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Stralsund Betreuung von Älteren: Neue Ideen gefragt
Vorpommern Stralsund Betreuung von Älteren: Neue Ideen gefragt
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04:58 05.03.2013
Jeden Tag besucht Veronika Maszohn (63) ihren Vater Johann B�rtl (88) in seinem neuem Zuhause Am Gr�nhain. In dem Pflegeheim leben alte Menschen in Wohngruppen. Quelle: Elena Vogt

Ende des Jahres 2011 waren 14 367 der 57 862 Einwohner 65 Jahre und älter. Viel mehr Menschen werden auf Pflege angewiesen sein. Wie ist Stralsund auf diese Entwicklung vorbereitet?

Johann Bärtl liest gerne den „Spiegel“ oder hört Schallplatten. Früher habe er sich jede Woche ein Buch gekauft und eine ganze Bibliothek besessen, sagt Tochter Veronika Maszohn (63). Heute ist im Zuhause des 88-Jährigen kein Platz für mehrere Bücherregale. Dafür bekommt er rund um Uhr Hilfe, wenn er sie benötigt. Seit vergangenem Herbst wohnt er im Haus „Am Grünhain“ — einer von fünf Wohlfahrtseinrichtungen der Stadt.

Auf 20 Quadratmetern stehen ein in der Höhe verstellbares Bett, seine Couchgarnitur mit Tisch sowie Schränke für Kleidung und persönliche Gegenstände. Im angeschlossenen Bad sind Handläufe an der Wand angebracht. Die Bewohner des Hauses können verschiedene Angebote in Anspruch nehmen. Neben Körperpflege, Seelsorge, therapeutischen Leistungen und der täglichen Verpflegung bietet die Einrichtung unterschiedliche Sport- und Freizeitangebote, wie Tai-Chi oder Singen. „Wir sind zufrieden mit dem Pflegeheim“, sagt die Tochter.

Johann Bärtl nickt zustimmend, dann schaut er auf den Boden. Über seinem Bett hängt ein Foto von ihm und seiner inzwischen verstorbenen Frau. So unterschiedlich die Bewohner von Pflegeheimen auch sind, viele verbindet die Trauer um den verstorbenen Partner.

„Winter ade, scheiden tut weh“ singt Henny Witt. Mit anderen Männern und Frauen — die meisten haben graues Haar, manche sitzen im Rollstuhl oder haben ihren Rollator neben sich geparkt — trifft sich die 85-Jährige einmal in der Woche zum Singen. Wann sie in das katholische Seniorenzentrum St. Josef eingezogen ist, weiß sie nicht mehr. An die Texte von alten Volksliedern kann sich die 85-Jährige aber genau erinnern.

Bewohner Dieter Albrecht (64) mag hingegen die Nähe zu den Stadtteichen, an denen er gerne spazieren geht. Insgesamt 95 Menschen leben in der vollstationären Pflegeeinrichtung. Laut Statistischem Jahrbuch 2012 stehen in Stralsund 782 Pflegeplätze zur Verfügung. Außerdem versorgen 21 ambulante Pflegedienste alte Menschen in ihrem Zuhause.

Acht von zehn Bewohnern seien dement, erklärt Thomas Witkowski (36), Leiter vom Caritas Seniorenzentrum. Allerdings spricht er lieber von „eingeschränkter Alltagskompetenz“. „Viele hoffen, dass am Ende alles gut wird“, sagt Pflegedienstleiterin Jana Zabel-Schmidt (40). Im letzten Lebensabschnitt, wenn das eigenständige Wohnen durch körperlichen, geistigen oder emotionalen Abbau nicht mehr möglich ist, bedeute eine Einrichtung mit christlichen Werten, eigenen Seelsorgerinnen und einer hausinternen Kapelle ein besonderes Gefühl von Sicherheit, sagt Zabel-Schmidt.

Neben elf Tagesgästen nutzen mehr als 40 Männer und Frauen das „Servicewohnen“ im St. Josef. Sie leben in ihrer eigenen, barrierefreien Wohnung und organisieren den Alltag selbständig. Wenn sie möchten, können sie jedoch auf Freizeit- und Beratungsangebote oder Hilfen zurückgreifen sowie einen Notrufknopf drücken.

Brigitta Schwerin (77) hat sich für eine 54 Quadratmeter Wohnung entschieden, weil sie gerne unter Menschen ist. Das Leben gleiche einer Hausgemeinschaft, in der jeder auf den anderen achte. Dafür zahlt sie 666 Euro monatlich. Nach einer Studie der Barmer GEK geben Betroffene im Leben durchschnittlich 31 000 Euro für die eigene Pflege aus.

„Wir müssen über neue Wohnformen nachdenken“, fordert Susanne Tessendorf. Die 52-Jährige arbeitet als Koordinatorin im Mehrgenerationenhaus. Einmal im Monat leitet sie eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Demenzkranken. Die Mehrheit der Teilnehmer betreut ihre Partner Zuhause. „Wir geben ihnen einen Ort, an dem sie aussprechen können, dass sie manchmal nervlich am Ende sind“, so Tessendorf. In anderen Städten, wie Anklam oder Berlin, haben sich beispielsweise Demenz-Wohngemeinschaften gegründet.

