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Stralsund Ausgleichsflächen werden knapp
Vorpommern Stralsund Ausgleichsflächen werden knapp
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00:01 26.03.2016
Auch der Bau von Windenergieanlagen, wie hier an der A20 zwischen Tribsees und Grimmen erfordert Ausgleichsmaßnahmen. Quelle: Norbert Fellechner, Lena Roosen, Anika Wenning, Frank Levermann.

Überall im Landkreis, vor allem aber auf der Insel Rügen, entstehen derzeit große Bauprojekte. Ob Hotel oder B96n — in der Regel erfordern diese Projekte so genannte Ausgleichsmaßnahmen, mit denen der Eingriff in die Natur kompensiert werden soll. Jede Bodenversiegelung und jede Baumfällung wird aufgenommen und mit entsprechenden Ersatzmaßnahmen belegt.

Häufig geschieht das in Form von Renaturierungsflächen, auf denen sich die Natur ihr Territorium zurückerobert oder durch Baumpflanzungen.

Doch die Flächen, auf denen solche Maßnahmen überhaupt umgesetzt werden können, werden knapp. „Es ist nicht leicht, geeignetes Land zu finden“, klagt etwa Rambins Bürgermeister Christian Thiede (FDP). „Unsere letzte große Fläche, die wir für den Ausgleich eines Wohngebietes eingeplant hatten, hat die Deges übernommen und erweitert, die haben für den Bau der B96 dringend Ausgleichsflächen benötigt.“ Die Lage in einem Vogelschutzgebiet mache die Sache noch komplizierter, meint der Bürgermeister. Dort müssten strenge Auflagen erfüllt werden. „Wir wollten für die Versiegelung von landwirtschaftlichen Wegen als Ausgleichsmaßnahme eine Allee an genau diesen Wegen pflanzen. Das wurde uns nicht genehmigt“, berichtet Thiede. „Dabei wollten wir doch den Ausgleich so nah wie möglich an der Eingriffsfläche haben. Jetzt müssen wir versuchen auf andere Flächen auszuweichen, die deutlich weiter entfernt sind.“

Gebaut wird in Gemeinde A — ausgeglichen in Gemeinde B. Diese Entwicklung könnte zukünftig auch weiter fortschreiten. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es für Vorhabenträger seit 2010 nicht nur die Möglichkeit die Ausgleichsmaßnahmen direkt vor Ort durchzuführen, sondern als Alternative Ersatzmaßnahmen im gleichen Naturraum zu schaffen. „Prinzipiell ist diese Lösung ja nicht verkehrt, aber wenn in Bergen gebaut wird und dafür in Binz Bäume gepflanzt werden, ist das ja Unsinn“, merkt Rainer Starke, Bauamtsleiter der Stadt Bergen, an. „Wir haben als Stadt vorgesorgt und Ausgleichsflächen für Baumaßnahmen reserviert.“

„Natürlich sollte man prinzipiell einen Ausgleich immer möglichst nahe an der Stelle vornehmen, wo auch der Eingriff stattgefunden hat“, meint Hardo Wanke von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises. „Aber das ist eben nicht in allen Fällen möglich.“ Man müsse auch den ökologischen Sinn von Kleinstmaßnahmen hinterfragen. „Je größer eine Fläche ist, die zum Beispiel renaturiert wird, desto größer ist der Nutzen für die Natur.“

Seit 2010 kann der Ausgleich mithilfe der sogenannten Ökokonten vorgenommen werden, von denen es bereits 35 im Landkreis Vorpommern-Rügen gibt. Der Vorhabenträger geht in „Vorleistung“ und sammelt durch Kompensationsmaßnahmen auf einer Fläche Punkte auf einem Konto. Die können dann für die Ausgleichsmaßnahmen eines Bauvorhabens abgebucht werden. Wichtig ist nur, dass Ausgleich und Eingriff im gleichen Naturraum stattfinden, also beispielsweise im „Vorpommerschen Flachland“ oder im „Ostseeküstenland“.

