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Begegnungen sind bestes Gedächtnistraining

Stralsund Begegnungen sind bestes Gedächtnistraining

Der Stralsunder Jürgen Tesmer erzählt, wie er seinen Alltag im Seniorenheim verbringt.

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Stralsund ist meine Stadt.“Jürgen Tesmer (79), lebt im Seniorenheim

Stralsund. „Wenn es nicht mehr klappt, miteinander zu reden, ist man einsam. Und einsam ist auch, wer sich verbarrikadiert“, ist Jürgen Tesmer überzeugt.

Fehlende Kommunikation stellt aus seiner Sicht die größte Bedrohung für das Gedächtnis dar.

Seit einem Jahr lebt der 79-Jährige im Seniorenzentrum St. Josef am Jungfernstieg. Hier gefällt es ihm besser als zuletzt in dem Hochhaus, wo er 17 Jahre lang wohnte. Dort habe er kaum gewusst, wer die anderen Mieter waren. Jetzt lädt er seine Mitbewohner regelmäßig zu Nachmittagen in niederdeutscher Sprache ein.

Er bedauert sehr, dass immer weniger Menschen des Plattdeutschen mächtig sind. „Das ist doch eine ganz andere Kommunikation, und man kann sich oft auch besser die Wahrheit sagen, weil es nicht so brutal klingt“, betont er. Das Niederdeutsche ist bei ihm auch Ausdruck seiner Liebe zu Stralsund, dem er trotz einiger Widrigkeiten immer treu blieb.

So wurde er nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 festgenommen, weil er sich nicht an die Ausgangssperre hielt. Einige Freunde und Bekannte hat er danach Richtung Westen fortgehen sehen. Er aber blieb. „Denn das ist meine Stadt“, wird er nicht müde zu sagen. Seine Heimatverbundenheit schlägt sich beispielsweise auch in einem ausgeprägten Interesse für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums nieder.

Jürgen Tesmer wirkt nicht wie einer, der mit seiner Meinung hinter dem Berg hält. Er habe stets sehr offen mit seinem Vater gesprochen, erinnert er sich. Dieser sprach viel über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg oder in russischer Gefangenschaft, „so dass er eigentlich immer mehr wie ein großer Bruder für mich war“.

Im Berufsleben hat sich Tesmer mit seiner offenen Art nicht nur Freunde gemacht. Oft musste er sich nach einer neuen Tätigkeit umschauen. Deshalb war der gelernte Kfz-Elektroschlosser auch Polizist und Soldat oder leitete eine Behindertenwerkstatt. Bisweilen war er aber auch gerade wegen seiner Unvoreingenommenheit gefragt.

1967 kam ihm zugute, dass er, der am Hafen aufgewachsen war und damit immer mal wieder Brocken aus anderen Sprachen aufgeschnappt hatte, als einziger in seinem Betrieb etwas Arabisch konnte. Deshalb kümmerte er sich fünf Monate lang um eine Gruppe Araber, die im selben Heim wie seine Lehrlinge wohnen sollten.

Kurz zuvor hatte er sich mit der Geschichte des Osmanischen Reichs befasst. „Ich wusste also schon etwas über den Islam und konnte die Stifte auf einiges vorbereiten. Da gab es dann keinen Ärger etwa wegen der häufigen Gebete. Damals war das ja noch völlig ungewöhnlich“, blickt er zurück. Seit diesen Erlebnissen steht für ihn fest: „Durch Kommunikation taucht immer wieder was auf.“ Umso mehr befremdet es ihn heute, wenn Ausländer nur mit Vorbehalten aufgenommen werden oder auf Dauer schlecht integriert sind.

Ein wichtiger Motor in Tesmers Leben war die schwere Krankheit seiner inzwischen verstorbenen Frau, die wegen Multipler Sklerose (MS) fast ein halbes Jahrhundert auf den Rollstuhl angewiesen war.

1988 rief er eine Sportlerrunde ins Leben, der neun Behinderte angehörten, 1991 eine Gruppe für MS-Kranke.

Auch in diesem Zusammenhang kommt er wieder auf die aus seiner Sicht niemals zu unterschätzende Bedeutung von Kommunikation zu sprechen. 1982 konnte er beispielsweise mit seiner Familie in eine der ersten sieben behindertengerechten Wohnungen in Stralsund ziehen, weil er sich immer wieder umgehört hatte. Außerdem habe er noch nie erlebt, „dass MS-Kranke geistig nicht aktiv sind“, sagt Tesmer mit Nachdruck.

Bei aller Offenheit sei es ihm übrigens nie „um Krawall gegangen“, wird er wieder sehr ernst. Man sehe ganz einfach in außergewöhnlichen Lebenssituationen manches anders, „wobei man nicht sofort auf die Barrikaden steigt, sondern vielmehr sachte vorgeht“.

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