„Die ganze Gesellschaft muss sich auf den alternden Menschen einstellen“, sagt Thomas Witkowski. Die Stadt müsse die Barrierefreiheit des öffentlichen Raumes im Auge behalten, weiterhin könne darüber nachgedacht werden, die Länge von Ampelphasen auszudehnen. Spürbar ist bereits die Abwanderung von jungen und gutausgebildeten Arbeitskräften. „Tendenziell gibt es immer weniger Bewerber auf freie Stellen“, sagt Sabine Schwanz, Geschäftsführerin der Wohlfahrtseinrichtungen „Am Grünhain“, „Am Mühlgraben“, „Am Stadtwald“, „Rosa Luxemburg“ und „Brunnenaue“. Ziel müsse es zukünftig sein, dass sich die Entlohnung der Pflegekräfte dem West-Niveau anpasse.

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung geht davon aus, dass Pflegekräfte in den neuen Bundesländern durchschnittlich 2016 Euro verdienen — 18 Prozent weniger als ihre Kollegen im Westen. „Ich wünsche mir, dass Pflege eine andere Akzeptanz bekommt“, sagt Sabine Schwanz.

Serie

Eine Region im Wandel

Medizin kennt 50 Formen der Demenz

1,4 Millionen Männer und Frauen sind in Deutschland an Demenz erkrankt.

Neben dem Verlust der geistigen

Fähigkeiten können Betroffene, je nach Demenz-Form, mit Halluzinationen, Persönlichkeitsveränderungen und körperlichem Abbau zu kämpfen haben.

Die bekannteste der etwa 50 Demenz-Formen ist Alzheimer. Betroffene und Ratsuchende können sich an die Hotline 018 03 17 10 17 wenden.

„Demenz stellt alles auf den Kopf“
25 Jahre sind Marlies (73) und Richard (85) verheiratet. „Wir haben keine Sorgen, uns geht‘s gut“, sagt Richard oft. Manchmal streichelt er beim Frühstücken ihre Hand. Sie leben zusammen, doch für Marlies fühlt es sich so an, als sei Richard gar nicht mehr da. Sein Verschwinden aus ihrer gemeinsamen Welt hatte er nicht angekündigt. Als der Rentner aber immer öfter fremde Menschen in der Fußgängerzone ansprach oder Kartoffeln mit Äpfeln verwechselte, merkte Marlies, dass etwas nicht stimmte. Ein neurologischer Test bestätigte ihre Vermutung: Bei Richard Struck (Namen geändert) ist vor drei Jahren frontotemporale Demenz diagnostiziert worden. Bei der Krankheit werden Nervenzellen des Gehirns im Bereich von Stirn und Schläfe abgebaut.

Im Zuge des demografischen Wandels werden immer mehr Menschen von der Krankheit betroffen sein und von anderen gepflegt werden müssen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geht davon aus, dass im Jahr 2050 voraussichtlich drei Millionen Menschen in Deutschland an Demenz leiden werden.

„Die erste Zeit ist für Angehörige am schlimmsten“, sagt Marlies Struck. Deshalb sei es sehr hilfreich, über die schwierige Situation und Gefühle wie Trauer und Hilflosigkeit zu sprechen. Mit anderen Angehörigen von Demenzkranken trifft sie sich einmal im Monat im Speicher am Katharinenberg.

Ist das Leben und Pflegen Zuhause nicht mehr möglich, sind Pflegeheime ein Ausweg. In Stralsund seien zwei von drei Bewohnern der städtischen Wohlfahrtseinrichtungen demenziell erkrankt, so Geschäftsführerin Sabine Schwanz (60). Nach Aussage des Seniorenzentrums St. Josef haben dort sogar acht von zehn Bewohnern eine eingeschränkte Alltagskompetenz. Aussicht auf Heilung besteht nicht, durch Therapie lässt sich der Krankheitsverlauf verzögern.

Richard Struck hat Glück: Er wohnt noch in den eigenen vier Wänden. An vier Tagen in der Woche geht er von 7.30 bis 15.30 Uhr in die Memo Clinic, eine Tagesklinik. „Dann sind andere für ihn verantwortlich“, sagt seine Frau, „das ist wichtig für mich.“ Aus seiner Geliebten ist seine Pflegerin geworden. „Demenz stellt das ganze Leben auf den Kopf“, meint Birgit Schmidt (53), Leiterin des sozialen Dienstes im St. Josef. Bei vielen erkrankten Menschen kämen Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg und traumatische Erlebnisse wie Vergewaltigungen auf einmal wieder hoch.

Angehörige von Demenzkranken treffen sich jeden 3. Donnerstag im Monat um 9.30 Uhr im Mehrgenerationenhaus.

Elena Vogt Elena Vogt

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