„Es gibt im Kreis wirklich gelungene Beispiele, etwa eine 64 Hektar große Fläche bei Langenhanshagen, auf der Naturwald entsteht“, berichtet Hardo Wanke. Auch ein 33 Hektar großes Stück Land bei Bad Sülze gehört zu den Vorzeigeprojekten des Landkreises. Hier findet eine Moor-Renaturierung statt. Weitere Kompensationsflächen gibt es zum Beispiel in Prosnitz auf Rügen (Waldumbau und Aufforstung) und nördlich von Barth (extensives Grünland). Auch die Stadt Ribnitz-Damgarten besitzt ihr eigenes Ökokonto mit der Nummer VR08, damit ist eine Fläche bei Ahrenshagen verbunden, auf der Naturwald und Sukzessionsflächen entstehen.

Gleich über mehrere eigene Ökokonten verfügt Thomas Sternberg mit seinen Gesellschaften Een und Windpark Miltzow. Der Windmüller, der unter anderem auch Windenergieanlagen auf Wittow betreibt, findet das Ökokontensystem gut. „Beim Bau von Windkraftanlagen werden natürlich auch Ausgleichsmaßnahmen fällig“, sagt er. „Mir gefällt, dass man mit den großen Kompensationsmaßnahmen ökologisch wirklich etwas erreichen kann“.

Aktuelles Projekt Sternbergs ist der Abriss und die Renaturierung einer Stallanlage bei Bremerhagen. Auf dem verwilderten rund drei Hektar großen Grundstück war bis zur Wende eine Putenmastanlage und ein Rinder- und Schweinestall untergebracht. Für das Auge nicht sichtbar ist das größte bauliche Problem. „Asbest in den Dächern und in den Zwischendecken“, sagt Sternberg. Was anderen Grundstückseigentümern die Tränen in die Augen treiben würde, sieht Sternberg gelassen. „Für mich ist die Fläche nur zum Renaturieren wichtig. Die Asbestentsorgung ist teuer, aber das ist es wert“, berichtet er. Praktisch für den Windmüller: Die Renaturierung der Fläche füllt nicht nur das Ökokonto — die asbestfreien Gebäudeteile und Bodenplatten werden geschreddert und können später für die erforderlichen Kranflächen an den geplanten Windrädern verwendet werden.

„Wir werden das gesamte Gebiet entsiegeln, also die alten Betonplatten rausnehmen, die hier verlegt sind“, berichtet Sternberg. Das marode Grabensystem wird wiederhergestellt, um eine Flachwasserzone zu errichten, die besonders für Amphibien attraktiv sein wird. „Letztendlich wird dann das gesamte Gebiet sich selbst überlassen, die Natur erhält es zurück.“

Ökokonten in Vorpommern-Rügen

Wer in Natur und Landschaft eingreift, ist gesetzlich verpflichtet, dabei entstehende Beeinträchtigungen von Naturhaushalt und Landschaftsbild zu vermeiden.

Unvermeidbare Beeinträchtigungen müssen durch geeignete Maßnahmen kompensiert werden. Diese Kompensation kann am Ort des Eingriffs geschehen, oder — wenn das nicht möglich ist — an anderer geeigneter Stelle (Ersatzmaßnahme). Eine Alternative ist die Abbuchung von Kompensationspunkten von einem Ökokonto.

Ökokonten sind Guthaben, in denen Punkte gesammelt werden, die sich durch bereits vorgezogene Kompensationsmaßnahmen (Renaturierung, Aufforstung) ergeben. Bei zukünftigen Eingriffen wie Bauvorhaben können Bauträger dann geeignete Maßnahmen von diesem Konto abbuchen.

35 Ökokonten gibt es derzeit im Kreis Vorpommern-Rügen, 6 davon sind bereits „verbraucht“, 14 sind frei handelbar.

Von Anne Ziebarth

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