goethe- und des Hansa-Gymnasiums an der Fachhochschule die Möglichkeit, den Film „Blut muss fließen“ zu sehen und mit dem Regisseur des Streifens ins Gespräch zu kommen. „Natürlich war der Film beeindruckend“, sagt Hansa-Gymnasiast Arne Geleschun. „Aber das eigentlich Spannende war die Diskussion im Anschluss.“

Dieses Angebot nutzten die Schüler der Klassenstufe 11 reichlich.

Großes Interesse galt der Person Thomas Kuban. Schafft es ein Mensch, wieder ein normales Leben zu beginnen, nachdem er sich in die Szene einschlich, über Jahre mit einer versteckten Kamera Filmaufnahmen in ganz Europa machte? „Nur sehr schwer“, erklärte Peter Ohlendorf. In den sechs Jahren der Arbeit an dem Film hatte Thomas Kuban nahezu kein Privatleben. Mit über 40 virtuellen Identitäten war er im Netz unterwegs, um in die Szene zu kommen und schließlich an den Rechtsrock-Konzerten teilzunehmen, konfrontiert mit menschenverachtenden Texten, verdrehten Ideologien und Ansichten und verfassungsfeindlichen Symbolen. Das alles oftmals geduldet von Polizei und Politik, wie es immer wieder im Film gezeigt wird.

Dass es sich um ein unbequemes Thema handelt, erfuhr das Team um Kuban und Ohlendorf immer wieder. „Es gelang nicht, für die Produktion einen Sender zu finden, und in der Folge waren auch die Türen zur Filmförderung verschlossen“, erzählt Ohlendorf. Auch wenn der Film im vergangenen Jahr auf der Berlinale lief und viel Lob erhielt, ist er bis heute nicht refinanziert.

Ob es in Deutschland Unterschiede im Umgang mit den Nazi-Problemen gebe, fragte Phillipp Mroczek. Das konnte Peter Ohlendorf zwar bejahen, wollte es aber nicht an Ost und West festmachen. „Die Szene wächst zwar nicht, aber sie hat eine hohe Stabilität“, sagt Regisseur Peter Ohlendorf. Das Gefährliche sei zudem, dass sie immer mehr in der bürgerlichen Mitte Fuß fasse.

Auf die Frage, was man als Einzelner gegen die Nazis unternehmen könne, hatte der Regisseur einfache Antworten: Engagement, nicht wegschauen und keine Diskussion scheuen. „Wir leben in einer Demokratie, und wir können diese Gesellschaft mitgestalten. Das sollten wir nutzen.“ Aktionen wie „Rock gegen Rechts“ in der Hansestadt seien der richtige Weg. „Dieses Engagement zu sehen, macht Laune“, so Ohlendorf.

Deshalb und vor allem aus Respekt vor der Arbeit, die Thomas Kuban über Jahre leistete, ist der Regisseur mit dem Film unterwegs. „Wir sind an Schulen und wollen vor allem dorthin, wo es brennt.“

 

Miriam Weber

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